Grenzwert weit überschritten

Nitratbelastung in Süstedt hat sich verdreifacht

+
Gülle wird durch Bodenlebewesen unter anderem zu Nitrat zersetzt, das ins Grundwasser sickern kann.

Süstedt - Von Mareike Hahn. Die Zahlen sind alarmierend: Die Nitratbelastung von in Süstedt entnommenem Grundwasser hat sich binnen weniger Jahre beinahe verdreifacht. Lag der Nitratgehalt pro Liter in den Jahren 2008 bis 2011 noch im Mittel bei 35 Milligramm, stieg er im Zeitraum von 2012 bis 2014 auf 97 Milligramm. Zulässig sind laut Trink- und Grundwasserverordnung höchstens 50 Milligramm.

Die Bürger sind angesichts dieser Entwicklung ebenso besorgt wie der Rat des Fleckens Bruchhausen-Vilsen. Chancen, selbst eine Verbesserung herbeizuführen, sehen die Kommunalpolitiker aber kaum. Stattdessen verweisen sie auf Land und Bund.

WDR: „Trauriger Rekord im beschaulichen Süstedt“

In einer „Kleinen Anfrage“ hatten die Bundestag-Grünen die Bundesregierung um Zahlen zur Nitratbelastung gebeten. Die Antwort ist auf den 8. Juni datiert, darin befinden sich die Ergebnisse verschiedener Messstellen in ganz Deutschland. Publik wurden die Werte, nachdem der WDR vergangene Woche über das Thema berichtet und dabei dem „beschaulichen Süstedt“ angesichts des starken Nitratanstiegs einen „traurigen Rekord“ bescheinigt hatte.

Bezüglich der absoluten Zahlen steht Süstedt indes nicht alleine da, an anderen Messstellen wurden teilweise sogar noch wesentlich höhere Werte gemessen. Allerdings sind die von der Bundesregierung genannten Zahlen nicht aktuell. Messwerte für 2016 habe sie noch nicht bekommen. Und „die Ergebnisse für das Jahr 2015 liegen zwar vor, konnten jedoch bisher noch nicht abschließend geprüft werden“, heißt es in der 28 Seiten langen Antwort auf die „Kleine Anfrage“.

Grenzwert an jeder zweiten Messstelle in Niedersachsen überschritten

Laut dem im Winter veröffentlichten „Nitratbericht 2016“ der Bundesregierung ist bei 28 Prozent der 697 berücksichtigten Messstellen der Nitrat-Grenzwert überschritten. In Niedersachsen ist das nach Angaben des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) sogar bei etwa 52 Prozent der Fall (Stand 2015).

Über die Problematik wird auch in der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen schon seit geraumer Zeit diskutiert. So sprachen Politik und Verwaltung im März in einem nicht-öffentlichen Symposium mit Experten über das Thema. Dabei befassten sie sich auch mit den Zahlen des NLWKN. Der bescheinigte Süstedt für den Zeitraum 2010 bis 2015 einen Mittelwert von rund 70 mg/l. Demnach wurde dort der Grenzwert von Mitte 2011 bis 2016 durchgehend, allerdings unterschiedlich stark überschritten. Ende 2016 lag der Nitratwert dann knapp unter 50 Milligramm.

Bund und Land greifen auf dieselben Daten zurück: „Der Bund hat kein eigenes Messnetz“, erklärt NLWKN-Pressesprecherin Herma Heyken. Die Süstedter Messstelle befinde sich südwestlich von Süstedt im Bereich Retzen. „Gemessen wird zweimal im Jahr 17 Meter unter der Geländeoberkante.“

Idee: Flurbereinigung für Renaturierung nutzen

Die kürzlich genannten Zahlen der Bundesregierung nahm Bürger Carsten Schultze am Mittwochabend zum Anlass, dem Fleckenrat einige Fragen zu stellen. Er sei angesichts des Süstedter Ergebnisses schockiert, sagte der Weseloher in der Einwohnerfragestunde während der Sitzung im Rathaus Bruchhausen-Vilsen. „Überlegt der Rat, konkrete Schritte zu unternehmen?“, wollte er wissen und schlug vor, im Rahmen der Flurbereinigung Flächen zu kaufen, um sie zu renaturieren und damit einer landwirtschaftlichen Nutzung zu entziehen.

Die Landwirtschaft gilt als Hauptverursacher der Nitratbelastung. Gülle wird durch Bodenlebewesen unter anderem zu Nitrat zersetzt, das bei einem Überschuss ins Grundwasser sickern kann. Bis es dort ankommt, können nach Expertenansicht viele Jahre vergehen. Nitrat steht im Verdacht, Krebs zu erzeugen.

