„Ökologischen Vandalismus einschränken“

Niko Paech setzt keine Hoffnung in CO2-Abgabe und sagt: „Die Politik ist handlungsunfähig“

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Professor Niko Paech referiert am 9. August während des Landsommers auf dem Hof Arbste in Asendorf.

Auf was muss der Mensch verzichten, wenn er das Klima retten will? Und was kann eine CO2-Abgabe dazu beitragen? Im Interview spricht Nico Paech über Genügsamkeit und Selbstbegrenzung.

Asendorf – Weniger ist oft mehr – und die Basis dafür, dass alle Menschen auf diesem Planeten überleben können. Genau das ist das Herzstück der Postwachstumsökonomie. Deren Schöpfer, Professor Niko Paech, ist während des Landsommers auf dem Hof Arbste in Asendorf zu Gast.

Der Vortrag des Umweltökonomen beginnt am Freitag, 9. August, um 19 Uhr. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Paech, haben Sie sich den 20. September in Ihrem Kalender angestrichen? An diesem Tag plant die Fridays-for-Future-Bewegung den größten weltweiten Klima-Streik – und am selben Tag will die Bundesregierung ihre Klimabeschlüsse bekannt geben.

Das wird bestimmt ein wichtiger Tag, aber eher wegen der Fridays-for-Future-Bewegung, FfF, weniger wegen der Klimabeschlüsse der Bundesregierung, denn die Politik ist handlungsunfähig. Wenn technischer Klimaschutz systematisch misslingt, kann die einzig wirksame Nachhaltigkeitspolitik nur darin bestehen, den zunehmend praktizierten ökologischen Vandalismus einzuschränken. 

Die Mehrheit müsste hierzu ihren eigenen Lebensstil abwählen, also plötzlich befürworten, was vormals als Anti-Christ der Konsumgesellschaft galt: Genügsamkeit und Selbstbegrenzung. Aber das kann sie erst, wenn ein hinreichender Teil der Zivilgesellschaft den hierzu nötigen Lebensstil eingeübt hat. Wenn die FfF etwas bewirken wollen, müssen die daran Beteiligten ernst machen mit einem klimafreundlichen Lebensstil.

Noch ist unklar, ob es eine CO2-Steuer oder -Abgabe geben wird. Was favorisieren Sie?

Spielt keine Rolle, in beiden Fällen wird es bei Symbolik, also einer unwirksamen Steuer- beziehungsweise Abgabenhöhe bleiben, weil es sonst Ärger mit den Wählern gibt. Als Erstes werden jene rebellisch, die sich ihre Autofahrten und Urlaubsflüge nicht mehr leisten können und in schlecht isolierten Häusern auf dem Land leben. Und die AfD wird reichlich hinzugewinnen, weil sie das Sammelbecken all jener ist, die Umweltschutz für ein Projekt der Enteignung unterer Einkommensklassen hält.

Sie haben schon vor mehr als drei Jahren darauf hingewiesen, dass jeder Mensch unvorstellbare elf Tonnen CO2 produziert. Um den Klimawandel zu stoppen, dürften es aber nur 2,7 Tonnen pro Kopf und Jahr sein. Was können Verbraucher Tag für Tag tun, um diese Belastung zu reduzieren?

Es sind inzwischen eher 2 bis 2,5 Tonnen, die pro Kopf noch akzeptabel wären, um wenigstens das Zwei-Grad-Klimaziel zu erreichen. Das Wichtigste ist, jene Aktivitäten zu meiden oder zu reduzieren, die erstens einen hohen Schaden verursachen und zweitens puren Luxus darstellen: Kreuzfahren, Flüge, unnötige Autofahren, tierische Nahrungsmittel, zu viel Wohnraum, unnötiger Konsum, Digitalisierung und Stromverbrauch. Wer ein Eigenheim hat, sollte unbedingt über eine Wärmedämmung und eine optimierte Heizungsanlage nachdenken.

Sind Sie glücklich über die Fridays-for-Future-Bewegung – und vor allem: Glauben Sie, dass sie nachhaltig ist?

Ja, ich finde diese Bewegung als ersten Schritt eines Aufstandes der Handelnden und sich Verweigernden gut. Vorgelebte Beispiele für ökologischen Anstand sind das Entscheidende: Kerosin-, smartphone- und einwegverpackungsfreie Schulen, deren Umsetzung naheliegender und glaubwürdiger sein dürfte, als das große politische Rad zu drehen. Damit könnten andere Schulen und Akteure, schließlich auch die Politik unter Zugzwang gesetzt werden.

„All you need is less – alles, was wir brauchen, ist weniger“: So lautet der Titel Ihres neuen Buches. Wann erscheint es genau – und was möchten Sie dem Leser vermitteln?

Das Buch, dessen zweiter Autor Manfred Folkers ist, behandelt Suffizienz, also die Kunst der Unterlassung und Reduktion. Einfachheit schützt nicht nur den Planeten, sondern uns selbst vor Reizüberflutung und alltäglicher Überforderung im Konsumgetümmel. Suffizienz ist das, was jeder selbst oder gemeinsam in Gruppen tun kann, ohne Geld oder neue Gesetze zu benötigen.

Beschreiben Sie doch einmal ein konkretes Beispiel, wie man durch Verzicht Mehr-Wert und mehr Lebensqualität erreicht.

Wer weniger Geld braucht, weil er sein Leben von unnötiger Mobilität, von Überkonsum und zu viel Technik entrümpelt, sich Dinge mit anderen teilt, repariert oder gar selbst herstellt, muss nicht mehr 40 Stunden arbeiten, genießt also mehr Freiheit.

Was wünschen Sie sich ganz konkret für die nächsten drei Jahre?

Dass immer mehr Menschen beginnen, eine klimafreundliche Lebensführung einzuüben, und damit jene unter Rechtfertigungszwang setzen, die ohne Not ökologisch verantwortungslos leben. In Schulen sollte vermittelt werden, was einem einzelnen Menschen auf einem begrenzten Planeten maximal an materiellen Freiheiten zustehen kann. Nötig wäre ein radikaler Boykott und eine entsprechend artikulierte Missbilligung der industriellen Zerstörung, zumal im Freizeitverkehr, in der Landwirtschaft, in der Digitalisierung und im Neubau von Wohnraum. Sesshaft und genügsam zu leben ist das Letzte, was uns noch bleibt.

Auch interessant: Hannover Flughafenchef Raoul Hille sieht in der Luftfahrt kein großes Problem - und erwartet, dass neue Technologien das Fliegen klimaneutral werden lassen. An die „Fridays-for-Future“-Bewegung hat er einen Rat: „Verzichtet mal auf Netflix!“.

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