Vortrag vor 100 Gästen

CDU-Politiker Wolfgang Bosbach in Ochtmannien: „Patriotismus ist Vaterlandsliebe“

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Wolfgang Bosbach sprach im Gasthaus Puvogel vor rund 100 interessierten Bürgern über Europa, das Grundgesetz und Bildung. 

Ochtmannien - Es gibt kaum eine Talkshow, in der Wolfgang Bosbach in der Vergangenheit nicht oft gesehener Gast war. Statt in einer Talkshow war er nun beim Wirtschaftsgespräch in Bruchhausen-Vilsen. Auf Einladung der Samtgemeinde, in Kooperation mit der Kreissparkasse Syke, referierte der Politiker am Montagabend im Gasthaus Puvogel in Ochtmannien über Parteien und deren Vertrauensverlust, über Europa und Deutschland als Wirtschaftsnation.

Bosbach entschuldigte sich gleich zu Beginn des rund 60-minütigen Vortrags für seine rheinische Aussprache: „Diese Sprachfärbung werde ich nicht ablegen.“ Souverän sprach er ohne Hilfe von Notizen. Er hatte zahlreiche Zahlen und Fakten parat und verstand es immer wieder, das Publikum durch Fragen oder eingestreute Witze bei Laune zu halten.

Schnell kam er auf die derzeitige Politik-Affäre um ein Ibiza-Video in Österreich zu sprechen. „Glauben Sie nicht, dass das nur die FPÖ [Freiheitliche Partei Österreichs, Anm. d. Red.] betrifft“, sagte Bosbach.

Immerhin 30 Prozent der Bundesbürger gäben in Umfragen an, politisch interessiert zu sein. „Aber wie viele sind in Parteien Mitglied?“, stellte Bosbach als Frage in den Raum. Die Antwort: „Nur 1,8 Prozent.“ Bosbach selbst ist seit 1972 Mitglied der CDU, von 1994 bis 2017 saß er im Bundestag.

Der Experte für Innenpolitik kam auch auf die aktuellen Themen der Politik zu sprechen: Europa und 70 Jahre Grundgesetz.

„Zwei wichtige Geburtstage feiern wir dieses Jahr: 30 Jahre Mauerfall und 70 Jahre Grundgesetz“, führte er aus. Doch die Art des Feierns zeige schon den Unterschied zwischen Deutschland und anderen Ländern wie Frankreich oder den USA. „Der 4. Juli in Amerika: Das ganze Land feiert sich. Der 14. Juli in Frankreich: Das ganze Land feiert. Der 3. Oktober in Deutschland: Wir feiern mit Querflöte und Streichquartett. Fröhlichkeit ist nicht das Wesensmerkmal der Deutschen“, sagte Bosbach. Und legte nach: „Wenn wir Deutschen Licht am Ende des Tunnels sehen, verlängern wir den Tunnel.“ Er selbst bezeichnete sich als Patriot, nicht als Nationalist. „Patriotismus ist Vaterlandsliebe, das ist eine gute Sache“, sagte der 66-Jährige.

Bald 70 Jahre Grundgesetz – für Bosbach Zeit, Bilanz zu ziehen. „Wie viele Jahre davon hatten wir Wirtschaftswachstum, wie viele Rezession?“, fragte der Rechtsanwalt. Richtige Antwort: 63 Jahre Wirtschaftswachstum, sechs Jahre Rezession, „ein Begriff, den der Deutsche Bundestag in Minuswachstum umgewandelt hat“, erläuterte er.

Wie bei einem Feuerwerk schoss Bosbach immer wieder Faktenraketen ab, sprach die geringe Arbeitslosigkeit an, die Zahl der Regierungschefs in den vergangenen drei Jahrzehnten. „Es waren drei, 16 Jahre Kohl, sieben Jahre Schröder, 13 Jahre Merkel. Der HSV hatte alleine in der Merkelzeit mehr als 17 Trainer“, verglich Bosbach. „Wir haben ein hohes Maß an politischer und gesellschaftlicher Stabilität“, betonte er. Doch jetzt sei so einiges im Umbruch.

Der Vertrauensverlust in Parteien und Institutionen nehme rasant zu. Bosbach bezog das auf den Zustand der Volksparteien und auf den Zulauf für populistische Parteien am rechten und linken Rand des politischen Spektrums. „Ich habe als Christdemokrat keinen Spaß daran, dass die SPD bei 16/17 Prozent rumdümpelt.“ Die Bundesrepublik sei über Jahrzehnte sehr gut damit gefahren, zwei starke Volksparteien zu haben.

Dennoch sieht Bosbach für Deutschland nicht schwarz. „Wir haben eine ausgezeichnete junge Generation. Aber wir müssen uns verändern“, sagte er und erinnerte an große Namen der Unterhaltungselektronik, die ganz oder größtenteils verschwunden sind. Grundig, Telefunken, Nordmende und Schaub-Lorenz beispielsweise. In Sachen Wettbewerbsfähigkeit hinke Deutschland anderen Ländern hinterher. „In der alten Industrie wie beim Auto, Pharma und der Chemie sind wir nach wie vor stark, aber wer von Ihnen hat ein deutsches Handy?“, fragte Bosbach. Unter den 100 größten Software-Firmen „stehen nur SAP und eine kleiner weitere deutsche Firma“, bemängelte Bosbach. Als wichtigste Investition in die Zukunft sieht er daher die Bildung. „Doch was machen wir? Wir debattieren über G 8 oder G 9 anstatt darüber, was Schüler heute in der Schule lernen müssten.“

Auch die Digitalisierung war Thema in Ochtmannien. „Im Oman haben Sie noch hinter jeder Sanddüne Handyempfang. Hier bricht die Verbindung auf dem Weg von Bergisch Gladbach zum Flughafen Köln schon drei Mal ab“, sagte Bosbach. Immerhin habe Deutschland in Europa das dichteste Hochschulnetz. „Wir können den Abstand zu anderen Industrienationen verringern. Wer keine Rohstoffe hat, muss in die Birne investieren“, fügte Bosbach an.

Am Ende des Vortrags lobte Peter Schmidt-Bormann, Vorsitzender des Kunst- und Kulturvereins der Samtgemeinde, den Abend: „Kompliment, so lange frei zu reden. Es war ein Vergnügen.“

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