Klaus Masemann wurde adoptiert / 25 Bewerber im Kreis wollen Kind aufnehmen

Neue Familie per Gerichtsbeschluss

In seiner Freizeit werkelt Klaus Masemann aus Schwarme gerne in seiner Werkstatt, um den Hof, auf dem er aufgewachsen ist, in Schuss zu halten. Momentan repariert er ein Vogelhaus. - Foto: Schmidt

LANDKREIS - Von Katharina Schmidt. Als er sieht, wie der VW Käfer des Jugendamts auf den Hof fährt, klettert der blonde Junge schnell aus dem Küchenfenster und versteckt sich im Kornfeld. Dort bleibt er, bis das Auto wieder kehrtmacht. Zu groß ist die Angst, dass er sich auf die Rückbank des grauen Wagens setzen muss. So wie ein paar Monate zuvor, als der Käfer ihn nach dem Tod seiner alleinerziehenden Mutter zunächst zu einer Pflegefamilie und später zu seinen Adoptiveltern gebracht hatte.

Obwohl diese Situation mehr als 45 Jahre zurückliegt, kann sich Klaus Masemann aus Schwarme (Bruchhausen-Vilsen) noch gut daran erinnern. Er war der blonde Junge.

Heute ist ihm klar, dass die Mitarbeiter des Jugendamtes nur schauen wollten, ob alles in Ordnung ist und er sich in seiner neuen Familie wohlfühlt. Eine Standardkontrolle. „Es war der letzte Besuch des Jugendamts“, erzählt Masemann. Die Mitarbeiter hätten sein Verhalten richtig gedeutet und erkannt, dass er bei seinen Adoptiveltern bleiben wollte. Wenn der mittlerweile 49-Jährige daran denkt, wie er damals zwischen all den Getreidehalmen hockte, ziehen sich seine Mundwinkel unweigerlich nach oben. „Ich wollte ums Verrecken nicht raus aus diesem Feld.“

Klaus Masemann ist am 1. September 1971 zu seiner Adoptivfamilie gestoßen. Damals war er dreieinhalb Jahre alt. Rückblickend betrachtet war es ein Glückstag für ihn. Wenn der Schwarmer über seine Kindheit redet, wird klar: Er ist dank der Adoption behütet aufgewachsen.

Nichtsdestotrotz haben ihn die Ereignisse nach dem Tod seiner biologischen Eltern – sein leiblicher Vater war noch vor seiner Mutter gestorben – geprägt. Noch heute sitzt Masemann ungern auf der Rückbank eines Autos, geschweige denn auf der eines VW Käfers.

In Niedersachsen wurden im vergangenen Jahr laut dem Landesamt für Statistik 398 Kinder und Jugendliche adoptiert. Im Landkreis Diepholz nahmen laut dem Fachdienst Jugend 2016 zwei Familien ein fremdes Kind auf, als ob es ihr eigenes wäre. Daneben gab es im gleichen Zeitraum acht Jungen und Mädchen im Alter von zwei bis 16 Jahren, die von einem Stiefelternteil adoptiert wurden. Drei behinderte Kinder vermittelte der Fachdienst Jugend zu Familien außerhalb des Landkreises, da sich keine geeigneten heimischen Bewerber fanden.

„Manche haben es mich spüren lassen“

Klaus Masemann wusste zeit seines Lebens, dass er adoptiert ist. Ein Geheimnis hat er aus seiner Herkunft nie gemacht. „Ich erzähle es einfach. Dann kann niemand daraus Munition schinden“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Dass seine Abstammung für andere von Bedeutung sein kann, hat er am eigenen Leib erfahren. „Manche haben es mich spüren lassen“, sagt er. Die meisten hätten ihn jedoch so angenommen, wie er ist. Dafür ist der Schwarmer dankbar.

„Jedes Kind hat eine Chance verdient auf eine funktionierende Familie“, betont er und spricht sich für Adoptionen und Pflegefamilien aus.

Masemann ist gläubiger Christ. Er ist überzeugt, dass es „einfach so sein sollte“, dass er auf dem Hof in Schwarme aufwächst. Wer seine Geschichte nicht kennt, würde wohl kaum auf die Idee kommen, dass Masemann nicht von Anfang an dort zu Hause war. „Ich schlage unheimlich nach meinem Vater“, sagt er. Wenn er von Vater und Mutter spricht, meint er seine Adoptiveltern. Die DNA hat für ihn nie eine Rolle gespielt.

Derzeit möchten im Landkreis Diepholz 25 Bewerber ein fremdes Kind adoptieren. Der Fachdienst Jugend vermittelt in der Regel Säuglinge. Die Vermittlungs- und Bewerberzahlen unterliegen der Behörde zu Folge kaum Schwankungen.

Über seine leibliche Schwester und seine vier Halbbrüder hält Masemann Kontakt zu seiner Blutlinie. „Keiner von uns sechsen ist auf die schiefe Bahn geraten“, erzählt er. Der 49-Jährige selbst arbeitet bei einer Baumarktkette als Projektleiter für Neubauten und Renovierungen. Er ist fester Teil der Schwarmer Dorfgemeinschaft, sitzt der Krieger- und Soldatenkameradschaft vor und engagiert sich im Gemeinderat. In seiner Freizeit werkelt er oft in der Werkstatt, um den Hof in Schuss zu halten, zu dem ihn einst der graue VW Käfer brachte.

Priorität hat für ihn seine Familie. Er ist Vater zweier erwachsener Kinder. „Wenn ich zur Arbeit gehe, ist die Familie jeden Morgen meine Motivation“, sagt er. „Die Familie als Solches ist nicht selbstverständlich.“

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