Menschliche Türme und ein bisschen Zauberei: Gymnasiasten sind mit Eifer dabei

Akrobatik-AG will hoch hinaus

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Das Kolosseum in Italien, geformt von der Akrobatik-AG des Gymnasiums.

Br.-Vilsen - Von Max Brinkmann. Beinahe steht das Kolosseum. Doch dann gerät es für einen Moment ins Wanken, weil eine Schülerin auf dem Rücken einer anderen nicht gleich den richtigen Halt findet. Für ein paar Sekunden scheinen alle die Luft anzuhalten, bis das Wackeln ein Ende hat. Kurz darauf ist das menschliche Kolosseum ebenso perfekt wie das Lächeln der Gymnasiasten.

Schwindelfrei müssen die Mitglieder der AG schon sein.

Es ist Freitagnachmittag, und die 18 Schüler der Akrobatik-AG des Gymnasiums üben zusammen mit ihrer Lehrerin Dr. Catrin Gläser verschiedene Figuren ein. Mit Erfolg, wie sie zuletzt am Sonntag bei ihrem Auftritt beim Neujahrsempfang der Samtgemeinde bewiesen. Kein Wunder also, dass Schulleiter Reinhard Heinrichs die Arbeitsgemeinschaft als „Aushängeschild der Schule“ bezeichnet.

Wer beim Training der AG in der Mensahalle zuschaut, der merkt schnell, dass alle Mädchen und Jungen Spaß daran haben. Die Stimmung ist gut, alle verstehen sich bestens – und das trotz des teilweise großen Altersunterschieds: Denn hier agieren Schüler vom fünften bis zum zwölften Jahrgang gemeinsam.

Wenn mal etwas nicht sofort klappt, wird es einfach noch mal probiert – solange, bis zum Beispiel der Menschenturm nicht nur aufgebaut ist, sondern auch stehen bleibt. Seit der Gründung vor drei Jahren hat sich das Leistungsniveau stark erhöht, sodass mittlerweile vier- bis fünfstöckig geturnt wird. Zum Teil „stapeln“ sich also vier oder fünf Jugendliche übereinander. Die Teilnehmer sind ehrgeizig: Kurz vor Auftritten trainieren sie sogar bis zu acht Stunden am Tag und auch am Wochenende.

Gläser, Lehrerin für Erdkunde und Sport, hat die AG 2013 ins Leben gerufen und leitet sie mit viel Herzblut und Engagement. Akrobatik steht auf dem gymnasialen Lehrplan, und so entdeckte die Pädagogin im Sport-Unterricht einige Talente – und fragte sie, ob sie Lust auf eine Arbeitsgemeinschaft haben. „Durch die exzellente Zusammenarbeit mit Herrn Heinrichs genießt die AG beste Voraussetzungen“, freut sich Gläser.

Cedrik Nagel und Theresa Glöß gehören zu den Gründungsmitgliedern. „Ich war damals in der achten Klasse“, erzählt Cedrik. „Am Anfang waren wir nur fünf Schüler, drei Mädchen und zwei Jungen“, ergänzt die heutige Siebtklässlerin Theresa. Mit Ausnahme eines Mädchens, das die Schule gewechselt hat, sind noch sämtliche Mitglieder der ersten Stunde dabei.

Gläser ist es wichtig, gegen den Bewegungsmangel vieler Schüler vorzugehen. Es sei wissenschaftlich bewiesen, dass dieser die koordinativen und konditionellen Fähigkeiten verringere und zu Haltungsschwächen führe. Außerdem nehme die Zahl der übergewichtigen Kinder zu. „Der Schulsport an sich reicht nicht aus, um dem Bewegungsmangel entgegenzuwirken“, sagt die Lehrerin. „Akrobatik fördert besonders die koordinativen Fähigkeiten, wie zum Beispiel das Gleichgewicht.“

Was sie meint, wird beim „Zwiebelturm“ deutlich. Er hat vier menschliche Stockwerke. Wenn an irgendeiner Stelle ein Schüler das Gleichgewicht verliert, kann der ganze Turm umkippen. „Dadurch, dass die Schüler bei allen Figuren eng zusammenarbeiten und einander vertrauen müssen, steigt auch ihr Selbstbewusstsein“, erklärt Gläser.

Ihren ersten Auftritt hatten die Akrobaten beim Sommerfest ihrer Schule 2013. Damals noch zu fünft, hieß das Programm „Drei Frauen, zwei Männer, eine Bar“. „Da waren selbst die einfachsten Übungen noch schwierig“, erinnert sich Cedrik. „Gar nicht so sehr wegen des Gewichts der anderen Schüler. Das Schwere war eher, das eigene Gleichgewicht zu halten.“

„Aber mit der Zeit lernt man viel dazu, und es wird leichter“, ergänzt Hakon Mild. Er ist seit einem Jahr dabei und trat in die AG ein, nachdem Gläser ihn im Unterricht entdeckt und angesprochen hatte. „So sind eigentlich alle dazu gekommen“, erzählt Hakon. Und seine Lehrerin ergänzt: „Um in die AG einzutreten, brauchen die Schüler schon ein gewisses Talent.“

Hakon beispielsweise ist nicht nur ein super Akrobat, sondern kann auch gut zaubern. Ein positiver Nebeneffekt, denn zurzeit ergänzt die Gruppe ihr Programm mit Zauberei, Jonglage und Feuereinlagen.

Feurig wird es bei dem Programmpunkt „Weltreise“: Die Jugendlichen stellen unter anderem den „Ausbruch des Kilimandscharo“, eines Vulkans in Afrika, dar. Eine Schülerin spuckt Feuer, während eine andere hochgeworfen und wieder aufgefangen wird.

Die Lehrerin entscheidet, und die Schüler müssen mitmachen? Von wegen! In der Akrobatik-AG läuft das anders: Gläser macht Vorschläge und entwickelt diese dann mit den Schülern zusammen weiter. So entstanden in den vergangenen Jahren unter anderem Küren zu popkulturellen Themen wie „Star Wars“ und „James Bond“. Die Nummern ändern sich ständig, keine wurde bislang zweimal aufgeführt.

Zu größeren Verletzungen kam es bisher übrigens nicht. „Natürlich ist immer eine gewisse Nervosität vor Auftritten da“, sagen Theresa, Hakon und Cedrik. „Aber bis auf ein paar leichtere Verletzungen ist zum Glück noch nichts passiert.“

Nachdem sie den Neujahrsempfang mit mehr als 300 Zuschauern bravourös gemeistert hat, möchte die AG als nächstes ein Kleinkunstfestival organisieren. Termin ist der 6. Februar. „Ich bin sehr stolz auf meine Schüler, die so viel Zeit opfern und freiwillig trainieren“, lobt Gläser.

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