AOK weigerte sich, Platz in Patienten-WG zu bezahlen

Ohne medizinischen Grund: Mann musste in Klinik bleiben

Schwarme - Von Mareike Hahn. Werner Krüger hat das letzte halbe Jahr seines Lebens im Krankenhaus verbracht, obwohl das medizinisch nicht notwendig war. Bereits Ende 2016 hätte der Schwarmer entlassen werden können, ein Platz in einer Wohngemeinschaft für Intensivpflegefälle war schon gefunden. „Ich habe mir so gewünscht, dass mein Mann dort hätte einziehen können“, sagt seine Ehefrau Anita. Doch Werner Krügers Krankenkasse, die AOK, weigerte sich zu bezahlen. Jetzt ist er tot.

Vor knapp einem Jahr war der damals 75-jährige Werner Krüger zu Hause gestürzt. Nach Angaben seiner Frau stieß er mit dem Kopf gegen eine Heizung. Halswirbelbruch lautete die Diagnose, die die Ärzte im Verdener Krankenhaus stellten. „Er kam noch am selben Tag nach Rotenburg ins Krankenhaus und wurde dort operiert“, sagt sie. Gut zwei Wochen später wurde ihr Mann dann nach Hamburg ins Querschnittsgelähmtenzentrum des Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhauses verlegt. Dort blieb er bis zu seinem Tod.

AOK kritisiert vorgelegte Unterlagen des Pflegedienstes

Seit dem Sturz war Werner Krüger querschnittsgelähmt und wurde maschinell beatmet, geistig blieb er jedoch fit. Um eine professionelle Rund-um-die-Uhr-Betreuung in der Nähe ihres Wohnorts Schwarme zu gewährleisten, entschied seine 71-jährige Gattin, dass er in Syke-Barrien in eine WG vom Pflegedienst Braha für drei Patienten ziehen sollte. Dessen Inhaber Fatmir Braha sagte ihr einen Platz zu: „Herr Krüger sollte noch vor Weihnachten entlassen werden und hätte gleich einziehen können“, erklärt er. Doch die AOK lehnte den entsprechenden Antrag ab. Bis zum Tod von Werner Krüger gab es keine Einigung.

Laut Pressesprecherin Maike Jaschok hätte die AOK gerne eine Lösung für die Krügers gefunden; der medizinische Dienst habe einer häuslichen Krankenpflege und der Aufnahme in eine Patienten-WG samt 24-Stunden-Betreuung „grundsätzlich zugestimmt“. Das wäre nach ihrer Aussage auch nicht teurer als der Krankenhausaufenthalt gewesen. Jaschok: „Wir haben Frau Krüger im November verschiedene Vorschläge gemacht. Sie hat sich für den Pflegedienst Braha entschieden.“ Doch dessen Unterlagen seien nicht nachvollziehbar gewesen, sagt Jaschok. Das gelte beispielsweise für die Kostenkalkulation. So habe Braha weniger als den üblichen Satz angegeben.

Inhaber wehrt sich gegen die Aussagen der Krankenkasse

Für den Inhaber des Pflegediensts ist dieser Grund nicht nachvollziehbar: „Die Unterlagen sind plausibel, andere Krankenkassen hätten sich über die Kalkulation gefreut. Wenn wir Schmu machen würden, hätten wir mit anderen Kassen ja auch Probleme. Haben wir aber nicht.“

Darüber hinaus habe Braha trotz mehrerer Aufforderungen nicht nachgewiesen, dass sein Personal die entsprechende Qualifizierung hat, ergänzt Jaschok. „Das ist glatt gelogen“, sagt Braha.

Jaschok erklärt: „Examinierte Krankenschwestern reichen nicht. In der Intensivpflege muss es eine Pflegefachkraft geben, sie muss die Beatmungsmaschine bedienen können. Der Patient muss schließlich gut versorgt werden.“ Letzteres sieht Braha genauso. Alle acht Mitarbeiter, die mit der Pflege von Werner Krüger betraut gewesen wären, seien examinierte Krankenschwestern oder Altenpfleger, zwei von ihnen hätten außerdem die Zusatzausbildung zur Pflegefachkraft für außerklinische Intensivpflege absolviert. „Alle rechtlichen Voraussetzungen sind erfüllt“, sagt Braha.

„Ich hätte ihn gerne in meiner Nähe gehabt“

Laut dem „Deutschen Seniorenportal“, einer vom Privatinstitut für Transparenz im Gesundheitswesen betriebenen Informationsplattform, müssen die Kräfte in der häuslichen Krankenpflege eine abgeschlossene Berufsausbildung als Altenpfleger, Gesundheits- und Krankenpfleger oder Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger haben; zusätzlich benötigen sie demnach Fachkenntnisse in der Medizintechnik und müssen vier Fortbildungen jährlich besuchen. Weiter heißt es auf www.deutsches-seniorenportal.de: Eine „Fortbildung zur Intensiv- oder Anästhesiepflegefachkraft oder intensivstationäre Berufserfahrung sind erwünscht, aber (...) nicht zwingend erforderlich.“

Die AOK habe Anita Krüger immer wieder verschiedene andere Wohneinrichtungen vorgestellt, beispielsweise in Rahden und Osterholz-Scharmbeck, erklärt Jaschok. „Sie hat sich aber, warum auch immer, nicht dafür entscheiden können.“ Anita Krüger wünschte sich eine Unterbringung ihres Manns in der Wohngruppe in Barrien, knapp 20 Kilometer von ihrem Wohnort Schwarme entfernt, weil die für sie gut erreichbar gewesen wäre. „Und ich hatte bei der Patienten-WG von Herrn Braha ein gutes Gefühl“, fügt die 71-Jährige hinzu. Osterholz-Scharmbeck ist mehr als 50 Kilometer weg, Rahden rund 70.

Nur ein Besuch pro Woche in Hamburg möglich

Statt nach Barrien fuhr Anita Krüger nach eigenen Angaben all die Monate einmal die Woche nach Hamburg ins Krankenhaus; drei Stunden war sie pro Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, um ihren Gatten zu besuchen. Für die Seniorin eine „große Belastung“. „Mein Mann war immer sehr zufrieden, aber irgendwann wurde er wirklich frustriert, weil nichts passierte“, sagt Anita Krüger und ergänzt: „Man verliert die Hoffnung.“

Die Witwe ist traurig, dass sie ihren Ehemann in den letzten Monaten seines Lebens nicht in ihrer Nähe haben konnte. Von der Krankenkasse sei sie „ganz enttäuscht“, sagt Anita Krüger: „Die AOK hat mich gar nicht unterstützt, sondern mich einfach links liegen lassen.“

Rubriklistenbild: © dpa

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