13-Jähriger aus Syrien geflohen

Ali muss auf seine Mutter warten

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Der 13-jährige Ali Abdou mit seiner Oma Amlein Aizoki und seinem Onkel Fadi Abdou. Sie alle hoffen, dass Alis Mutter und sein Opa bald nach Deutschland kommen können.

Br.-Vilsen - Von Mareike Hahn. Immer, wenn Ali Abdou mit seiner Mutter telefoniert, bringt er ihr ein paar deutsche Wörter bei. An dem Tag, an dem sie in Deutschland ankommt, soll sie schließlich „Hallo“ sagen können, „Danke“ und „Auf Wiedersehen“. Auf diesen Tag wartet Ali seit anderthalb Jahren. 2016 flüchtete der Junge zusammen mit seiner Oma Amlein Aizoki aus Syrien. Seitdem wünscht er sich, seine „Ummi“, wie Mama auf Arabisch heißt, auf deutschem Boden in die Arme schließen zu können.

Ali Abdou und Amlein Aizoki, die Mutter seiner Mutter, leben seit Sommer 2016 in Bruchhausen-Vilsen. Sie fühlen sich dort wohl. Und vor allem fühlen sie sich sicher. In ihrem Heimatland herrscht Krieg. Täglich fallen Bomben, täglich sterben Menschen. „Meine Mutter ist in Syrien. Ich habe Angst um sie“, sagt der 13-Jährige in gut verständlichem Deutsch. „Ich vermisse sie sehr.“

Für Ali war klar, dass er sein Heimatdorf Baoi im Westen Syriens verlassen wollte. Zusammen mit seiner Großmutter machte er sich auf den Weg, sie passierten die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich. Nach vier Monaten landeten sie in Deutschland. Die beiden Syrer wurden als Kriegsflüchtlinge anerkannt und bekamen eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre – und gleichzeitig die Genehmigung, ihre Familienangehörigen nachzuholen. „Wir haben rechtzeitig den Antrag auf Familiennachzug gestellt“, sagt Martina Claes, die Ali und Amlein Aizoki als Asylbegleiterin betreut. Passiert ist – nichts. Alis Mutter Rania Abdou und sein Opa Mrad Abdo, der ebenfalls nach Deutschland kommen möchte, warten auf einen Termin bei der deutschen Botschaft im Libanon.

Beirut ist zuständig, seit die Botschaft in der syrischen Hauptstadt Damaskus vor fünf Jahren schloss. Der Ansturm ist groß. Viele Syrer warten auf eine Familienzusammenführung in Deutschland. Nach Informationen der „Frankfurter Rundschau“ erteilte die Botschaft in Beirut bis Anfang 2012 rund 5000 Visa pro Jahr. 2015 waren es 30.000.

„Ich mache mir Sorgen“

„Ich mache mir Sorgen um meine Mutter und meinen Opa“, sagt Ali. „Aber wir können nichts tun, außer zu warten.“

Nur jeweils eine kurze E-Mail haben Rania Abdou und Mrad Abdo bisher von der Botschaft bekommen. „Sie sind auf der Terminliste in Beirut in der Kategorie Familienzusammenführung zu Schutzberechtigten aus Syrien gebucht“, heißt es darin. Und: „Der genaue Termin zur Visumsbeantragung wird Ihnen später in einer gesonderten Mail mitgeteilt. Diese gesonderte Mail erhalten Sie rechtzeitig vor dem Visumsbeantragungstermin. Die Wartezeit auf den endgültigen Termin beträgt derzeit ungefähr fünf bis acht Monate.“

Das war vor 15 Monaten.

„Wir gehen davon aus, dass Rania Abdou und Mrad Abdo ein Visum für Deutschland bekommen“, erklärt Claes. „Aber sie müssen bei der Botschaft vorsprechen und bestimmte Papiere vorlegen.“ Die Papiere haben sie beisammen. Den Weg von Baoi nach Beirut wollen sie mit dem Auto zurücklegen, die Fahrt dauert etwa zwei Stunden.

