Selbstversuch als Wahlhelferin

Ein Teil der Demokratie sein

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Vor dem Auszählen müssen die Stimmzettel auseinander gefaltet werden. Ich (Rieke Rohlfing, Mitte) bilde zusammen mit Marion Böhsl (links) und Ingrid Stühring (rechts) mehrere Stapel, um danach die Stimmen zählen zu können.

Br.-Vilsen - Von Rieke Rohlfing. Sonntag, 21.30 Uhr in Deutschland. Während andere gemütlich auf ihrer Couch sitzen und den Tatort schauen, trete ich aus dem Wahllokal in den dunklen Abend. Ich bin müde, aber auch voller neuer Erfahrungen. Achteinhalb Stunden habe ich als Wahlhelferin einen Beitrag zur Demokratie geleistet.

Wahlhelferin sein - ein Sonntagsopfer ist es für die einen, andere schauten mich erstaunt an, wenn ich ihnen davon erzählte. „Du machst das freiwillig?“, fragten sie mich. Und ja. Ich hätte mir auch einen entspannten Sonntag bei schönem Wetter machen können. Aber ich bin ein neugieriger Mensch. Daher wollte ich auch einen Blick hinter die Kulissen einer Kommunalwahl werfen.

Nachdem ich im April die Bundespräsidentenwahl in Österreich als Studentin in Wien hautnah miterlebt habe, kam mir der Gedanke auf. Warum auch nicht? Es kann sich jeder Wahlberechtigte ganz einfach im Rathaus melden. Gesagt, getan. Im Mai bekam ich schon die Benachrichtigung, dass ich dabei bin.

Als ich am Sonntag im Wahllokal ankomme, sitzt die erste Schicht seit fast fünf Stunden im Saal des Gasthauses Mügge. Es ist kurz vor 13 Uhr, als ich dazu stoße. Gleich ist Schichtwechsel. Vorher mache ich aber noch meine Kreuze auf den drei großen Stimmzetteln.

Aufgabe: Stimmzettel müssen in die richtige Urne

Zum Wechsel sind viele Wähler im Wahllokal. Schnell werden noch zwei weitere Wahlkabinen aufgebaut, sodass jetzt fünf Wähler gleichzeitig die Chance haben, ihre Stimme abzugeben. Nach einem kurzen Kennenlernen mit den weiteren vier Wahlhelfern und einer Einweisung geht es auch schon los.

Ich darf den Posten an den drei Wahlurnen einnehmen und darauf achten, dass die Wähler ihre Stimmzettel in die richtigen Urnen werfen. Alles ist mit Farben genauestens organisiert, sodass eigentlich nichts schief gehen kann. Am Morgen landeten aber schon alle drei Zettel in einer Urne, erfahre ich.

Die anderen vier Wahlhelfer kümmern sich um die weiteren Aufgaben: Wahlbenachrichtigungen in Empfang nehmen, überprüfen, ob die Bürger auch im richtigen Wahllokal sind, in der Liste abstreichen und die Stimmzettel ausgeben.

Amt des Beisitzers ein verpflichtendes Ehrenamt

Insgesamt gibt es in der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen 187 Wahlbeisitzer in 22 Wahllokalen sowie zwei Briefwahlvorstände. In Deutschland ist das Amt des Beisitzers ein verpflichtendes Ehrenamt. Wahlberechtigte können sich freiwillig melden, aber wenn es nicht genug Helfer gibt, können die Gemeinden Bürger zu dem Amt verpflichten.

In Bruchhausen-Vilsen trifft es zudem viele Mitarbeiter aus dem öffentlichen Dienst. So auch die meisten meiner Kollegen, die häufig schon eine langjährige Erfahrung als Wahlhelfer mitbringen. Ich bin neu dabei und mit meinen 20 Jahren eine der Jüngsten. Die meisten Beisitzer in der Samtgemeinde sind über 40 – die Jüngste hat jedoch mit 16 Jahren gerade erst das Wahlalter erreicht.

