Wie die Museumseisenbahn vor 50 Jahren nach Bruchhausen-Vilsen kam

Es dampft, zischt und riecht nach Geschichte

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Einen ganzen Schrank voller Ordner und Diaboxen mit Aufnahmen von Klein- und Privatbahnen hegt und pflegt Eisenbahn-Fan Harald Kindermann in seinem Haus in Bruchhausen-Vilsen.

Br.-Vilsen - Von Horst Friedrichs. Es war der Lockruf der Stephenson-Steuerung, der alles auslöste: Als Harald Kindermann vor mehr als fünf Jahrzehnten von den Lokomotiven „Bruchhausen“ und „Hoya“ erfuhr, hielt ihn nichts mehr in seiner Heimatstadt Hamburg. Diese beiden Dampfrösser waren die letzten in Deutschland, deren Maschinen noch mit der legendären Technik arbeiteten. „Ich habe sie gefunden“, schwärmte er, „die berühmte Stephenson-Steuerung!“ Kenner wussten sofort Bescheid, und seinem Umfeld war klar, dass es etwas mit der Eisenbahn zu tun haben musste. Denn der heute in Bruchhausen-Vilsen lebende Kindermann, einer der Gründungsväter der Museumseisenbahn, ist von Kindesbeinen an ein Eisenbahn-Fan.

Vom Gleisbett bis zur Lokomotive interessierte ihn, den Postbeamten im gehobenen Dienst, schon immer einfach alles, was mit Schienen zu tun hat. Und so packte er seinen Fotoapparat ein, stieg in einen Zug und fuhr los, 120 Kilometer weit nach Süden, über Bremen. Die damalige Kleinbahn Hoya-Syke-Asendorf und deren Direktor Wilhelm Leder aus Hoya waren es, die den Hamburger eingeladen hatten. „Er kam zu uns und wollte eine Lokomotive geschenkt haben“, erzählte Leder später, nämlich 1966 bei der festlichen Einweihung der ersten deutschen Museumseisenbahn in Bruchhausen-Vilsen.

Der Besuch bei der Kleinbahn, die die Loks „Bruchhausen“ und „Hoya“ besaß, bildete den Anfang einer Geschichte, die heute, 50 Jahre später, lebendiger ist denn je: Noch immer fährt die „Hoya“, die „Bruchhausen“ steht im Kreisel am Bruchhausen-Vilser Bahnhof. Keiner kann diese Geschichte besser erzählen als der 81-jährige Harald Kindermann.

Natürlich hat er die Lokomotive damals bekommen, doch nicht für sich selbst, sondern für den Eisenbahn-Verein in Bruchhausen-Vilsen, den er 1964 mit Freunden gegründet hatte. In Kleinbahn-Direktor Leder fanden die Hamburger Eisenbahn-Freunde um Harald Kindermann den wohlgesonnensten Förderer, den sie sich nur denken konnten. So gab es zum Einstand neben der Lok „Bruchhausen“ auch noch die Schmalspurstrecke zwischen Bruchhausen-Vilsen und Heiligenberg für die von der Verwirklichung ihres Traums geradezu besessenen Dampflok-Fans.

Das System „Schmalspurige Kleinbahn“ für die Nachwelt zu erhalten, war ihr erklärtes Ziel. Und fast nebenbei kam die Stephenson-Steuerung zum Zug: Der geschenkte Dampfgaul „Bruchhausen“ verfügte, wie die „Hoya“, über diese von dem Engländer Robert Stephenson (1803-1859) erfundene Steuerungstechnik, die die Bewegungsrichtung der Dampfmaschine durch Öffnen oder Schließen von Schiebern beeinflusst.

Bereits 1958 hatte Harald Kindermann angefangen, Lokomotiven und dazugehörige Züge von sogenannten nichtbundeseigenen Eisenbahnen, sprich Kleinbahnen, zu fotografieren. Dazu fuhr er mit seinem Motorroller von Hamburg aus durch Norddeutschland und landete im September 1958 zum ersten Mal in Hoya – der Kleinbahn-Dampfloks wegen. „Damals übernachtete ich in der Jugendherberge an der Langen Straße“, erinnert sich Kindermann schmunzelnd. „Ich war der einzige Gast.“

Der Kontakt zum Team der Hoyaer Kleinbahn entstand später, als Harald Kindermann schon Fotos und Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht hatte. Das war 1961 seine Ausgangsbasis für eine Anfrage an die Verkehrsbetriebe Grafschaft Hoya (VGH), die Nachfolgegesellschaft der Kleinbahn Hoya-Syke-Asendorf. VGH-Direktor Wilhelm Leder antwortete mit einer Postkarte: „Sie sind uns herzlich willkommen.“ Die Folge: Harald Kindermann unternahm mit den „Freunden der Eisenbahn“ (FDE) vom Museum für Hamburgische Geschichte eine Sonderfahrt. Per Bundesbahn reisten sie noch 1961 nach Syke, wo Wilhelm Leder sie mit einem Triebwagen abholte. „Wir fuhren über Bruchhausen-Vilsen in Richtung Asendorf“, erzählt Kindermann heute. „Und dann, unverhofft, mussten wir in Klosterheide alle aussteigen und die Schönheit der Landschaft erwandern.“

Der Eisenbahn-Fan war von der Kleinbahn so beeindruckt, dass er Leder bat, im Museum für Hamburgische Geschichte einen Vortrag darüber zu halten.

Gute Vorzeichen für die spätere Entstehung der Museumseisenbahn in Bruchhausen-Vilsen. Ähnliche Projekte in Hamburg-Wohldorf und mit der Steinhuder Meerbahn scheiterten indes.

„Eigentlich wollte ich nur eine der Loks, die als einzige in Deutschland noch die Stephenson-Steuerung hatten“, sagt Kindermann. „Aber daraus wurde schließlich die Museumseisenbahn Bruchhausen-Vilsen.“ Deren feierliche Eröffnung fand am 2. Juli 1966 statt. In diesem Jahr wird das 50. Jubiläum gefeiert.

Im Dezember 1989 bezogen Harald Kindermann und seine Frau – zunächst nur für die Wochenenden – ein Haus in Bruchhausen-Vilsen, das sie direkt an der Museumsbahnstrecke Richtung Asendorf gebaut hatten. 1996 dann, nach Kindermanns Pensionierung, verlegte das Ehepaar seinen Wohnsitz endgültig von Hamburg in den Luftkurort – mit dem verwirklichten Traum namens Museumseisenbahn ständig vor Augen.

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