Ein Besuch in Norddeutschlands größter Facheinrichtung für Schwerstpflegefälle

Mit offenen Augen

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Die Pflegerinnen Sabrina Lühring (links) und Carmen Barmbold versorgen den Wachkoma-Patienten Ralf Heidenreich. 

Süstedt - Von Mareike Hahn. Ralf Heidenreich spricht mit den Augen. Seine Augäpfel bewegen sich unaufhörlich hin und her. Nach oben und unten, links und rechts. Was Heidenreich sagen will, kann niemand verstehen. Seit neun Jahren liegt er im Wachkoma. Das bedeutet aber nicht, dass der 50-Jährige sein Umfeld nicht wahrnimmt. „Wir gehen davon aus, dass er alles versteht“, sagt Pflegerin Sabrina Lühring. „Manchmal merkt man es auch an seinen Augen.“

Heidenreich lebt auf Gut Retzen in Süstedt, mit 91 Plätzen die größte norddeutsche Facheinrichtung für Wachkoma-Patienten und andere Schwerstpflegefälle. Zusätzlich bietet das Gut 53 Plätze im normalen Pflegebereich.

Einige der in Süstedt wohnenden Schwerstpflege-Patienten haben bei einem Unfall ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten und sich davon nicht wieder erholt. Andere, wie Ralf Heidenreich, wurden nach einem Herzinfarkt wiederbelebt, trugen aber einen Hirnschaden davon, weil ihr Gehirn zu lange nicht mit Sauerstoff versorgt wurde. Viele Betroffene leben jahrzehntelang auf Gut Retzen. Der jüngste Wachkoma-Patient ist 22, sein Hirn wurde durch eine Rauchvergiftung schwer geschädigt.

„Hallo“, rufen Pflegerin Lühring und Wohnbereichsleiterin Carmen Barmbold laut und fröhlich, als sie das Zimmer betreten, das sich Heidenreich mit einem anderen Bewohner teilt. Barmbold beugt sich lächelnd über den 50-Jährigen, guckt ihm in die Augen. Er liegt auf dem Rücken in seinem Bett, die Arme angewinkelt, die Hände auf dem Oberkörper zusammengekrümmt. In seinem Hals steckt eine Kanüle, der Schlauch daran führt zu einer Beatmungsmaschine. „Wir wollen Sie jetzt raussetzen“, sagt Barmbold. „Ich nehme jetzt die Decke weg.“ Lühring zieht einen Rollstuhl an die Seite des Betts.

Die beiden Frauen tragen grüne Kittel, lila Handschuhe und weißen Mundschutz. Der Grund für die Schutzkleidung: ein Pseudomonas-Keim in Heidenreichs Körper. Solche Keime sind oft antibiotikaresistent und können beispielsweise Lungenentzündungen, Herzerkrankungen und Infektionen auslösen.

Sein Blick wandert scheinbar ziellos umher

Heidenreichs Augen stehen keine Sekunde still. Sein Blick wandert scheinbar ziellos umher. Ab und zu öffnet er seinen Mund, dreht den Kopf mal leicht zur einen, dann zur anderen Seite.

Barmbold erklärt dem Patienten jeden Schritt. „Jetzt ziehen wir Ihnen die Schuhe an.“ „Wir fahren nun das Kopfteil runter.“ „Wir legen die Rutschmatte unter Sie, erst unter die rechte, dann unter die linke Seite.“

Manche Wachkoma-Patienten schaffen es irgendwann, die Hand eines vertrauten Menschen zu drücken. Die Pfleger und Therapeuten arbeiten auf solche Fortschritte hin.

Neben Barmbolds Stimme sind nur das ununterbrochene Schnaufen und das gelegentliche Piepsen des Beatmungsgeräts zu hören. „Nicht erschrecken, es wird jetzt einmal laut, wenn wir absaugen“, sagt die Wohnbereichsleiterin und schließt ein Gerät an den Beatmungsschlauch an. Ein kurzes, schlürfendes Geräusch ertönt, als der Speichel aus dem Schlauch entfernt wird. Lühring und Barmbold heben den untersetzten Mann auf einen Rollstuhl mit heruntergeklappter Lehne, stecken den Schlauch in ein mobiles Beatmungsgerät, befestigen Pulsmesser, Kopf-, Fuß- und Armstützen und schließen den Gurt um Heidenreichs Körper. „So, jetzt geht es nach oben“, sagt Barmbold. Nach oben, das heißt von der Liege- in eine Sitzposition. Sabrina Lühring legt ein Handtuch um die Schultern des Wachkoma-Patienten, steckt eine kleine Tischplatte an den Rollstuhl und legt seine Arme darauf.

Während sie ihre Hände desinfiziert, schweift Barmbolds Blick durch den Raum. An der grünen Wand über dem Bett hängen Fotos. Sie zeigen fröhliche Menschen, die bei Familienfesten in die Kamera lächeln. Auf einer Kommode neben dem Bett steht ein gerahmtes Bild. Heidenreich und seine Frau, strahlend und herausgeputzt bei ihrer Hochzeit. An einem Infusionsständer ist ein brauner Teddy befestigt, auf seiner Brust prangt ein rotes Herz.

„Sie haben am Anfang ganz viele Hoffnungen“

Wenn ein Mensch zum Schwerstpflegefall wird, sind die Angehörigen erst mal schockiert. „Sie haben am Anfang ganz viele Hoffnungen und Erwartungen. Mit der Zeit finden sie sich dann mit der Situation ab“, sagt Barmbold. Die meisten Bewohner bekommen nach ihrer Erfahrung zwei, drei Mal die Woche Besuch.

