Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg stellt ihre Buchlieblinge vor

Wo das pralle Leben tobt

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Annemarie Stoltenberg gab Tipps für den Leseherbst. Ihr Favorit ist der Roman „Justizpalast“ von Petra Morsbach. Im Hintergrund: Peter Schmidt-Bormann vom Kultur- und Kunstverein. 

Br.-Vilsen - In ihrem Lieblingsbuch dieses Herbsts tobt das pralle Leben. Das erklärte die NDR-Redakteurin und Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg, als sie am Donnerstagabend im Forum des Schulzentrums Tipps für den Leseherbst gab. Ihr Favorit ist der Roman „Justizpalast“ von Petra Morsbach.

Stoltenberg war wie in den Vorjahren auf Einladung der Buchhandlung Erich Meyer zu Gast in Bruchhausen-Vilsen. Auch dieses Mal waren fast alle Plätze im Forum belegt, rund 330 Lesebegeisterte aus Nah und Fern waren gekommen.

„Es ist immer eine Qual der Wahl, auszusuchen, was man vorstellt. Und es heißt nicht, dass Bücher, die nicht vorgestellt werden, schlecht sind“, begann Stoltenberg ihren Vortrag. In ihrer gewohnt lockeren Weise kommentierte sie dann 23 Bücher, vom Kriminalroman bis zur Biografie, vom Sachbuch bis zur Familiensaga.

Anders als bei anderen Literaturkritikern hört man von Stoltenberg nie den Satz „Dieses Buch ist schlecht geschrieben“. Vielmehr vermittelt sie dem Leser, worum es darin geht, formuliert das aber nicht als reine Inhaltsangabe, sondern setzt mehr auf die Emotionen, die das Gelesene hervorruft: „was Schönes fürs Herz“, „intelligente Unterhaltung“ oder eben „das pralle Leben, das da tobt“.

Das ganze Rechtswesen in einem Buch

Zu ihrem Lieblingsbuch dieses Herbsts, „Justizpalast“, sagte sie: „Ein Buch, das den Mikrokosmos des deutschen Rechtswesens in einen Roman bringt.“ Und das ein wenig auch ein Roman über eine Familie ist, genau wie „Zwischen ihnen“ von Richard Ford. Den bezeichnete sie als „großen amerikanischen Autor, von dem man immer gedacht hat, dass er den Nobelpreis bekommt“. Das hat bislang nicht funktioniert, dennoch lobte Stoltenberg den Roman, in dem Ford sehr persönlich über seine verstorbenen Eltern schreibt. „Das Buch ist leichtfüßig, aber in die Tiefe gehend.“

Begeistert zeigte sich Stoltenberg auch von „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky: „Das ist eine Liebesgeschichte, was Schönes fürs Herz.“ Im Mittelpunkt stehen eine alte Westerwälderin namens Selma, die den Tod voraussehen kann, und die Frage, was dieses Wissen mit den Bewohnern ihres Orts macht.

Skurril, heiter, melancholisch und auch musikalisch sei der Roman „Abschlussball“ von Jess Jochimsen. Ein Buch über einen Mann, der Musik bei einem Bestattungsunternehmen macht.

Stoltenberg hatte auch den Titel im Gepäck, der sie am meisten amüsiert habe: „Die Wurzel alles Guten“ von Miika Nousiainen. „Ein Finne mit einem sehr, sehr speziellen Humor.“ Der Autor beschreibt, wie sich zwei Halbbrüder per Zufall treffen, sich auf die Suche nach dem gemeinsamen Vater machen und auf dem Weg noch einige Halbgeschwister mehr entdecken, von denen sie bis dahin nichts gewusst hatten.

„Das Alphabet der Kindheit“ für gestresste Eltern

Für gestresste Eltern empfahl Stoltenberg das Buch „Das Alphabet der Kindheit“ von Helge-Ulrike Hyams. „Die Erziehungswissenschaftlerin verarbeitet darin in Artikeln, was sie viele Jahre als Pädagogin gelernt hat. Da geht es von K wie Kuscheltier über E wie Essen bis hin zu S wie Selbstmord, leider bei Jugendlichen nicht selten.“ Stoltenberg fügte hinzu: „Zehn Minuten in diesem Buch zu lesen, reicht, um sich wieder zu beruhigen.“

Ans Herz legte die Kritikerin den Zuhörern zudem Anuk Arudpragasams „Die Geschichte einer kurzen Ehe“. Auch wenn die Handlung in einem Flüchtlingslager tragisch sei: „Die Seele der Hauptfigur leuchtet in diesem Grauen“, bilanzierte Stoltenberg.

Schließlich wurde es sehr persönlich, denn am Ende der Veranstaltung stellte die Hamburgerin ein Buch ihrer Tochter vor, Gerhild Stoltenberg, „Überall bist du“. „Meine eigene Tochter, die es hätte besser wissen können, hat es trotz aller Warnungen gewagt, mit einem Romandebüt“, sagte Annemarie Stoltenberg. „Bei einer ihrer Lesungen hörte ich, wie sie gefragt wurde, warum sie Schriftstellerin geworden ist. Sie erzählte, als Kind habe sie im Meer eine Feuerqualle berührt und wegen der Schmerzen bitterlich geweint. Ihre lesende Mutter – ich – habe daraufhin gesagt: ,Warte mal kurz, ich hab noch 30 Seiten. Die lese ich schnell zu Ende, dann tröste ich dich.‘“ Mit dieser lustigen Episode und einem kurzen Auszug aus dem Buch beendete Stoltenberg die Buchvorstellung.

Peter Schmidt-Bormann vom Kultur- und Kunstverein der Samtgemeinde bedankte sich bei Stoltenberg mit einem Blumenstrauß für den „geistreichen und unterhaltsamen Abend“.

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