Welle der Hilfsbereitschaft für neues Projekt

„Sternenfahrten“ für Sterbende

Dieses Foto ist zu einem Symbolbild für die „Sternenfahrten“ geworden. Es entstand an der Nordsee – nach den Erfahrungen der Ehrenamtlichen im Ambulance-Service-Nord immer wieder ein gefragtes Ziel. - Foto: Marco Szech
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Dieses Foto ist zu einem Symbolbild für die „Sternenfahrten“ geworden. Es entstand an der Nordsee – nach den Erfahrungen der Ehrenamtlichen im Ambulance-Service-Nord immer wieder ein gefragtes Ziel.

Martfeld - Von Anke Seidel. Wie fühlt es sich an, wenn vom Leben kein Leben mehr bleibt – und es definitiv nur noch wenige Tage dauert? Es ist eine Ausnahmesituation, mit der am Ende jeder Mensch irgendwie klarkommen muss. Weil viel zu oft unerfüllte Wünsche und Träume bleiben, hat der Ambulance-Service-Nord (ASN) die „Sternenfahrten“ ins Leben gerufen – um Sterbenden noch einmal einen besonderen Wunsch zu erfüllen.

Genau 79 Tage ist es her, seit der ASN dieses Projekt öffentlich vorgestellt hat. Eine Nachfrage dieser Zeitung beim ASN-Vorsitzenden Frank Wenzlow (55) ergab: Die Resonanz war überwältigend. „Wir haben Anfragen ohne Ende“, fasst der ASN-Vorsitzende zusammen – und meint damit nicht nur die Nachfrage nach „Sternenfahrten“ für Sterbenskranke.

Für das Projekt hat der ASN in dieser kurzen Zeit enorm viele Spenden bekommen, insgesamt mehr als 6.000 Euro. „Das ist der absolute Hammer!“, freut sich Frank Wenzlow – und genauso darüber, dass die Zahl der fördernden Vereinsmitglieder in nicht einmal 80 Tagen um mehr als 50 gewachsen ist. Schließlich hat der ASN noch drei neue aktive Ehrenamtliche gewonnen.

Wunsch-Erfüllung kann Frieden für Sterbenden bringen

Alle haben ein gemeinsames Ziel: Sterbenden vor dem Tod eine besondere Freude zu machen – sei es mit einer Fahrt an die Nordsee oder einem letzten Besuch bei Verwandten. Ohne Spenden ist das aber nicht realisierbar.

Was es heißt, einen geliebten Menschen zu verlieren, musste Frank Wenzlow selbst erleben. Er hat seine Frau an den Krebs verloren – und versuchte, ihr bis zum letzten Atemzug alle Wünsche zu erfüllen. Wenzlow weiß, wie wertvoll genau das für Menschen in einer absoluten Ausnahmesituation ist, welchen Frieden diese Wunsch-Erfüllung Sterbenden bringen kann.

Konzentrierter Blick auf Hündin Cleo, die Frank Wenzlow als „meinen Überlebenshund“ bezeichnet: Der Cavalier-King-Charles-Spaniel hat ihm nach dem Tod seiner Frau Lizzy sehr geholfen.

Wieviele „Sternenfahrten“ die Ehrenamlichen im ASN bisher unternommen haben, kann Wenzlow nicht genau sagen. Für Statistik hat er im Augenblick keine Zeit: „Bei mir klingelt immer wieder das Telefon“, sagt der 55-Jährige – und berichtet von langen Telefonaten mit Menschen, die ihm ihre eigenen Erfahrungen mit Tod und Abschied schildern – oder ihm ihre Verzweiflung, Schuldgefühle und Hilflosigkeit nach dem völlig unerwarteten Tod eines Familienangehörigen anvertrauen.

Ganz zu schweigen davon, dass trotz aller Anstrengungen des ASN die letzten Wünsche Sterbender viel zu oft unerfüllt bleiben, weil sie den Planeten vorher verlassen – wie der 19-Jährige, der so gerne noch einmal den Serengeti-Park in Hodenhagen besuchen wollte.

„Die Mitarbeiter des Parks waren sehr, sehr kooperativ“, lobt Frank Wenzlow das Engagement des Parks. Alles sei organisiert und geregelt gewesen. „Wir konnten den Eltern sagen: Übermorgen geht es los! Doch am Folgetag kam die Nachricht des behandelnden Mediziners, dass ein Transport des 19-Jährigen nicht mehr möglich ist.“ Der Tod war schneller – auch im Fall einer 40-jährigen Frau, die ein letztes Mal das Meer sehen wollte und bei dieser „Sternenfahrt“ von einem Kamerateam begleitet werden sollte. „Doch sie ist vorher ganz plötzlich eingeschlafen“, sagt Wenzlow.

