Weseloher erblindet auf dem linken Auge, weil seine Krankenkasse nicht zahlt

Ein „perverses System“

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Frank Hartmann glaubt, dass die hkk seinen Fall absichtlich verzögert. Die Krankenkasse widerspricht dem vehement. - Foto:

Weseloh - Von Mareike Hahn. Frank Hartmann ist auf dem linken Auge fast blind. Noch vor wenigen Monaten hätte ein Arzt seine Sehkraft wahrscheinlich komplett retten können – doch die Krankenkasse weigerte sich, die Kosten zu übernehmen.

„Die hkk hat alles getan, um die Bezahlung zu verzögern“, sagt der Weseloher. „Und mit jedem Tag wird die Chance, mein Auge zu retten, geringer.“ Bis Ende vergangener Woche wartete er vergeblich auf einen positiven Bescheid. Nachdem sich die Kreiszeitung eingeschaltet hat, dann die gute Nachricht: hkk-Pressesprecher Holm Ay sagte zu, dass sein Arbeitgeber für die Behandlung aufkommen werde.

„Es tut uns sehr leid, dass bei Herrn Hartmann der Eindruck entstanden ist, die hkk würde die Kosten einer ihm zustehenden notwendigen medizinischen Behandlung nicht übernehmen“, erklärt Ay. „Die hkk ist jedoch bei der Leistungsgewährung an die für alle Krankenkassen geltenden rechtlichen Vorschriften gebunden.“

Die rechtlichen Vorschriften verfolgen Hartmann seit Jahren. Er vermisst die Menschlichkeit hinter all den Paragrafen. Sein Leidensweg beginnt 2008, als sich der studierte Informatiker selbstständig macht. Schon bald kann er seine Krankenkassenbeiträge nicht mehr bezahlen. „Ich bin kein guter Geschäftsmann“, gibt Hartmann heute zu. „Ich neige dazu, die Wahrheit zu sagen und alles perfekt zu hinterlassen.“

Nach seinen anfänglichen Schwierigkeiten scheint sich das Blatt jedoch zu wenden: Der IT-Experte hat einen 50 000-Euro-Auftrag in Aussicht. Vorher müsste er indes Hardware für 15 000 Euro anschaffen – aber seine Bank gibt ihm keinen Kredit. „Die hkk hatte mein Konto gepfändet“, erinnert sich Hartmann. Für ihn der „Todesstoß“.

Nach sieben Jahren Selbstständigkeit gibt er schließlich auf – und entscheidet sich, sein Glück mit einer Festanstellung als Lkw-Fahrer zu versuchen. Zu dem Zeitpunkt habe er der hkk knapp 3 000 Euro geschuldet. Der 51-Jährige freut sich über seinen neuen Job bei einer Spedition und die Möglichkeit, seine Schulden abzubauen: „Die Krankenkassen-Beiträge sind natürlich bezahlt worden, und die hkk hat zu meinem Konto noch meinen Lohn bis zum Freibetrag gepfändet.“

Doch auch der berufliche Neuanfang steht unter keinem guten Stern. Am 30. November 2015 hat Hartmann einen Arbeitsunfall: Er stürzt beim Entladen eines Lastwagens, reißt sich die Patellasehne und zwei Bänder. „Dies passierte während meiner Probezeit, also wurde mir gekündigt.“ Das Verletztengeld von der Berufsgenossenschaft, das ihm bis Ende März 2016 zustand, habe ihm die Krankenkasse überwiesen. „Sie wollte die Hälfte des Geldes einbehalten“, erinnert sich Hartmann. „Dem habe ich sofort zugestimmt, denn es lag ja in meinem Interesse.“ Denn er habe sich gewünscht, so schnell wie möglich wieder ganz normal krankenversichert zu sein: „Solange ich Schulden bei der hkk hatte, musste sie nur für Notfälle zahlen.“

Hartmann plant, sich nach seiner Genesung einen neuen Arbeitgeber zu suchen und ab April 2016 wieder arbeiten zu gehen. Aber eine schockierende Diagnose macht ihm einen Strich durch die Zukunftspläne: Er hat eine choroidale Neovaskularisation (CNV), ein Ödem hinter der Netzhaut des linken Auges.

„Eine CNV lässt sich gut behandeln, wenn man sofort beginnt, meist ohne Beeinträchtigung der Sehkraft“, erläutert der Weseloher. „Die Diagnose wurde am 29. Dezember gestellt, bis heute bin ich nicht behandelt worden.“

Ursache für das Ödem ist nach Hartmanns Angaben, dass sich seine Mutter unbemerkt mit Toxoplasmose angesteckt hat, als er noch ein Fötus war. „Ich habe eine Narbe in der Netzhaut zurückbehalten, bisher unbemerkt.“ Helfen könnte ihm ein Medikament namens Lucentis, das unter OP-Bedingungen ins Auge injiziert wird und pro Spritze 1 200 Euro kostet.

