Junge holt Defizite mit Reiten auf

Unterernährt und vernachlässigt: Kleiner Max findet langsam zurück ins Leben

Der kleine Max geniesst das Reiten, das ihm in seiner Entwicklung hilft: Sprache und Koordination werden gefördert.
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Der kleine Max geniesst das Reiten, das ihm in seiner Entwicklung hilft: Sprache und Koordination werden gefördert.

Vertrauen und Vorfreude leuchten aus den Augen von Max (Name von der Redaktion geändert). Mit dem leuchtenden grünen Helm auf dem Kopf darf er in wenigen Sekunden starten: auf dem Rücken von „Blitz“, einem geduldigen Pony.

Bücken – Reitend zurück ins Leben, was für Max eine unvorstellbare Herausforderung bedeutet. Der kleine Junge mit dem herzlichen Lachen ist stark entwicklungsverzögert. Defizite, die wie ein Stempel aus seiner frühen Kindheit sind.

Rückblende: Max ist etwas über ein Jahr alt, als sein Vater ihn ins Krankenhaus bringt. Dass sein Sohn unterernährt und vernachlässigt ist, scheint der Mann bisher nicht wahrgenommen zu haben. Die Klinik informiert das Jugendamt – Max kommt ins Kinderheim „Kleine Strolche“. Dort hat er also fast sein halbes Leben verbracht.

Einmal pro Woche darf Max auf dem Rücken eines Ponys sitzen. Erzieherin Vanessa Schou und Hannah Meyerhof, Psychologin und Reittherapeutin, stehen ihm zur Seite. Mit schaukelnden Bewegungen setzt sich „Blitz“ in Bewegung. Im langsamen Schritttempo trägt es den Jungen über den Reitplatz.

In diesen Korb muss Max die beim Reiten gesammelten Tiere legen.

Max weiß, was er zu tun hat. Auf zwei Plastikwürfeln in leuchtendem Gelb und in Blau hat Hannah Meyerhof kleine Plastiktiere platziert – einen Hund, einen Elefanten und andere mehr, die Max greifen soll. Ein nicht enden wollendes Spiel, weil auf dem 40 mal 20 Meter großen Reitplatz mehrere solcher Plastikwürfel-Stelen stehen. Max streckt seine kleinen Hände schon aus, lange bevor das Pony die Station erreicht hat: Das macht er sichtlich zu gern. Was für ihn ein großer Spaß ist, hilft ihm beim Aufholen seiner Entwicklungsverzögerung enorm. Jedes Tier fühlt sich anders an, aber jedes muss Max in einen Weidenkorb am Ende des Reitplatzes legen.

Mit aufmunternden, bestärkenden Worten begleiten Vanessa Schou und Hannah Meyerhof ihren Schützling. Die wöchentliche Reittherapie ist auf etwa 20 Minuten begrenzt, um Max nicht zu überfordern. Aber sie wirkt, wie die Psychologin erläutert. Anfangs habe er kein Wort gesprochen, sich dann mit einem schlichten „Da!“ verständigt. „Jetzt ist er richtig aufgeblüht“, freut sich Hannah Meyerhof. Max redet, kann Schaf, Hund, Ziege und mehr mit Worten benennen. Ein Erfolg, der aber nur aus Spenden finanziert werden kann. Das Jugendamt übernehme diese Kosten nicht, stellt Bernhard Schubert als Geschäftsführer des Kinderheims „Kleine Stroche“ fest.

Es ist der Förderverein der Einrichtung, der die Reittherapie möglich macht – und es gibt Spender. Den Reitplatz hat die Smurfit Kappa Foundation finanziert, eine Stiftung. „Der Platz wird jeden Tag genutzt“, betont Bernhard Schubert im Gespräch am Rande des Platzes am Rittergut Ovelgönne in Bücken. Insgesamt sechs Pferde stehen für die Reittherapie zur Verfügung.

Rund 70 Kinder leben zurzeit in den Einrichtungen des Kinderheims – die jüngsten sind gerade einmal zwei Wochen alt. Immer wieder melden sich Jugendämter bei Bernhard Schubert, um nach Aufnahmemöglichkeiten für Kinder zu fragen. Es sind Jungen und Mädchen, die von ihren Eltern nicht ausreichend versorgt werden oder vor ihnen geschützt werden müssen.

Zum Greifen nah: ein Spielzeughund auf einer Plastikstele.

Zurück zu Max: Er macht sich mit einem vergnügten Lachen bemerkbar, und wiederholt Worte. Hätte es für ihn und andere sprachgestörte Kinder eine Alternative zur Reittherapie gegeben? „Die Jugendämter verweisen auf die Krankenkassen, wenn es um Sprachförderung geht“, antwortet Bernhard Schubert. Dann müsse zunächst einmal die Krankenkarte her, und dann brauche es Verordnungen für die Logopädie – ein viel zu oft langwieriger Prozess, bei dem wichtige Zeit verstreiche. Sprachförderung müsse gerade bei den Kindern mit Entwicklungsverzögerungen aber sehr schnell erfolgen: „Sprache ist der Schlüssel zur Welt.“

Eine wichtige Basis für die Reittherapie: Spenden aus dem Förderverein. Rund 60 Mitglieder gibt es bereits, weitere sind willkommen. Auch Unternehmen unterstützen die Arbeit mit stark traumatisierten Kindern per Spende. Manche ganz handfest: Mehr als 30 Auszubildende von Smurfit Kappa aus Hoya hatten das Kinderheim mit einem zweitägigen Arbeitseinsatz beim Reitplatz im Therapiezentrum auf dem Rittergut in Bücken unterstützt. Jetzt fehlen dort nur noch die Scheinwerfer an den Lichtmasten.

Geplant ist seit Jahren, auf dem Rittergut in einem Ersatzneubau der abgängigen Scheune ein Zuhause für14 Kinder zu schaffen. In zwei Gruppen sollen die Ein- bis Sechsjährigen dort leben und sich mit fachtherapeutischer, liebevoller Begleitung entwickeln können – ein Fundamt fürs Leben. Der Bauantrag ist längst gestellt, die Genehmigung lässt aber seit Jahren auf sich warten.

Und Max? Die Therapiestunde ist vorüber, Hannah Meyerhof sehr zufrieden mit dem Verlauf. Sie freut sich, dass ihre Arbeit ihm und auch anderen Kindern hilft – wie einem vernachlässigten Mädchen, das nicht laufen konnte. Weil es beim Reiten das Gleichgewicht halten muss, hat es ein neues Körpergefühl entwickeln können. „Das Laufen ist schon viel besser geworden“, freut sich die Reittherapeutin.

Der Film „In Obhut – wenn die eigenen Eltern zur Gefahr werden“ gibt Einblick in die Arbeit mit traumatisierten Kindern. Abrufbar ist er auf der Internetseite des Kinderheims unter https://kinderheim-kleine-strolche.de/ueber-uns.

Von Anke Seidel

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