Lindenbergplatz

Bürgermeister von Bruchhausen-Vilsen mahnt: Sensibles Thema nicht unter Zeitdruck entscheiden

Panoramaaufnahme der Ortsmitte von Bruchhausen-Vilsen.
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Der Platz vor dem Haus Bullenkamp (links) soll nach den langjährigen jüdischen Besitzern Lindenberg benannt werden, beantragen die Grünen.

Bruchhausen-Vilsen – Der Platz vor dem ehemaligen Geschäft Bullenkamp in Vilsen soll den Namen Lindenbergplatz erhalten und damit nach einer jüdischen Familie benannt werden, die dort mindestens 150 Jahre lebte. Der Fraktionen der Grünen im Gemeinderat hat den Eindruck, der Rat bremse dieses Thema aus. Bürgermeister Lars Bierfischer (SPD) widerspricht vehement.

Update vom 29. April. Br.-Vilsen – „Wir müssen das jüdische Leben und die Untaten der Nationalsozialisten in unserem Ort aufarbeiten. Aber das darf kein Wahlkampfthema werden. Dafür ist es zu ernst und zu sensibel“, sagt Bruchhausen-Vilsens Bürgermeister Lars Bierfischer und nimmt auf Anfrage der Kreiszeitung Stellung zu den Äußerungen der Grünen-Fraktion, die die Benennung eines Platzes nach der jüdischen Familie Lindenberg vorantreiben wollen.

Inhaltlich wolle er sich an dieser Stelle nicht zum Antrag der Grünen äußern, schickt er vorweg. Um einer Diskussion in den Gremien nicht vorzugreifen, argumentiert er. Den Vorwurf, der Rat verschleppe und bremse das Thema aus, könne er als Vorsitzender dieses Gremiums jedoch nicht stehen lassen.

Der Ausschuss für Jugend und Soziales habe im November „mit breiter Zustimmung“ beschlossen, eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus zu errichten und sich in diesem Zusammenhang auch Gedanken um die Platzbenennung zu machen. „Ich hätte mir sehr gewünscht, wir wären zu diesem Zeitpunkt weiter in der Planung“, sagt Lars Bierfischer. Den Auftrag, eine Interessen- oder Arbeitsgemeinschaft zu gründen, die sich inhaltlich intensiv mit dem Thema befasse, habe er wegen der Pandemie bedingten Maßnahmen seitdem nicht umsetzen können. Bürger, Historiker, Archivare wünsche er sich in dieser Gruppe. „Man darf aber seit Monaten nicht zu einem solchen Treffen einladen“, erinnert er. Diesen Umstand als „verschleppen“ zu bezeichnen, verstehe er als Vorwurf und weise diesen von sich.

„Nicht nur Juden sind damals Opfer der zu verachtenden Taten der Nazis geworden“, sagt er. „Wir müssen daran erinnern, damit das nie wieder passieren kann“, sei sein persönliches Anliegen. Sowohl die Errichtung der Gedenkstätte als auch die Platzbenennung nach Opfern dieser Zeit verlange, sich „ernsthaft, sensibel und nicht unter Zeitdruck“ mit jener Zeit zu befassen. „Dieses Anliegen habe ich bisher auch bei der Mehrheit des Rates so verstanden“, führt er aus.

Enttäuscht sei er über die Formulierung, „es ist schwer vorherzusagen, ob in der geplanten Ratssitzung eine echte Beratung im Sinne eines offenen Meinungsaustauschs erfolgen kann“, wie es Grünen-Fraktionsvorsitzender Bernd Schneider ausgeführt hatte. Lars Bierfischer verstehe auch das als Vorwurf, den er ebenfalls vehement zurückweise. Die Funktion von öffentlichem Fach- und nicht-öffentlichem Verwaltungsausschuss (VA) sei es, Themen vorzudiskutieren. Einen Aufstellungsbeschluss winke der Rat mitunter durch. „Bei kontroversen Themen wie dem Gästehaus am Heiligenberg und dem Hochregallager von Vilsa haben jedoch immer auch im öffentlichen Rat ausführliche Diskussionen stattgefunden“, erinnert er und betont, er habe den Bürgern in den Einwohnerfragestunden Gelegenheit gegeben, sich zu äußern, „mehr, als dieser Tagesordnungspunkt das erlaubt“. Die Unterstellung, beim Thema Gedenkstätte oder/und Lindenbergplatz könne eine öffentliche Diskussion zu kurz kommen, „kann ich so nicht stehen lassen“, sagt der Bürgermeister mit Nachdruck.

Der Antrag der Grünen zur Platzbenennung habe rechtzeitig auf seinem Schreibtisch gelegen, sagt Lars Bierfischer. Bevor sich die Fraktion an die Öffentlichkeit gewandt habe, habe er ihr schriftlich bestätigt, dass ihr Antrag auf die Tagesordnungen des VA und des Rates aufgenommen werde. Auf Nachfrage sagt er, er habe Grünen-Sprecher Bernd Schneider auf seine Ausführungen im Artikel angesprochen und seine Position dazu dargelegt.

Artikel vom 27. April. Der Platz vor dem ehemaligen Geschäft Bullenkamp in Vilsen soll den Namen Lindenbergplatz erhalten und damit nach einer jüdischen Familie benannt werden, die dort mindestens 150 Jahre lebte. Das ist nicht nur öffentlich erklärter Wunsch der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, sie hat jetzt einen entsprechenden Antrag gestellt und erwartet, dass darüber während der nächsten öffentlichen Sitzung des Fleckenrats am 2. Juni abgestimmt wird. „Wir haben den Eindruck, dass der Rat das Thema Platzbenennung verzögert und ausbremst“, formulieren die Mitglieder der Fraktion gegenüber der Redaktion den Hintergrund ihres Antrags.