Um der Krankenkasse entgegenzukommen, habe sein Arzt vorgeschlagen, anstelle des teuren Medikaments Lucentis das Off-Label Avastin einzusetzen. „Es wirkt genauso und wird in der Krebstherapie eingesetzt“, sagt Hartmann. „Pro Spritze kostet Avastin jedoch nur 75 Euro.“

Während Hartmann auf grünes Licht wartet, sinkt seine Sehkraft kontinuierlich. „Die hkk musste erst mal zwei Monate vom Medizinischen Dienst, dem MDK, feststellen lassen, was bereits im Antrag stand, nämlich dass Avastin ein Off-Label-Use sei.“ Als er die Antwort bekommen habe, habe die Sehschärfe bei 60 Prozent gelegen. „Es hätten aber noch gute Chancen bestanden, wieder nahezu 100 Prozent zu erreichen.“

Die hkk begründet ihre Ablehung damit, keine andere Wahl gehabt zu haben. „Die Kostenübernahme für die CNV ist gesetzlich so eindeutig geregelt, dass keine Ermessensspielräume verbleiben“, erläutert Sprecher Ay. „Die hkk hat am 18. Februar 2016 den ersten Antrag auf Kostenübernahme für Avastin erhalten.“ Darin gebe der behandelnde Arzt an, dass nur Avastin ein schnelles Fortschreiten der CNV-bedingten Erkrankung verhindern könne. „Da die geltenden Rechtsvorschriften in diesem Fall die Kostenübernahme für Avastin ausschließen und die hkk keine andere Rechtsgrundlage erkennen konnte, haben wir am 25. Februar ein Gutachten vom MDK angefordert. Damit sollte sichergestellt werden, dass alle infrage kommenden Rechtsoptionen zur Übernahme der Kosten für Herrn Hartmann ausgeschöpft werden“, sagt Ay. Das MDK-Gutachten vom 10. März habe jedoch ergeben, dass die hkk die Kosten nicht übernehmen dürfe.

Zusätzlich habe die Krankenkasse am 15., 21. und 22. März telefonisch und am 20. April per Fax zu Hartmanns Augenarzt Kontakt aufgenommen, um abzuklären, ob die CNV mit einer feuchten altersbedingten Makuladegeneration (AMD) oder einer pathologischen Myopie (PM) in Verbindung stehe. Dann nämlich „erfolgt die Behandlung beim Augenarzt auf Versichertenkarte und erfordert keine vorherige Genehmigung der Krankenkasse“, erklärt Ay, dass je nach Art der Erkrankung unterschiedliche Rechtsgrundlagen gelten.

Die Augenarztpraxis habe erst am 22. April auf die Anfrage geantwortet. Ihre positive Antwort ist laut Ay der Grund, warum die hkk Hartmann nun endlich eine Zusage für die Behandlung mit Lucentis erteilt. „Diese Kostenzusage hätte die hkk auch unabhängig von der aktuellen Medienanfrage erteilt“, betont der Pressesprecher und ergänzt: „Die hkk hat die Anträge auf Kostenübernahme für die CNV-Behandlung von Herrn Hartmann zügig bearbeitet. Dabei bestand kein Zusammenhang mit dem Versicherungsstatus oder den Beitragsschulden.“

Hartmann glaubt das nicht. Weil er eben doch einen Zusammenhang zwischen den Verzögerungen und seinen Schulden vermutet, hat er sich mit einer Sammelbüchse in die Bremer Innenstadt gestellt und Passanten um Hilfe gebeten. Mit Erfolg: Er bekam die noch fälligen 666,77 Euro zusammen und überwies sie am 21. April an die hkk. Seit knapp zwei Wochen schuldet er seiner Krankenkasse also kein Geld mehr.

Der Weseloher spricht von einem „perversen System“. „Rechtlich mag das ja in Ordnung sein“, bewertet er das Verhalten der hkk. Gleichzeitig vermutet er System dahinter: „Wenn meine Sehschärfe unter fünf Prozent fällt, lohnt sich eine Behndlung nämlich nicht mehr und die hkk muss gar nichts bezahlen.“

Für Hartmann zählt jeder Tag. Seine Sehschärfe liegt zurzeit bei fünf Prozent. „Ich hoffe, dass es jetzt so schnell wie möglich losgeht. Komplett lässt sich mein Auge zwar nicht mehr retten, aber ich hoffe, dass ich wieder Lkw fahren kann“, sagt er. Zurzeit erhalte er weder Krankengeld noch staatliche Unterstützung, seine Lebensgefährtin müsse für ihn mit aufkommen. Dass er bald wieder richtig sehen und auf eigenen Beinen stehen kann, ist Hartmanns größte Hoffnung.

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