Rennen in Martfeld

Stockcar-Sound degradiert jede Harley zum Flötenorchester

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Stockcar-Racer Mathias Banehr (rechts) und Christian Porembski mit ihrem kaum erkennbaren Ford Granada. Auch der V6-Cosworth-Rennmotor unter der Haube mit weit über 200 PS passt nicht ins Bild.

Martfeld - Von Ulf Kaack. Auf der Piste sind sie erbitterte Rivalen, abseits davon die besten Kumpel: der Martfelder Mathias Banehr und Christian Porembski aus Heemsen. Als ausgesprochene Motorsportenthusiasten sind sie dem Stockcar-Rennen zugetan und organisieren den am Samstag und Sonntag, 15. und 16. September, in Martfeld stattfindenden Meisterschaftslauf dieser Rennserie.

Bei dem vermeintlichen Wrack, an dem die beiden derzeit schrauben, handelt es sich um einen Ford Granada der zweiten Serie. Rundum verbeult und mit Schweißnähten überzogen, mag man kaum glauben, dass unter der Haube ein V6-Cosworth-Rennmotor zur Sache geht und dabei über 200 drehmomentfreudige Pferdchen mobilisiert. Der kernige Sound des Aggregats degradiert schon im Standgas jede Harley zum Flötenorchester.

Die einst biedere Kölner Mittelklasselimousine ist vor zwei Jahren zum Stockcar-Racer mutiert und führt mit ihrem Fahrer, eben Mathias Banehr, derzeit die Meisterschaften der Interessengemeinschaft Nordwest (IGNW) dieser noch recht jungen, in den USA verwurzelten und hierzulande von Stefan Raab populär gemachte Motorsportvariante an.

Und der 44-Jährige beschränkt sich nicht nur auf das Geschehen auf der Rennpiste und in der Werkstatt. Als Organisationschef veranstaltet er, nunmehr im zweiten Jahr in Folge, das Stockcar-Rennen in Martfeld. Übrigens der finale Lauf der Rennserie 2018. Er kann also Meister in seiner Klasse werden bei seinem Heim-Grand-Prix.

Bei den Stockcar-Wettbewerben wird keinesfalls mutwillig Schrott produziert, wie sich beim ersten Anblick vermuten lässt. Im Gegenteil, es handelt sich um einen Taktiksport, der Weitsicht, fahrerisches Geschick und natürlich reichlich Speed auf der Strecke erfordert. „Ein rund 500 Meter langes Oval muss von den Fahrzeugen insgesamt zehn Minuten durchfahren werden“, erklärt Banehr das Reglement. „Für jede gefahrene Runde gibt es fünf Punkte. Auf der Piste versuchen die Fahrer, den Gegner durch gezieltes Touchieren aus der Bahn zu kicken. Dreht er sich um 90 Grad, gibt es zehn Punkte, bei einem Überschlag des Kontrahenten werden 30 Zähler gutgeschrieben. Für jedes Fahrzeug gibt es einen eigenen Punkterichter für die ,Buchführung‘.“

Schlammbrocken sollen richtig fliegen

Nach jeder kontrollierten Kollision wird das Rennen solange gestoppt, bis das betroffene Fahrzeug weiterfahren kann. Trecker stehen bereit, um sie schnell wieder korrekt auf der schlammigen Piste zu platzieren. Die Strecke wird dabei permanent gewässert, damit die Schlammbrocken so richtig fliegen. Haute Couture sei den Zuschauern am Rande des Geschehens daher nicht empfohlen. Gestartet wird in vier Klassen: Die Junioren im Alter von 14 bis 17 Jahren, sowie die Klassen I bis III nach Hubraum gestaffelt.

Am Start sind dabei ausnahmslos Fahrzeuge, die in der Szene den Ruf der Unverwüstlichkeit besitzen: Standfeste Opel Astra, VW Golf und Scirocco der ersten beiden Baureihen, Fahrzeuge aus dem Hause Ford … Und die werden für ihren Einsatzzweck außerhalb des Geltungsbereichs der Straßenverkehrsordnung massiv aufgepimpt.

In der Fahrgastzelle des Granadas sorgt ein massiver Überrollkäfig für Stabilität und Sicherheit. Im Fond ist der Kühler platziert. „Der würde bei einer Kollision als Erstes kaputtgehen, darum ist er gemäß Reglement in die Fahrzeugmitte verlegt worden“, erklärt Porembski. „Die Kühlwasserschläuche sind zusätzlich mit Schlauchmaterial von der Feuerwehr ummantelt, damit sie nicht platzen können. Daneben ist auch der flache, lediglich 20 Liter fassende Kraftstofftank positioniert. Karosserie und Fahrwerk haben wir mit zusätzlich eingeschweißtem Schwermetall verstärkt. Auch die Seitenwände der Spezialreifen sind mit einer zusätzlichen Gummischicht geschützt.“

Gesundheit steht an erster Stelle

Generell steht die Gesundheit der Fahrer an erster Stelle. Nackenstützen gegen das Schleudertrauma sind Pflicht, ebenso ein Helm und umfänglich schützende Rennbekleidung. Am Pistenrand steht während des Rennes immer ein Notfallsanitäter samt Rettungsfahrzeug bereit. „Doch der ist meist mehr damit beschäftigt, die Zuschauer nach schmerzhaften Wespenstichen zu versorgen“, schmunzelt Banehr.

Und was geht nun konkret ab am nächsten Wochenende auf dem Martfelder Renngrund? Los geht’s um 9 Uhr mit der Abnahme der Fahrzeuge. Experten unterziehen jeden einzelnen Racer einer intensiven, dem Reglement entsprechenden technischen Überprüfung. Erst nach deren Okay dürfen die Piloten auf den Kurs. Gegen 14 Uhr gehen nacheinander alle vier Klassen an den Start. Sonntag folgen ab 10 Uhr zwei weitere Wertungsdurchläufe für das gesamte Starterfeld, also acht Rennen in Folge. Nachdem die Pokale an die Sieger des Martfelder Rennens sowie für die komplette Rennsaison übergeben sind, winkt zum Finale das Stockcar-Rodeo: „Hier wird so lange gefahren, bis auch wirklich alle Autos nur noch vermeintlicher Schrott sind, ein kolossaler Akt der Verwüstung und die ganz große Show für das Publikum“, grinsen die beiden Organisatoren in weiser Voraussicht. „Doch keine Angst, anschließend werden die Renner zusammengedengelt und sind beim nächsten Wettbewerb wieder einsatzfähig.“

Das Renngeschehen wird übrigens für das Publikum von einem Stockcar-Experten fachmännisch moderiert. Das Fahrerlager steht für alle Besucher offen. Benzingespräche mit den Fahrern und Teams inklusive. Sogar ein Stockcar-Taxi steht bereit, mit dem Wagemutige drei Runden auf dem Beifahrersitz erleben können. Zwar mit Highspeed und spektakulären Kurvendrifts, aber ohne Kollisionen.

Im Zelt sowie am Streckenrand ist für das leibliche Wohl gesorgt, für die Kids blasen die Veranstalter eine Hüpfburg auf. Der Eintritt für das gesamte Rennwochenende beträgt acht Euro und für Jugendliche vier Euro. Kinder unter zehn Jahren dürfen kostenlos dabei sein.

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