Dafür machen sie unterschiedliche Gründe aus. „Möglicherweise will man sich nicht klar zu dem seinerzeitigen Fehler/Irrtum der Benennung in Bullenkampplatz bekennen“, vermutet Bernd Schneider als einer der Unterzeichnenden. Der aus Vilsen stammende Klaus-Peter Klauner hatte sich seinerzeit aus der Ferne für die Benennung nach den Lindenbergs stark gemacht (wir berichteten) und sich zuletzt mit einem Schreiben an die Fraktionen in Erinnerung gebracht. Dieses bewerten die Grünen als „polemisch“ und vermuten, Klauner solle deshalb kein Erfolg gegönnt werden.

„Andere möchten keine kritische Diskussion über die Zeit des Nationalsozialismus im Ort, manche sehen keine Notwendigkeit des Erinnerns“, nennen die Grünen als weitere mögliche Gründe, dass das Thema von der Tagesordnung verschwunden scheint.

Mit der Benennung in „Lindenbergplatz“ komme die Gemeinde ihrer Verantwortung zum kritischen Umgang mit der Geschichte nach, begründen die Grünen ihren Antrag. Neben der historischen Orientierung werde dadurch auch wieder die räumliche Orientierung ermöglicht, meinen sie.

Vor einer erneuten Benennung sollte zunächst das Projekt „Stolpersteine“ des Gymnasiums Bruchhausen-Vilsen im Mittelpunkt stehen, hieß seinerzeit ein Argument. „Die Stolpersteinaktion ist im vergangenen Jahr mit der ersten Verlegeaktion sehr erfolgreich gelaufen und zu einem großen Teil abgeschlossen, sodass die Benennung jetzt angegangen werden kann und sollte“, meinen die Grünen.

Für die Mitglieder der Grünen-Fraktion sei die Beschäftigung mit der Geschichte des Ortes in der Zeit des Nationalsozialismus notwendig. „Die Aktivitäten zur Verlegung der Stolpersteine sind für uns ein wichtiger Anfang für die überfällige Auseinandersetzung mit der damaligen Zeit im Ort. Als weiteren Schritt haben wir die Überlegungen zur Gedenkstätte für die Opfer der NS-Zeit begrüßt“, heißt es in der Pressemitteilung.

Den Platz nach den Lindenbergs zu benennen, werde auch von der Interessengemeinschaft Synagoge in Hoya (IG) angeregt, führt Bernd Schneider an. Die IG habe die Recherchen in Bruchhausen-Vilsen mit ihrem Fachwissen unterstützt. Aus einem Brief der IG vom 30. Juli 2020 zitiert Bernd Schneider: „Wir würden begrüßen, wenn die Familie Lindenberg durch die Namensgebung ,Lindenbergplatz’ über die Verlegung der Stolpersteine hinaus öffentlich gewürdigt würde.“

Eine öffentliche Beratung zur Platzbenennung hatten sich die Grünen für die Sitzung des Fachausschusses Jugend und Soziales am 6. Mai gewünscht. Wegen der Vorgaben zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind aber alle Ausschusssitzungen abgesagt worden (wir berichteten). Die „wesentlichen Beratungen“ zur Platzbenennung, so Schneider, werden daher in den Fraktionen und dem Verwaltungsausschuss stattfinden. Diese Gremien tagen nicht-öffentlich.

Es sei schwer vorherzusagen, ob in der geplanten Sitzung des Fleckenrates am 2. Juni eine echte Beratung im Sinne eines offenen Meinungsaustausches erfolgen könne, sagt Bernd Schneider auf Nachfrage. Möglicherweise würden dann lediglich Argumente oder Gründe für das Abstimmungsergebnis ausgetauscht.

Rückblick

Der Gemeinderat hatte am 26. Juni 2019 entschieden, den Platz offiziell nach dem langjährigen Anlieger und Geschäftsmann Heinrich Bullenkamp zu benennen, eine Bezeichnung, die der Volksmund längst eingeführt hatte. Am 19. Februar 2020 nahm das Gremium diesen Beschluss zurück, nachdem der ehemalige Vilser Klaus-Peter Klauner aufgezeigt hatte, dass Lindenbergs ihr Haus 1938 im Zuge der Arisierung verkauft hätten.

Die jüdische Familie Lindenberg habe im Haus Bahnhofstraße 53, später Bullenkamp, direkt an diesem Platz über Generationen gelebt und sei vor allem im Handel mit Leinentuch erfolgreich gewesen. „Das große Gebäude an zentraler Lage neben der Kirche, dem Lindenberg, zeugt von der Bedeutung“, führen die Grünen aus.

„Bevor die Juden in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden, waren sie zunehmend Repressalien ausgesetzt; die Flucht von Jenny und Richard Lindenberg in die USA, wohin zuvor schon die Töchter Käthe und Lotte emigriert waren, ist beispielhaft für die Vertreibung. Viele ehemalige jüdische Einwohner konnten ihr Leben jedoch nicht retten, sie wurden verschleppt und ermordet“, greifen die Grünen die Recherchen des Stolpersteinprojekts für ihre Begründung auf.

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