„Todesstoß“ für die Urlaubssaison

Mallorca: Nach Party-Aus am Ballermann - Urlauber stornieren wegen Quarantänepflicht

  • Luka Spahr
    vonLuka Spahr
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Bilder von vielen feiernden Menschen auf Mallorca gingen um die Welt. Mittlerweile hat die Balearen-Regierung mehrere Partymeilen für zwei Monate geschlossen. Wegen wieder steigender Coronavirus-Infektionen müssen aktuell alle Reisenden aus Spanien nach Rückkehr nach Großbritannien in eine zweiwöchige Quarantäne.

  • Mallorca schließt „Bierstraße“ und „Schinkenstraße“ am Ballermann ebenso wie die Partymeile in Magaluf.
  • Spanien-Rückkehrer müssen in Großbritannien in Quarantäne.
  • Urlauber kritisieren Medienberichte über Corona-Partys.

Update vom 29. Juli: Erst vor fünf Wochen wurde die Reisewarnung für Spanien aufgehoben. Jetzt wird das Rad wegen einer Welle von Coronavirus-Neuinfektionen ein Stück weit zurückgedreht. Mallorca bleibt aber verschont. Wegen des starken Anstiegs der Coronavirus-Infektionen in Spanien rät das Auswärtige Amt nun von touristischen Reisen in mehrere Regionen von Spanien ab. Betroffen sind Katalonien mit der Touristenmetropole Barcelona und den Stränden der Costa Brava sowie die westlich davon im Landesinneren liegenden Regionen Aragón und Navarra. Die Balearen mit der beliebten Ferieninsel Mallorca oder die Kanaren bleiben verschont. 

Großbritannien hatte am Sonntag mit einer deutlich drastischeren Maßnahme als Deutschland auf die neue Infektionswelle reagiert und eine zweiwöchige Quarantänepflicht für Rückkehrer aus ganz Spanien verhängt. Dies habe der spanischen Tourismusbranche „den Rest gegeben“, schrieb die Tageszeitung „El País“ am Montag.

Update vom 27. Juli: Die Hiobsbotschaft für Spaniens Tourismusbranche kam am Wochenende aus London. Wegen wieder steigender Coronavirus-Zahlen müssen nun alle Reisenden aus Spanien nach der Rückkehr nach Großbritannien in eine zweiwöchige Quarantäne, entschied die britische Regierung.

„Die Quarantäne hat dem Tourismussektor in Spanien, der sich auf einen katastrophalen Sommer gefasst macht, den Rest gegeben“, titelte die sonst nicht zum Alarmismus neigende Zeitung „El País“ am Montag. Auch Norwegen und Belgien haben schon Quarantäneregeln für Spanienrückkehrer erlassen, Frankreich warnt vor Reisen nach Katalonien und in andere Regionen. Sollte auch noch Deutschland dem britischen Beispiel folgen, wäre die Katastrophe komplett. „La Vanguardia“ aus Barcelona schrieb von einem britischen „Todesstoß“ für die Urlaubssaison.

Ein Kollaps der Tourismusbranche könnte das ganze Land mit hinunterziehen. Im vergangenen Jahr besuchten 84 Millionen Ausländer Spanien. Nach Angaben des nationalen Statistikamtes trägt der Sektor mehr als zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. 

Passagiere kommen am Flughafen Son Sant Joan auf Mallorca an.

Mallorca: Party-Aus am Ballermann - Urlauber kritisieren TV-Sender

Update vom 22. Juli: Die Corona-Pandemie hat tiefe Kerben in die Restaurant- und Kneipenlandschaft Spaniens geschlagen - nicht nur auf Mallorca. Nach Angaben des spanischen Gastronomieverbandes vom Dienstag mussten wegen ausbleibender Gäste während der Krise landesweit rund 40.000 Bars, Restaurants und Hotels dauerhaft schließen. Das entspricht etwa 13 Prozent der gastronomischen Betriebe Spaniens. Bis Ende des Jahres rechnet der Verband damit, dass die Zahl der geschlossenen Betriebe auf 65.000 ansteigt.