Bei den Betroffenen stellt Geschäftsführer Christof Richter immer wieder Unterschiede fest. Bei manchen sei Verbitterung spürbar, einige würden neutral wirken, andere hätten sich offenbar mit ihrer Situation arrangiert, wieder andere lächelten und lachten oft.

Für die Pfleger ist ihre Tätigkeit nicht immer einfach. „Man stumpft da nicht ab, nimmt das auch mal mit nach Hause“, sagt Carmen Barmbold. Die 32-Jährige arbeitet seit 15 Jahren in der Pflege und kam vor elf Jahren in den Schwerstpflege-Bereich. „Ein Traumjob“, erklärt sie. „Die meisten sagen nach so einem Wechsel: Nie wieder was anderes!“

Ihre Kollegin Sabrina Lühring (36) nickt. Nach elf Jahren in der Altenpflege fing sie 2012 in der Schwerstpflege an. Der stellvertretende Heimleiter Roland Arndt sagt: „Wir alle – Pfleger und Therapeuten – arbeiten gemeinsam daran, dass es vorangeht. Wenn ein Schwerstpflege-Patient Fortschritte macht, dann zehren wir alle davon.“ Die Augen der Gut-Retzen-Mitarbeiter leuchten, während sie Beispiele nennen. Der Mann, der irgendwann wieder seine Hand bewegen kann. Der andere, der es schafft, nach einer langen Therapie wieder im Rollstuhl zu sitzen und Worte zu formulieren. Die Frau, deren Magensonde entfernt wird, weil sie wieder selbst einen Löffel zum Mund führen kann.

Er „kriegt alles mit“

Heidenreich hat seit seinem Herzstillstand 2007 nur wenige Fortschritte gemacht, und doch „kriegt er alles mit“, ist Arndt sicher. Er erinnert sich an einen Nachtdienst, bei dem er für einen ausgefallenen Kollegen einsprang. Als er Heidenreich versorgte, wurde dessen Pulsschlag schneller, sein Körper verspannte sich, er hustete. Für ihn war Roland Arndt ein Unbekannter, und er ließ ihn das spüren.

Wenn Barmbold und Lühring sich um den 50-Jährigen kümmern, schlägt sein Herz ruhig und gleichmäßig. „Wir bringen Sie jetzt nach draußen“, sagt Carmen Barmbold. Gesagt, getan. Die Frauen schieben Heidenreich in einen geräumigen Aufenthaltsbereich auf dem Flur. Dort begegnen sie einem weiteren Mann. Auch er sitzt im Rollstuhl, seine Augen sind geschlossen. 

Lühring stellt Heidenreichs Rollstuhl neben eine Anrichte, darauf stehen Topfblumen und eine Tischlampe. Vor ihm hängt ein Fernseher an der gelben Wand, die Pflegerin schaltet das Gerät ein. Es läuft „SOKO Stuttgart“. „Sie können jetzt fernsehen.“ Heidenreichs Augen bewegen sich weiter. „Wenn sich sein Sichtfeld verändert, dann guckt er immer besonders aufmerksam“, erklärt Lühring. Mit einer Art Wattestäbchen benetzt sie seine Lippen. „Mmmh, das schmeckt nach Pfefferminze“, sagt sie.

Ein paar Stunden sitzt Heidenreich vor dem Fernseher, dann schieben ihn die Pflegerinnen zurück in sein Zimmer und heben ihn ins Bett.

Geschäftsführer Christof Richter (links) und der stellvertretende Heimleiter Roland Arndt planen, welcher Mitarbeiter wann arbeitet. Der Pflegeschlüssel vom Schwerstpflege-Patienten zum Pfleger liegt bei 1:1,4. 

„Man kann sich nicht vorstellen, dass die Schwerstpflegefälle das Leben als lebenswert empfinden“, sagt der stellvertretende Heimleiter Arndt. „Aber ich glaube, dass der Mensch in der Lage ist, Situationen anzunehmen. Viele Bewohner, die schon lange liegen, überstehen auch andere Krankheiten. Ich denke, das würden sie nicht, wenn kein Lebenswille da wäre.“  „Niemand weiß, wie man sich in solch einer Situation fühlt“, sagt Geschäftsführer Richter. Ein Kollege hat ihm mal von einem Wachkoma-Patienten erzählt, dessen Familie wollte, dass seine Geräte abgeschaltet werden. „Er hat daraufhin den Patienten direkt gefragt: ,Möchten Sie sterben?‘ Der sah ihn an, mit einem ängstlichen, hilfesuchenden Blick.“ Da hat er verstanden.

Zur Erklärung: Wachkoma

Ein Wachkoma kann zum Beispiel durch einen Sauerstoffmangel des Gehirns ausgelöst werden, etwa nach einem Herzstillstand, einem Schlaganfall, Hirnblutungen oder einem Schädel-Hirn-Trauma. Die gesamte oder größere Teile der Großhirnfunktion fallen dadurch aus, Zwischenhirn, Hirnstamm und Rückenmark arbeiten aber weiter. 

Wachkoma-Patienten wirken wach, weil sie die Augen geöffnet haben, sind aber nicht bei Bewusstsein. Sie können nicht essen, nicht trinken und kaum oder gar nicht kommunizieren. Trotzdem gehen Mediziner davon aus, dass die Betroffenen ihre Umwelt zumindest teilweise wahrnehmen. So reagieren einige auf laute Geräusche oder vertraute Personen. Innerhalb des ersten Jahres sind die Chancen am größten, dass ein Mensch aus dem Wachkoma wieder aufwacht.

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