Protest gegen Tierfabriken in Nienburg und Wietzen läuft friedlich ab / Ein Neonazi stört / Aktivisten wollen Denkanstöße geben

„Bescheuert – ich esse gerne Fleisch“

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Die Tierschutz-Aktivisten aus dem Camp in Balge demonstrierten am Sonnabend zunächst in der Nienburger Innenstadt.

Nienburg/Wietzen - Von Julia Kreykenbohm. Der ältere Mann auf dem Elektromobil mustert skeptisch die Flyer und Broschüren über vegane Ernährung, die die junge Aktivistin vom „Aktionscamp gegen Tierfabriken“ vor sich auf dem Info-Tisch ausgebreitet hat. Die Sonne strahlt vom blauen Himmel und der Wochenmarkt in der Nienburger Innenstadt neigt sich dem Ende entgegen.

„Wissen Sie, schon unsere Urahnen haben Fleisch gegessen“, sagt der Besucher. „Man muss doch aber nicht alles so machen, wie unsere Ahnen es gemacht haben“, kontert die junge Frau freundlich, aber bestimmt. „Man kann die Welt doch verändern.“ Der Mann blickt noch skeptischer: „Sie wollen die Welt verändern?“ „Ich will auf jeden Fall meinen Teil dazu leisten“, sagt sie. Als der Mann kurze Zeit später kopfschüttelnd weiterfährt, lächelt sie dennoch. „Mir ist klar, dass ich kaum jemanden bekehren werde. Aber vielleicht kann ich einen Denkanstoß geben, das ist ja auch Sinn der Aktion.“

Ins Gespräch kommen, informieren, wachrütteln – das waren die Ziele der

rund 40 Teilnehmer des Aktionscamps in Balge, die am vergangenen Sonnabend nach Nienburg gekommen waren. Im Fokus stand der Protest gegen den Schlachthof Wiesenhof in Wietzen-Holte, der sich demnächst vergrößern will.

„Aber es geht auch um die Tötung von Tieren und ihre katastrophale Haltung in Massenbetrieben generell“, erläutert Konrad Eckstein, der aus Hamburg angereist ist. Doch auch die Menschen, die in solchen Betrieben arbeiten, habe man im Blick. „Im Grunde leiden alle unter der Profitgier und darauf wollen wir aufmerksam machen, denn die Folgen sind schlimm – in Deutschland und global, für Mensch und Tier. Vermutlich denken sehr viele wie wir. Heute möchten wir daran erinnern, dass man seine Kritik auch laut sagen muss, damit sich etwas verändert.“

Die Teilnehmer der Aktion entrollen Transparente, schwenken Fahnen in der Nähe des Spargelbrunnens und rufen Parolen wie: „Wer vom Tiermord profitiert, dem sei die Pleite garantiert“. Moralische Unterstützung bekommen sie von einigen Mitgliedern der Gruppe „Attac“ aus Nienburg. „Diese Thematik bekommt gerade vor dem Hintergrund des Transatlantischen Freihandelsabkommens – besser bekannt als TTIP – neue Brisanz, darum sind wir hier“, sagt Wolfgang Kopf von „Attac“, der den jungen Leuten immer wieder Beifall klatscht.

Einige Besucher des Marktes bleiben stehen und spähen teils interessiert, teils unsicher auf die kleine Demonstration. „Im Grunde finde ich diese Forderung richtig“, sagt Uwe Peter aus Nienburg. „Aber man weiß bald nicht mehr, was man noch kaufen soll. Ich wäre bereit, mehr Geld für Bio-Fleisch auszugeben, wenn ich wüsste, dass es auch wirklich Bio-Fleisch ist.“ Angelika Zimmer aus Warmsen mischt sich ein: „Aber wenn Sie wissen, was bei Wiesenhof passiert, können Sie diesen Betrieb doch schon mal boykottieren. Ich tue das seit Jahren und kaufe nur von Kleinbetrieben.“

Andere Passanten zeigen weniger Verständnis für die Forderungen der Aktivisten. „Bescheuert“, kommentiert ein Mann trocken im Vorbeigehen. „Ich esse gerne Fleisch.“ Wieder andere ignorieren die Versammlung komplett. „Diese Reaktionen sind normal“, sagt Katharina aus Braunschweig, die fleißig Flyer in der Hitze verteilt. „Ich war in den Jahren davor auch mit dabei und muss sagen,

„Es hat sich schon

etwas verändert“

dass sich schon etwas verändert hat. Es gibt ein gesteigertes Interesse und die Menschen haben mehr Vorwissen.“

Nur ein einziges Mal droht die Stimmung zu kippen, als ein polizeibekannter Neonazi aus Nienburg die Kundgebung mehrmals durch Zwischenrufe stört. Die Demonstranten wehren sich mit lauten „Nazis-raus-Parolen“, verfolgen den Mann mit Megaphon und Schildern und kreisen ihn ein, was für eine Weile den Fokus von der eigentlichen Thematik nimmt. Die Besucher sind verwirrt. „Wogegen demonstrieren die denn jetzt eigentlich?“, fragt eine Frau ihren Begleiter. „Nazis oder Wiesenhof?“ Schließlich erteilen die anwesenden Polizeibeamten dem Mann einen Platzverweis und nehmen ihn anschließend sogar in Gewahrsam, als er diesem nicht nachkommt.

Nachmittags geht es dann für die Gruppe weiter zum Protest auf das Gelände des Wiesenhofes in Wietzen, wo sie symbolisch das Stück Land besetzt, auf dem einmal der Neubau stehen soll. Am Ende sind sowohl Aktivisten als auch die Polizei, die mit 45 Mann im Einsatz war, mit dem Verlauf des Tages zufrieden. „Es war eine gelungene Sache und wir haben einige Menschen erreicht“, freut sich Tierschützerin Hanna Engelmann aus Nienburg.

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