Weniger ist mehr

Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech wirbt für einen ganz neuen, lebenswerten Wohlstand

Mit weniger einen Mehr-Wert im Leben erreichen – das ist die Botschaft von (v.l.) Niko Paech, Peter Henze und Manfred Folkers.
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Mit weniger einen Mehr-Wert im Leben erreichen – das ist die Botschaft von (v.l.) Niko Paech, Peter Henze und Manfred Folkers.

Br.-Vilsen – „Eines Tages fällt dir auf, dass du 95 Prozent nicht brauchst“: Mit einem ganz anderen Blick auf Besitz und vermeintlichen Wohlstand eröffnete Peter Henze vom Verein Land & Kunst einen ganz besonderen Abend. Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech und sein Co-Autor Manfred Folkers präsentierten am Freitag im Forum des Schulzentrums Bruchhausen-Vilsen die elementaren Botschaften ihres Buches „All you need is less“ – alles, was du brauchst, ist weniger.

Wie groß der Wunsch von Menschen nach Entschleunigung und weniger Wohlstandsballast ist, bewies die Resonanz auf den Vortrag: In kürzester Zeit waren alle 80 Plätze vergeben, die während der gebotenen Corona-Schutzmaßnahmen überhaupt möglich waren. Und das schon zum zweiten Mal. Bereits im Sommer 2019 hatte Niko Paech in der Waldscheune in Asendorf-Arbste für drangvolle Enge gesorgt.

Botschaft des Nachhaltigkeitsforschers, seines Co-Autors und seines Gastgebers gleichermaßen: Es ist möglich, das „Mehr an Leben“ zu erleben, wenn man sich für Suffizienz entscheidet – also für ein ganz bewusstes „Weniger“. Dessen Wirkung lässt sich durchaus messen, erfahren die Zuhörer im Forum, undzwar an der „globalen Gerechtigkeit innerhalb nicht verhandelbarer ökologischer Grenzen“, so formuliert es Niko Paech. Will heißen: Es geht um die gerechte Verteilung von Möglichkeiten.

Wer daran mitwirken will, muss sich konsequent auf einen Richtungswechsel einlassen: „Es reicht nicht, auf Fleisch zu verzichten und dann nach Indien zu fliegen“, betont der Referent, der an der Universität Siegen als außerplanmäßiger Professor im Bereich der Pluralen Ökonomik lehrt und forscht. Als wohl bekanntester deutscher Wachstumskritiker blickt der 59-Jährige tief auf den (Ab-)Grund der Konsumgesellschaft: „Wie verdient ist eigentlich unser Wohlstand?“, fordert er zur Selbstkritik auf – und bilanziert mit Blick auf die ökonomischen und ökologischen Folgen: „Unser Wohlstand ist nichts anderes als Plünderung.“ Wirklich zufrieden macht das Konsum-Leben nicht: „Weil Menschen nicht in der Lage sind, das zu verarbeiten, was sie sich kaufen.“ Die bittere Konsequenz: „So wird das vermeintliche Glück zum Ballast“, fasst Niko Paech zusammen. Anders gesagt: Rein rechnerisch würden die Menschen immer reicher, aber seelisch bluten sie aus. Menschen würden zusehends an Wohlstand erkranken – wenn auch nicht alle.

Verzicht ist deshalb gesund und kann heilen, so die Botschaft von Manfred Folkers. Der Dharma- und Taiji-Lehrer fordert diejenigen, die Mehr-Wert im Leben erreichen möchten, bewusst dazu auf: „Schaut euch das Leben als Ganzes an. Seid bescheiden.“ Folkers macht seine Zuhörer mit dem Leitgedanken buddhistischer Gemeinschaften vertraut: „Je mehr du die Erde liebst, um so weniger wirst du nehmen wollen, was du brauchst.“

Leichtigkeit, Langsamkeit und eine bisweilen an Oberflächlichkeit grenzende Lässigkeit dieses Vortrags stehen im krassen Gegensatz zur realistischen, faktenbasierten Kritik an der Konsumgesellschaft. Doch auch Folkers hat eine klare Botschaft: Der Schlüssel der Veränderung liegt in der Selbstverantwortung. „Alles, was von irgendwelcher Reichweite sein soll, muss im Einzelnen beginnen und durch den Einzelnen verwirklicht werden“, sagt er.

Der Weg sei das Ziel – und sozusagen als Reisebegleiter empfiehlt der Dharma- und Taiji-Lehrer Meditation, Entschleunigung und gewaltfreie Kommunikation sowie Mediation – in der Überzeugung, dass Stressbewältigung durch Achtsamkeit ein wunderbarer Weg ist.

Neues Netzwerk: Kultur macht Klima

Wer Veränderungen erreichen will, der muss selbst Verantwortung übernehmen – und sie vorleben. Diese Botschaft ist nach dem Vortrag des Nachhaltigkeitsforschers Niko Paech und seinem Co-Autor Manfred Folkers auf fruchtbaren Boden gefallen: Sehr zur Freude von Peter Henze und dem Verein Land & Kunst haben Menschen aus dem Publikum eine Fortführung der praktischen Nachhaltigkeitsdiskussion vor Ort angeregt. Peter Henze nahm die Anregungen postwendend auf und bot für den Verein Hilfe an, ein solches Netzwerk aufzubauen: „Stichwort: Kultur macht Klima“, berichtet er über das neue Angebot, an dem alle Interessierten mitwirken können. Es bedeute, so Henze, alle an einem Netzwerk zu den Themen, Klima, Nachhaltigkeit und Spiritualität teilhaben zu lassen. Wer sich einbringen möchte, meldet sich per E-Mail: info@landkunst.de

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