Über Stock, Stein und Schienen

Martfelder Erzieher pilgert mit Schützling Lukasz auf dem Jakobsweg

Sieben Wochen waren Olaf Seebode und Lukasz unterwegs – durchschnittlich 20 Kilometer am Tag.

Martfeld - Von Regine Suling. Ihr Weg war das Ziel: Olaf Seebode startete mit seinem Schützling Lukasz und zwei Hunden auf eine ungewöhnliche Wanderung. Sie trafen dabei auf einen Braunbären, auf Giftschlangen und Skorpione. Und das auf prominenten Pfaden: Zusammen gingen der staatlich anerkannte Erzieher und der 14-Jährige den nördlichen Jakobsweg, den Camino Norte. Sieben Wochen waren sie unterwegs und nahmen dabei insgesamt 960 Kilometer unter die Füße, bis sie vom Startpunkt in Südfrankreich am Ziel in Spanien ankamen.

„Ich hätte ‘ne richtig gute Idee. Hast du Lust auf ein Abenteuer?“, wollte Olaf Seebode zuvor von Lukasz wissen, der zu dem Zeitpunkt in „Jazz2010, Jugendaktionen zur Zukunft“, einer Betreuungseinrichtung für Jugendliche im intensivpädagogischen Bereich in Hassel, lebte. Damals kannten sich beide schon ein Dreivierteljahr. Lukasz hatte Lust. Und aus einem Schulverweigerer wurde ein Schulgänger, damit er die Chance wahrte, das versprochene Abenteuer zu erleben.

Wie „Jazz2010“-Mitarbeiter Olaf Seebode auf die Idee kam? „Vor fünf Jahren bin ich zu Fuß von Martfeld nach Santiago gewandert und habe dabei eine französische Gruppe kennengelernt, die mit Problemkindern unterwegs war.“ So entstand auch bei ihm der Gedanke, ein ähnliches Projekt zu konzipieren. „Grundsätzlich geht es darum, den Jugendlichen zu zeigen, dass das Leben einfach schön ist. Dass es eine andere Welt gibt als die, die sie kennen. Dass sie Verlässlichkeit erleben und Erwachsenen trauen können.“

Zu Lukasz baute Olaf Seebode in Hassel bereits ein Vertrauensverhältnis auf. Genau auf ihn münzte er daher auch Seebodes Konzept, das wenig später vom zuständigen Jugendamt in Nordrhein-Westfalen binnen kürzester Zeit genehmigt wurde. Auch Seebodes Arbeitgeber zog mit und vertraute ihm Lukasz an.

Trotz Regens: „Kein Murren, kein Klagen“

Am 7. Mai ging es los: Mit jeweils sieben Kilogramm Gepäck auf den Schultern und den beiden Hunden starteten Olaf Seebode und Lukasz im französischen Hendaye auf ihre Reise. „Durch die Hunde war die Nutzung von Herbergen nicht möglich, und so mussten wir zumeist in der Natur übernachten.“ Für Seebode, der als Pfadfinder zum Stamm Rotmilan in Bruchhausen-Vilsen gehört, war das nichts Neues. „Unsere einzige Regel war: Wir müssen am Ziel ankommen. Insgesamt hatten wir ein Zeitfenster von drei Monaten“, berichtet Seebode.

Fast nur Regen, mitunter sogar Starkregen, begleitete die beiden Wanderer auf ihrer Tour. Doch sie bissen sich durch. „Von Lukasz gab es während dieser Zeit kein Murren und kein Klagen.“ Der 14-Jährige hatte sich schnell auf das Abenteuer eingelassen. Von Olaf Seebode lernte er, wie man das Zelt schnell auf- und abbaut. Und dass man sich nicht einfach ins Gebüsch setzt, sondern vorher guckt, ob da eine Schlange liegt. „Manchmal muss man den inneren Schweinehund für zwei überwinden“, erinnert sich Olaf Seebode. „Aber irgendwann ist das dann ein Selbstläufer.“

Gruppenbild mit Hunden: Olaf Seebode und Lukasz auf dem Weg.

Am Tag legten sie durchschnittlich 20 Kilometer zurück. „Das haben wir sogar im Gebirge geschafft.“ Sie gingen auch mal gefährlichere Wege, und Lukasz lernte nicht nur zu navigieren, sondern auch nicht gleich in Panik auszubrechen, selbst wenn mal ein Gewitter aufzog.

„Als wir dann in Santiago de Compostela ankamen, wollte er sich nicht abklatschen lassen“, sagt Olaf Seebode und verstand bald darauf, wo das Problem lag: Die Auszeit in der Natur war fast zu Ende. „Denn danach mussten wir ja nur noch drei Tage weiter bis zum Ziel nach Fisterra laufen.“

Leistung wird später deutlich

Erst auf der Rückreise nach Deutschland spürte Lukasz, was er geleistet hat. „Da hat er gemerkt, was er da eigentlich in den vergangenen sieben Wochen gerissen hatte.“ Olaf Seebode freut sich, dass seine Idee funktioniert hat. Gerade in der Jugendarbeit bedürfe es der Fantasie aller Beteiligten, findet der Erzieher, der seit seinem sechsten Lebensjahr als Pfadfinder aktiv ist. „Es ist wichtig, dass man den Kindern die Grundvoraussetzung dafür gibt, dass sie sich öffnen können.“ Viel zu oft würden Kinder aufgrund pädagogischer Hilflosigkeit sanktioniert. „Dann machen sie dicht, und man kommt nicht mehr an sie ran“.

Sein Schützling Lukasz erfahre von seiner Umwelt jetzt viel Respekt für seine Leistung. „Das ist für ihn etwas Besonderes“, weiß Olaf Seebode. „Für ihn war das alles einfach ein Abenteuer.“ Nach der Rückkehr aus Spanien zog der 14-Jährige nicht wieder zurück in die Einrichtung nach Hassel, sondern wohnt seitdem bei Olaf Seebode in Martfeld.

Der nächste Plan steht schon. Olaf Seebode: „Im kommenden Jahr wollen wir zusammen mit dem Fahrrad von Martfeld nach Santiago de Compostela fahren.“

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