Die Stunden ziehen dahin. Ich mache weiter meine Aufgabe, helfe den Wählern, wenn mal eine Frage auftaucht oder beobachte einfach das Geschehen. Großartig gefordert werde ich nicht, aber das war auch nicht zu erwarten. Zwischendurch reißt der Wählerstrom auch mal ab und es ist niemand da - Zeit für ein Stück Kuchen.

„Da fehlt aber die Faltanleitung“

Während ich hinter den drei versiegelten Wahlurnen aus dickem Karton stehe, rechts von mir die Wahlkabinen genutzt werden und links meine Kollegen am Tischen sitzen und ihre Aufgaben machen, höre ich immer wieder die gleichen Sprüche der Wähler – besonders zu der Größe der Stimmzettel. „Da fehlt aber die Faltanleitung“, „das ist ja ein ganzer Baum“ oder „damit kann man ja eine ganze Wand tapezieren“ sind nur einige, die gefallen sind.

Aber ja, gerade in meiner Position merke ich, wie überfordert manch einer mit der Größe der Stimmzettel ist und die Faltkunst nur bedingt beherrscht. So kommt es auch mal vor, dass jemand den Zettel einfach in den kleinen Schlitz stopft, weil er nicht perfekt gefaltet ist. Also: Nochmal von vorne. 

Langsam neigt sich der Wahlzeitraum dem Ende hinzu. Wähler, die ihre Briefwahlunterlagen abgeben wollen, werden zum Rathaus geschickt, manchen wird nochmal erklärt, wie viele Stimmen sie haben und andere verabschieden sich mit einem „Viel Spaß beim Auszählen“, aber auch einem „Danke“.

Auszählen in Gruppen

Um Punkt 18 Uhr steht der letzte Wähler im Saal. „Es ist doch noch nicht 18 Uhr?“, fragt er, darf noch wählen und dann geht es ganz schnell. Die Wahlhelfer aus der ersten Schicht sind wieder da, Tische werden zusammengeschoben und die erste Wahlurne auf den Tischen ausgeschüttet. Alle helfen beim Auseinanderfalten mit, sodass wir anschließend in Gruppen auszählen können.

Dazu benutzen wir Zähllisten, an denen die Anzahl der Stimmen abgestrichen werden. Einer liest die Stimmen vor, drei andere streichen ab und mit der Zeit geht das immer schneller. Kandidat Nr. 1, Partei xy eine Stimme, Strich. Kandidat Nr. 5, Partei yz drei Stimmen, Strich, Strich, Strich. Irgendwann geht es wirklich leicht von der Hand. Das Auszählen ist übrigens öffentlich – es kann also jeder Bürger zuschauen. Bei uns verirrte sich aber niemand hinein.

Keiner hat sich verzählt

Nach drei Stunden sind wir fertig. Drei Wahlen sind ausgezählt und niemand hat sich verzählt. Die Zahlen stimmen. Alle sind froh, wirken aber auch ein bisschen müde und kaputt. Immerhin hat jeder einen langen Tag hinter sich. Die Zahlen werden an das Rathaus durchgegeben, die letzten Unterschriften werden gesetzt und Unterlagen zusammengepackt, damit sie ins Rathaus gebracht werden können.

Gegen 21.30 Uhr treten wir nach draußen. Ich atme die frische Luft ein und merke erst jetzt, wie müde ich wirklich bin. Aber ich bin um viele Erfahrungen reicher. Natürlich bringt der Job als Wahlhelfer nicht viel Aufwand mit sich. Aber es ist interessant, dabei zu sein, das Auszählen macht Spaß und die Wähler und Kollegen für einen Tag sind nett und freundlich. Ich bin froh, dass ich dabei war – und kann mir vorstellen, nochmal einen Teil zur Demokratie beizutragen.

Mit 50 Euro mehr in der Tasche verabschieden wir uns und verschwinden in die Nacht. Bis zum nächsten Mal vielleicht.

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