Reale Szenen wandeln sich in Fiktion um

Claudia Herbst aus Hustedt schreibt Romane des Genres Low Fantasy

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Mit einem Füller schreibt Claudia Herbst alle Manuskriptseiten ihrer Romane.

Hustedt - Von Horst Friedrichs. „Nestor“ ist ein Falbe, ein Hengst unbekannter Abstammung und unbekannter Rasse. Seine Mähne und sein Schweif sind schwarz, bilden einen bestechenden Kontrast zum sandfarbenen Fell. Claudia Herbst und Nestor sind unzertrennlich. In der Realität ist sie seine Besitzerin, in ihren Romanen ist er der Gezeitenläufer, ein Protagonist der metaphysischen Art. „Parallelweltgeschichten“ nennt die in Hustedt wohnende Autorin denn auch den Inhalt der Manuskripte, die sich in ihrem Arbeitszimmer zu einem beachtlichen Stapel angesammelt haben.

Beachtlich ist indes nicht nur die Zahl der Textseiten, die Claudia Herbst Tag für Tag verfasst. Es ist der handwerkliche Teil ihres Schreibens, der in sich schon wie aus einer längst vergangenen Zeit anmutet. Zeile für Zeile, Wort für Wort und Buchstabe für Buchstabe bringt sie fein säuberlich mit einem edlen Füllfederhalter zu Papier. Und so verwundert es nicht, dass die Hustedter Autorin als Arbeitskleidung bisweilen gern ein historisches Kostüm anzieht, in dem es ihr noch fühlbarer gelingt, sich schreibend in längst vergangene Zeiten zu versetzen.

„Mein Genre ist die Low Fantasy“, beschreibt Claudia Herbst den Inhalt ihrer Romane und Kurzgeschichten. „Da gibt es keine feuerspeienden Drachen und furchterregende Fabelwesen.“ Das Übersinnliche entwickelt sich bei ihr - etwa in ihrer aktuellen Serie „Gezeitenläufer“ - auf subtile und eher behutsame Weise.

Pferde spielten für sie im wirklichen Leben schon immer eine Hauptrolle. So war sie über zehn Jahre eine erfolgreiche Turnierreiterin. Zwei Vitrinen voller Pokale und Trophäen zeugen davon.

So ist es nicht verwunderlich, dass der erste Roman in ihrer aktuellen Serie „Gezeitenläufer“ ebenjenen Nestor vorstellt, den Claudia Herbst der persönlichen Wirklichlichkeit für ihre parallelen Romanwelten entlehnt hat. Mit ihrem Vater wohnt sie auf einem Resthof am Rand des Martfelder Ortsteils Hustedt. Zwei Pferde besitzt sie in der realen Welt, den Falben und ein weiteres. Beide sind auf einem Hof in Duddenhausen untergebracht. Beruflich fährt sie jeden Tag nach Bremen, wo sie in einem renommierten großen Einzelhandelsbetrieb als Fachverkäuferin von Fischfeinkost arbeitet. Außerdem trägt sie in Hustedt für den Aller-Weser-Verlag den „Wochen-Tipp“ aus. In ihrer freien Zeit bringt sie all jene Gedanken zu Papier, die ihr buchstäblich zufließen. Vieles entwickelt sich bei Aufenthalten in ihrem Lieblings-Urlaubsland Schleswig-Holstein.

„Ich verharre auf der Brücke über den Warftgraben der Kirche St. Nikolai“, schildert Claudia Herbst eine reale Szene, die sich in ihrer Fantasie in Fiktion umwandelt. Die wuchtige alte Kirche steht auf einer Warft in Eiderstedt in Schleswig-Holstein.

Bei einem ihrer Urlaubsaufenthalte in St. Peter Ording hat sich die Autorin den Schlüssel für St. Nikolai besorgt und spielt dort, in jenem Moment auf der Brücke, mit dem Gedanken, den Schlüssel in den Wassergraben zu werfen. Dabei ahnt sie noch nicht, dass es sich um eine Duplizität fiktiver Ereignisse handelt, die von diesem Moment an ihren Lauf nehmen. So geht es ihr in ähnlichen Situationen immer wieder. Auch in diesem Fall entsteht aus den möglichen Weiterentwicklungen des angedachten Schlüsselwurfs eine Romanszene, ein Romananfang - eine Schlüsselszene in mehrfachem Wortsinn.

Nestor ist zur Stelle und geleitet seine Hüterin in jene Parallelwelt vor 165 Jahren, als die katholisch-niederländische Spökenkiekerin Spjuta in Eiderstedt Unruhe stiftete und mit dem streng lutheranischen Pastor in Streit geriet. Den Kirchenschlüssel, den sie sich zum Beten ausgeliehen hat, schleudert Spjuka während des Wortgefechts mit dem zürnenden Geistlichen in den Graben. Es ist bereits Romangeschehen, als dessen Heldin, die in der Echtzeit Rina heißt und autobiografische Züge Claudia Herbsts trägt, mithilfe zweier Dorfkinder den Kirchenschlüssel wiederfindet. Im Uferschlick entdecken die drei Suchenden einen weiteren, stark korrodierten Schlüssel, der - wie sich herausstellt - aus den 1850er-Jahren stammt und damals zur Kirchentür von St. Nikolai passte. Nestor ist gleichfalls zur Stelle und geleitet Rina auf der Zeitenwanderung in die strenggläubig-dörfliche Welt des 19. Jahrhunderts, wo sie als Spjuka deren Vermächtnis erfüllen und den „Schlüssel von St. Nikolai“ - so auch der Romantitel - zurückbringen wird.

Claudia Herbst schreibt Geschichten seit ihrer Grundschulzeit - damals zur eigenen Unterhaltung. „In Deutsch hatte ich immer eine Eins“, erinnert sie sich. „Aber in Mathe war ich ziemlich schlecht.“ Im Laufe der Jahre wurde das Schreiben für sie zur Passion. Ihre Romane und Kurzgeschichten hat sie bereits vielen Verlagen angeboten, und es gab auch viele lobende Lektoren-Worte für ihre Werke. Nur auf den richtigen Partner für einen Verlagsvertrag ist sie noch nicht gestoßen. Trotzdem will sie weiter den steinigen Weg beschreiten und es sich nicht einfach machen; im Selbstverlag will sie ihre Romane nicht herausbringen.

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