Erdiger Blues im Gaswerk

„Martfeld Blues Band“ begeistert mit musikalischem Roadmovie

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Brillierten mit einem eingängigen und soliden Blues-Rock-Marathon in familiärer Atmosphäre: die „Martfeld Blues Band“ auf der Bühne im Alten Gaswerk.

Br.-Vilsen - Von Ulf Kaack. Unter dem Motto „Neues Leben im Alten Gaswerk“ gastierte am Samstagabend die „Martfeld Blues Band“ (MBB) in dem altehrwürdigen Industriebau. Doch dem hauchten sie keinesfalls neues Leben ein, sondern bliesen es wie heißen Dampf unter Hochdruck in den Kessel. Vor rund 70 Zuschauern lieferten die Blues-Rocker in Bruchhausen-Vilsen eine schweißtreibende Performance ab, die ihres gleichen suchte: Erdiger Blues – klassisch stampfend, vorgetragen mit Leidenschaft.

Nein, draußen bahnte sich um kurz nach acht kein weiteres Sommergewitter an. Die prasselnden Regentropfen und der Donnerhall aus der Ferne kamen aus der Konserve, bildeten das atmosphärische Intro zu „Riders on the Storm“, 1971 von den Doors auf Vinyl gebannt. Ein Opener mit Kultstatus, der seine Wirkung nicht verfehlte.

In Ehren ergraute Jeansträger

Ungebremst legte das Sextett weitere, kaum weniger bekannte Klassiker nach: „Strange Brew“ von Cream, Captain Beefhearts „Plastic Factory“, das epische „Money Talks“ von J. J. Cale … Auch Jimi Hendrix durfte in diesem Pool nicht fehlen, steuerte mit „The Wind Cries Mary“ und „Little Wing“ zwei Ikonen aus seinem Werk bei. Was anfangs im Auditorium zunächst ein rhythmisches Wippen von Kopf und Oberkörper auslöste, animierte schon nach einer kurzen Warmlaufphase diverse Gäste dazu, ausgelassenen zu tanzen. In Ehren ergraute Jeansträger legten den Rückwärtsgang ein zu einem musikalischen Roadmovie zurück in ihre Jugend. So mancher Song zauberte ein beseeltes Retrogrinsen in die Gesichter des hingerissen lauschenden Auditoriums.

Dabei orientierte sich die Rezeptur der MBB-Setlist weniger am traditionsreichen schwarzen Blues aus dem Mississippi-Delta, sondern an den kraftvollen Blues-Rock-Interpretationen aus den 60er- und 70er-Jahren, die zumeist eine britische Handschrift trugen. Auch genrefernes Material – „She’s not there“ und „Black magic Woman“ von Santana oder „Why don’t we do it in the Road“ von den Beatles beispielsweise – wurden einfach dem MBB-Sound angepasst. Eine Mixtur, die zündete.

Virtuose Instrumentalduelle

Immer wieder stellte Sänger Norbert Orth von seiner erhöhten Bühnenposition herab den Dialog zum Publikum her. Anekdoten und Begebenheiten aus der MBB-Vergangenheit trug er launig vor, sorgte zwischen den Songs für den perfekten Spirit. Seine eher wortkargen Mitstreiter unter der Scheinwerfertraverse profilierten sich hingegen mit Spielfreude und musikalischer Präzision. Die kredenzten Titel orientierten sich in den seltensten Fällen am radiokompatiblen Singleformat von drei Minuten. Im Gegenteil: Gnadenlos auf Länge gepeitschte Songs wie der „Roadhouse Blues“ beispielsweise boten große Zeitfenster für ambitionierte solistische Betriebsamkeit.

Renè Gebauer war es, der sich immer wieder mit seiner kreissägenartig verzerrten Mundharmonika in die Arrangements hineinfräste. So aggressiv, dass man unwillkürlich die Schultern hochzog. Dem wirkte Gitarrist Willy Blank-Toppe entgegen, lieferte sich mit Gebauer über lange Passagen hinweg virtuose Instrumentalduelle. Unaufgeregt am linken Bühnenrand stehend, wusste er mit seiner unverfälscht klingenden Les Paul zu brillieren. Joachim von Lingen, der Mann an den weißen und schwarzen Tasten, hatte sein Keyboard moderner Machart auf historische Sounds programmiert. Was er seinem Instrument entlockte, klang verdammt echt nach Hammond-Orgel, Lesley und Fender Rhodes. Authentizität auf ganzer Linie.

Familiäre Klubatmosphäre

Drummer Alasdair Patterson und Horst Ziegler mit seinem knurrigen Fender-Bass lieferten indes ein grundsolides Rhythmusfundament ab. Gemeinsam nuancierten sie wo nötig, sorgten für treibende Grooves und auch schon mal für Fragilität in den leiseren Töne. Sie hielten die Arrangements zusammen, gaben ihnen aus dem Off heraus einen stabilen Rahmen.

Veranstalter Gustav Schmidtke und seine beiden Partner, der Kultur- und Kunstverein (KuK) sowie der Verschönerungsverein (VVV), hatten mit dem Alten Gaswerk eine optimale Location ausgemacht. Schnell entstand in den betagten Industriemauern eine lockere und familiäre Klubatmosphäre. Für die Musiker von MBB ein barrierefreies Heimspiel, für das Publikum spätestens ab der zweiten Konzerthälfte eine schweißtreibende Angelegenheit. Knapp drei Dutzend Titel ganz tief aus der Seele des Blues-Rocks schüttelte das Sextett locker und lässig aus dem Ärmel. Mitternacht kam langsam in Sicht als die frenetisch bejubelte letzte Zugabe verklungen war.

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