Manche Wünsche bleiben unerfüllt

Tragisch auch der Fall eines älteren Mannes in einer Bremer Klinik, der vor seinem Tod unbedingt noch seine Lebensgefährtin heiraten wollte. „Haben Sie schon mal versucht, in Bremen einen Standesbeamten zu erreichen? Tagelang lief nur der Anrufbeantworter“, so der ASN-Vorsitzende. Schließlich sei es über Beziehungen gelungen, einen Standesbeamten zu finden und einen Hochzeitstermin in der Klinik zu vereinbaren. „Aber eine halbe Stunde vor dem Termin ist der Mann eingeschlafen“, sagt Wenzlow – und gesteht: „Das sind Dinge, da hat man ganz schön dran zu knabbern.“

Dass der Tod immer wieder schneller ist, „das ist eine ganz schöne Belastung“, sagt der 55-Jährige, der als rettungsmedizinischer Referent Erste-Hilfe-Kurse leitet – und helfen will, Leben zu retten.

Umso mehr freut er sich über die Welle der Unterstützung für das Projekt, die nicht abreißt. Dazu gehören etliche E-Mails und Briefe: „In einem Fall hat uns jemand mitgeteilt, dass ihn unsere Arbeit sehr beeindruckt und er sich bei uns engagieren will, wenn er in Rente geht. Das ist in zwei Jahren.“

Mitarbeiter sammeln Spenden bei der Weihnachtsfeier

Andere hätten sich entschuldigt, dass sie aufgrund ihrer schwierigen wirtschaftlichen Situation leider nur fünf Euro für die „Sternenfahrten“ spenden könnten. „Uns sind diese fünf Euro genauso viel wert wie andere Spenden“, betont der ASN-Vorsitzende – und ist ebenso beeindruckt von der Spende einer Firma, die sich namentlich bedeckt hält. 1.750 Euro haben die Mitarbeiter bei der Weihnachtsfeier für die „Sternenfahrten“ gesammelt.

Der ASN arbeitet eng mit dem Palliativstützpunkt in Sulingen zusammen und hat über diese zentrale Einrichtung bereits Kontakt zu verschiedenen Hospizgruppen und Pflegediensten geknüpft. Aber nicht nur im Landkreis Diepholz, sondern auch in den Landkreisen Nienburg und Verden sollen „Sternenfahrten“ möglich sein. „Viele Einrichtungen sind aber nicht miteinander verknüpft“, sagt Frank Wenzlow, „in Verden entsteht gerade erst ein Palliativnetzwerk“. Im Augenblick sei es schwierig, alle Betreffenden mit den Informationen über das Projekt zu erreichen.

Wenzlow träumt von neuem Krankentransportwagen

„Sternenfahrten“ sind in einem Umkreis von 150 Kilometern um Martfeld möglich. Die Anmeldungen sollen über die Einrichtungen laufen. Wichtige Voraussetzung für die Fahrt mit dem ASN-Krankentransportwagen: Eine dem Patienten vertraute Pflegekraft muss dabei sein.

Nutzen würden das Projekt gern auch Altenheime für einsame Bewohner. Doch das sei so nicht möglich: „Wir hatten die Anfrage eines Altenheims: Eine Bewohnerin, die zwölf Jahre keinen Besuch bekommen hatte, wollte den Rhododendronpark besuchen. Sie war aber keine Palliativpatientin“, bedauert der ASN-Vorsitzende, solche Wünsche nicht erfüllen zu können.

Was wünscht er sich für das Jahr 2017? „Dass wir die positiven Erlebnisse fortsetzen können“, antwortet der 55-Jährige ganz spontan. Außerdem wünscht er sich, dass sein Traum von einem neuen, passgenauen Fahrzeug für die „Sternenfahrten“ Wirklichkeit wird. „Ich hoffe, dass uns auch im neuen Jahr viele Menschen aktiv unterstützen“, fügt er hinzu, damit möglichst viele Herzenswünsche Sterbender in Erfüllung gehen können.

Wenn das erreicht sei, „dann möchte ich irgendwann ein Fahrzeug auf den Namen meiner Frau taufen dürfen“, sagt Frank Wenzlow. Dieser zweite ASN-Krankentransportwagen würde dann den Namen Lizzy tragen.

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