Schultze forderte die Politiker auf, sich an höhere Instanzen wie den Städte- und Gemeindebund zu wenden und das Thema stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Gemeindedirektor: Kaum Einflussmöglichkeiten

Gemeindedirektor Bernd Bormann antwortete: „Die Herausnahme von Flächen aus der Flurbereinigung halte ich nicht für ein probates Mittel. Landwirte versorgen uns alle mit Lebensmitteln, wir müssen andere Möglichkeiten finden, als die Landwirtschaft abzuschaffen.“ Stattdessen müsse man auf die Bundes- und Landesregierung einwirken, damit sie sich des „flächendeckenden Problems“ stärker annimmt.

Gleichzeitig betonte Bormann, dass die Samtgemeinde nicht untätig sei: Neben dem Symposium „mit allen, die mit Wasser zu tun haben“ erwähnte er auch die Verabschiedung eines Positionspapiers der Wasserversorgung Syker Vorgeest zum Thema Grundwasserschutz. Im Juni hatte der Samtgemeinderat beschlossen, das Papier ebenso wie Syke, Stuhr, Thedinghausen und Weyhe zu unterschreiben. Die fünf Kommunen unterstreichen darin, dass Anstrengungen zum Erhalt und zur Verbesserung der Grundwasserqualität notwendig sind.

„Die Einflussmöglichkeiten der Gemeinde sind sehr gering“, betonte Bormann am Mittwochabend. „Ich will das Thema aber gerne beim Städte- und Gemeindebund einbringen.“ Ulf Schmidt (Grüne) begrüßte Schultzes Anregung, die Flurbereinigung zum Renaturieren weiterer Flächen zu nutzen. „Wir beäugen das Thema mit Sorge“, versicherte er.

Nutztierhaltung fördert Belastung

Das gilt auch für seine Parteikollegin Katja Keul, Mitglied der Bundestags-Grünen: „Ich kann nicht sagen, was mich mehr beunruhigt: Der signifikante Anstieg der Nitratwerte an einzelnen Messstellen oder die allgemeine Tendenz. Beides halte ich für bedrohlich“, erklärt die Politikerin aus Marklohe. „So lange die EU-Agrarsubventionen ganz wesentlich an Größe und Fläche orientiert werden, subventionieren wir das Höfe-Sterben im Bereich der kleinen und mittleren Familienbetriebe sowie eine Exportorientierung, die zwangsläufig Überdüngung nach sich zieht.“ Steigende Nitratwerte im Grundwasser seien eine Folge. Nach Keuls Auffassung müssen Gelder nach nachhaltigen Kriterien umverteilt werden.

Das NLWKN bezeichnet die Überdüngung von landwirtschaftlichen Flächen als einen Hauptgrund für die steigende Nitratkonzentration. „Auffällig ist, dass an Messstellen im Westen Niedersachsens häufiger ein steigender Nitratgehalt zu verzeichnen ist als im Osten“, sagt Pressesprecherin Heyken. „Dies lässt sich unter anderem dadurch erklären, dass im Westen im Verhältnis zur Fläche mehr Nutztiere gehalten werden.“

Das Trinkwasser in Süstedt ist nicht betroffen

Sorgen um ihre Gesundheit müssen sich die Süstedter übrigens nicht machen – sie können das Wasser aus dem Hahn auch weiterhin bedenkenlos verwenden und trinken. „Die Trinkwasserversorgung ist nicht betroffen“, erklärt Dietrich Rippe. Der Diplom-Ingenieur für Wasserwirtschaft und Wasserbau war viele Jahre Geschäftsführer der Wasserversorgung Syker Vorgeest und Vorsteher des Wasserverbands Süstedt, bei dem er bis heute als Verbandstechniker fungiert. Das Süstedter Kranwasser kommt aus den Wasserwerken in Schneeren (Region Hannover) und Liebenau, sagt Rippe. In Süstedt gebe es keine eigene Grundwasseraufbereitung. Der Experte: „Das Trinkwasser unterliegt ständigen Kontrollen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Werder auf dem Freimarkt

Werder auf dem Freimarkt

NRW: 700 Polizisten stürmen Hells-Angels-Wohnungen

NRW: 700 Polizisten stürmen Hells-Angels-Wohnungen

Bild von gewildertem Nashorn ist Wildlife-Foto des Jahres

Bild von gewildertem Nashorn ist Wildlife-Foto des Jahres

Xi Jinping träumt von China als Weltmacht

Xi Jinping träumt von China als Weltmacht

Meistgelesene Artikel

Kein Engagement gegen Atomwaffen: „Bund nimmt totale Zerstörung in Kauf“

Kein Engagement gegen Atomwaffen: „Bund nimmt totale Zerstörung in Kauf“

Brockumer Großmarkt: „Einzäunung und Entsorgung werden verbessert“

Brockumer Großmarkt: „Einzäunung und Entsorgung werden verbessert“

Beratung für Gründerinnen im geschützten Rahmen

Beratung für Gründerinnen im geschützten Rahmen

Kreislandwirt befragt Landtagswahl-Kandidaten in Rehden

Kreislandwirt befragt Landtagswahl-Kandidaten in Rehden

Kommentare