Historischer Augenblick in Martfeld

Ein ganzes Haus ist auf Rollen durch den Ort unterwegs

Fachwerkhaus Rohbau auf einer Straße
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Ein Haus mitten auf der Alten Schulstraße, das hat es in Martfeld noch nie gegeben. Die Technik nennt sich Verrollen.

Ein ganzes Haus soll umziehen. In alten Zeiten hat man das mit Hilfe von Rollen gemacht. Diese historische Technik wenden der Heimat- und Verschönerungsverein Martfeld an, um das Alte Pastorenhaus auf ein anderes Grundstück umzusetzen.

  • Altes Pastorenhaus von 1535 ist einmaliges Zeugnis der Reformation auf dem Land.
  • Verein lässt Altes Pastorenhaus in historischer Verrolltechnik in Martfeld versetzen.
  • Beim Einbiegen auf die Alte Schulstraße ist ein Zaun im Weg.

Martfeld – „Sind wir soweit?“, fragt Tassilo Turner, der Chef auf der Baustelle, in die Runde. „Wir fahren fünf Meter gerade und machen dann die Wende“, sagt der Diplom-Ingenieur, der sich selbst gestern Früh hinter das Steuer des Teleskopladers setzte, um mit der Verrollung des Martfelder Pastorenhauses von 1535 zu beginnen.

„Versetzt habe ich schon ein paar Dutzend Häuser, verrollt aber bislang noch keines“, verrät Turner und schickt nach: „Aber daran wächst man ja und entwickelt sich weiter.“ Insgesamt sieben Männer und eine Zimmerin machen sich ans Werk, legen Holzbohlen auf die Straße und immer wieder runde Holzstämme unter die Hauskonstruktion, um das Gebäude mit Hilfe des Teleskopladers Zentimeter für Zentimeter zu wenden.

Das Alte Pastorenhaus wiegt zwischen 15 und 20 Tonnen

Wortwörtlich kein leichtes Unterfangen, immerhin hat das Haus ein Gewicht, das auf 15 bis 20 Tonnen geschätzt wird. Zudem ist das ganze Unternehmen Millimeterarbeit. „Der dicke Stamm muss raus, ich muss nochmal die Winde ansetzen“, sagt Tassilo Turner und kurvt mit seinem Teleskoplader von Ecke zu Ecke, hebt das Alte Pastorenhaus hier an und da an. „Weiter geht’s nicht“, ruft er – denn er steht schon vor dem Zaun des Nachbarn.

Wann immer sich das Pastorshus, wie es kurz genannt wird, bewegt, knirscht und knarzt es. „Das ist ganz normal“, beruhigt Architekt Martin Tolksdorf. „Denn es sind keine ganz starren Holzverbindungen.“ Er sieht die Gefahr des Prozedere eher an einer anderen Stelle: „Wenn das Gebäude in eine Schiefstellung kommt. Das ist wie ein Tablett mit hohen Gläsern darauf. Wenn das in eine Schieflage gerät, verändert sich auch das Gewicht“, erläutert der Architekt.

Martfelder Pastorenhaus wird nach zweijähriger Planung verrollt

Für ihn wie für alle anderen Aktiven des Heimat- und Verschönerungsvereins (HVV) Martfeld sind Tage wie dieser nach zwei Jahren der Planung etwas ganz Besonderes. „Das ist ein schöner Moment“, findet Martin Tolksdorf. Für die Verrollung habe sich der HVV ganz bewusst entschieden, weil es ein historisches Verfahren sei. Man hätte das Haus auch mit Kränen an seinen neuen Standort an der Hauptstraße versetzen können. „Aber das wäre auch nicht so einfach gewesen. Da hätten wir zwei Kräne gebraucht.“ Da passe das historische Verfahren einfach besser, meint Tolksdorf. Und es bedeutet nicht nur für die handelnden Handwerker und die HVV-Verantwortlichen, sondern auch für die Zaungäste einiges an Nervenkitzel. Zwei Stunden lang geht es vor allem darum, das Gebäude um die Kurve und auf die Straße zu bringen. „Ist es schon parallel zum Zaun?“, will Tassilo Turner von seinen Leuten wissen. Irgendwann hebt sich der Daumen, das Haus steht in Position. „Das Geradeziehen ist dann viel einfacher“, weiß der Architekt.

Immer wieder werden die Bohlen von den Zimmerleuten verlegt, immer wieder die Rollen darunter gelegt. In der unterschiedlichen Dicke der Stämme macht Heinz Riepshoff von der Interessengemeinschaft Bauernhaus den Grund aus, warum das Verrollen anfangs nicht ganz problemlos verläuft. Mal ist Luft zwischen Stamm und Haus, mal nicht, hat er beobachtet. „Das ist meine dritte Verrollung“, berichtet der Bauernhaus-Experte, der schon 1976 in der Nähe von Syke und in den 1990er Jahren in Kleinenborstel bei ähnlichen Veranstaltungen dabei war.

Altes Pastorenhaus wird Ausstellungsraum

Ziel ist es am Donnerstag, das Haus gerade auf der Straße weiter bis zum Grundstück der Kirche zu schieben. „Heute Nacht übergeben wir das Pastorshus dann in die Obhut der Kirchengemeinde“, schmunzelt Martin Tolkdorf, bevor es dann am heutigen Freitag seinen finalen Standort an der Hauptstraße, direkt neben dem Gemeindehaus, erreichen soll.

Auch der ehemalige Martfelder Pastor Heinz-Dieter Freese blickte als interessierter Zaungast anerkennend auf das, was da gestern seinen Weg auf die Straße nahm – das Haus, das mit Otto Homfeld einer seiner Vorgänger 1535 für seine Frau und seine Kinder errichten ließ.

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