Alis Eltern sind geschieden, sein Vater wohnt in einer anderen syrischen Stadt. Der Junge ist in einem Haus mit seiner Mutter und seinen Großeltern aufgewachsen. Geschwister hat er nicht. Als er und Amlein Aizoki entschieden, die Flucht anzutreten, befand sich seine „Ummi“ gerade vorübergehend zum Arbeiten im Ausland. „Wir haben nicht geahnt, dass es so lange dauern würde, bis wir uns wiedersehen.“

Früher in Ar-Raqqa gelebt

Die Familie von Ali hat früher in Ar-Raqqa gelebt, einer Stadt im Norden, die zwischenzeitlich als Hauptstadt der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) galt. Als sich die Lage dort zuspitzte, zogen Ali und seine Liebsten nach Baoi. Dort, nahe der Stadt Tartus, war das Leben für eine Weile erträglich. Aber dann rückte der IS näher. Seit er geflüchtet ist, hat sich die Situation noch verschärft, sagt Ali.

Der Islamische Staat hat im vom Assad-Regime kontrollierten Tartus im Mai 2016 durch Autobomben und Selbstmordattentäter 48 Menschen getötet, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“. Ali startet auf seinem Handy ein Youtube-Video mit Bildern aus seiner Heimat. Das türkisblaue Mittelmeer und die weißen Sandstrände machten Tartus, die zweitgrößte Hafenstadt des Landes, einst zu einem beliebten Ferienziel. Heute bleiben die Urlauber weg.

Das Video zeigt ein großes Fest zum Jahresende. Scharen von Menschen feiern abends auf einem Platz. Ein Feuerwerk erhellt den Himmel. „Man weiß nie, ob es wirklich nur Feuerwerkskörper sind oder doch echte Raketen“, sagt Alis Onkel Fadi Abdou. Er hat eine Griechin geheiratet, lebt in Griechenland und besucht Ali und Amlein Aizoki regelmäßig.

Jeden Tag beten für die Mutter

Jeden Tag betet Ali für seine Mutter. Wie seine Familienangehörigen gehört er zu den Ismailiten, einer als tolerant geltenden islamischen Glaubensgemeinschaft. Der IS sieht Ismailiten als Abtrünnige an.

In seiner Schule, dem Gymnasium Bruchhausen-Vilsen, besucht Ali freiwillig den Religionsunterricht, statt an „Werte und Normen“ teilzunehmen. „Ich möchte mehr über das Christentum erfahren“, sagt er. „Wir haben denselben Gott.“

Was er in Religion und den anderen Fächern gelernt hat, erzählt der Siebtklässler seiner Mutter regelmäßig via Telefon oder Messenger. Rania Abdou hat lange als Grundschullehrerin gearbeitet. Jetzt ist Ali ihr Lehrer. „Ich habe schon einen Deutschtest mit ihr gemacht“, sagt der 13-Jährige. „Sie hat zu 100 Prozent bestanden.“

Ali und Rania Abdou sind bereit für den Tag, an dem sie nach Deutschland kommt. „Mein größter Wunsch ist, dass es bald so weit ist.“

Hilfe aus Berlin?

Im Oktober hat Ali Abdou seine Situation der Grünen-Politikerin Claudia Roth geschildert, ihr einen Zettel mit seinen Daten gegeben und sie um Hilfe gebeten. „Ich kann nichts versprechen“, entgegnete die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags während eines Besuchs beim Flüchtlingshilfeverein „Lebenswege begleiten“ in Bruchhausen-Vilsen. „Aber ich werde nachhaken.“ Seitdem hat weder Ali noch „Lebenswege begleiten“ von ihr gehört.

Auf Nachfrage der Kreiszeitung teilt Roths Pressereferent Raphael Kreusch mit, dass „sich Frau Roth im Rahmen ihrer parlamentarischen Möglichkeiten immer wieder auch für Einzelfälle einsetzt und nachhakt, was selten, aber dann doch ab und an weiterhilft“. Allerdings sei sie auf „weiterführende Informationen“ angewiesen, um im Auswärtigen Amt gezielt nachfragen zu können. „Im Fall von Ali sind uns meines Wissens keine Dokumente oder Ähnliches zugekommen, was vermutlich schlichtweg auf ein Missverständnis in der Kommunikation zurückzuführen ist“, sagt Kreusch. Nach Eingang der nötigen Angaben werde Claudia Roth aber beim Auswärtigen Amt um Klärung bitten.

„Lebenswege begleiten“ will die erforderlichen Unterlagen nun nach Berlin schicken – in der Hoffnung, dass sich endlich etwas tut.

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