Mallorca: Weniger als die Hälfte der Bars und Restaurants geöffnet

Auf den Balearen-Inseln, darunter das bei Deutschen beliebte Urlaubsziel Mallorca, habe auch nach dem Ende der Grenzschließungen in der Europäischen Union weniger als die Hälfte der Bars und Restaurants wieder geöffnet, erklärte der Verband. In den Großstädten des Landes leidet die Branche demnach auch unter ausbleibenden einheimischen Gästen, die sich stattdessen wegen des verbreiteten Homeoffice daheim versorgen. Die Hotel- und Gastro-Branche ist ein zentraler Sektor der spanischen Wirtschaft. Wegen der erneuten Einschränkungen für die Tourismus-Branche regt sich starker Widerstand auf Mallorca. (afp/kom)

Auf Mallorca bleiben aktuell viele Bars und Restaurants geschlossen.

Originalartikel vom 16. Juli: Dichtes Gedränge, lautes Gegröle, viel Alkohol, ein paar mehr oder weniger gelungene Flirt-Versuche und vor allem: der Austausch großer Mengen an Atemluft und Körperflüssigkeiten. Was sonst für wenig Aufsehen am Ballermann auf Mallorca sorgt, hat sich in diesem Jahr zum Fallstrick für die spanische Urlaubsinsel entwickelt.

Am zweiten Juli-Wochenende gingen im Fernsehen Bilder von masken- und hemmungslos Feiernden um die Welt, die sich offenbar wenig um die dortigen Coronavirus-Auflagen scherten. Doch jetzt berichten Urlauber aus dem Landkreis Diepholz Überraschendes: Es sei alles ganz anders gewesen. Die Aufnahmen würden ein komplett falsches Bild vermitteln. Als Sven Hasemann in der Redaktion anruft, hat er Wut im Bauch. Er kritisiert die Medien – darunter auch kreiszeitung.de – für die aktuelle Berichterstattung rund um den Ballermann. „So wie es dargestellt wird, ist es eigentlich gar nicht“, sagt der Bruchhausen-Vilsener. Am Dienstag ist er aus seinem zwölftägigen Mallorca-Urlaub wiedergekommen. Er war mit seiner Frau direkt in Arenal, wenige hundert Meter von der Party-Hochburg Ballermann 6 entfernt – und er berichtet Erstaunliches.

Mallorca-Partys: Kamerateams animieren Menschen am Ballermann zum Feiern

Zig Kamerateams seien dort in den vergangenen Tagen unterwegs gewesen. Sie seien gezielt auf Menschengruppen zugegangen und hätten diese gebeten, sich aufzustellen und die Arme hochzureißen, so der Vorwurf des 38-Jährigen. Was dann in den Medien folgte, nennt er eine Art „Hetze“. Während in Wirklichkeit deutlich weniger Touristen als sonst am Ballermann gewesen seien und es dort strenge Hygieneregeln gebe, sei in Deutschland ein einseitiges und falsches Bild entstanden. Das sei eine „Katastrophe“ für die dortige Tourismus-Industrie. „Auf Mallorca gehen Existenzen deswegen zugrunde“, so Hasemann.

Kein Trinkgelage weit und breit. Sebastian Hagen aus Sulingen hat auf Mallorca vielmehr vorbildlich bemühte Angestellte erlebt.

Der Bruchhausen-Vilsener ist mit seinen Eindrücken nicht alleine. Wenn Sebastian Hagen von seinem vergangenen Mallorca-Urlaub spricht, gerät er ins Schwärmen. Seine Erfahrung: „Die waren alle total bemüht.“ Der Bankberater aus Sulingen war mit seiner Freundin ebenfalls in Arenal. Von ihrem Hotel berichtet er: „Das wirkte von Anfang an alles sehr durchdacht.“ Corona-Masken wurden nicht nur an den Flughäfen, im Flugzeug und auf dem Weg zur Unterkunft getragen. Im gesamten Hotel hätten alle durchgehend Mund-Nasen-Bedeckungen getragen – die Angestellten ganz vorne mit dabei.

MallorcaSpanische Insel im Mittelmeer
Fläche: 3.640 km²
Einwohner:896.038
Größte GemeindePalma de Mallorca
OrtePalma, Valldemossa, Sóller, Alcudia

Auch Hagen kritisiert das „falsche Bild“ in den Medien. „Es ist nicht fair, wenn man nur von Einzelnen berichtet“, so der 31-Jährige. Anfangs seien auch er und seine Freundin vor dem Reiseantritt verunsichert gewesen. Sie hatten die Reise nach Mallorca bereits im Januar gebucht. Am Ende hätte sie die gute Unterstützung durch Reisebüro und Hotel jedoch überzeugt, trotz Corona loszureisen. Würde er dieselbe Entscheidung heute noch einmal treffen? Vermutlich schon, so der Sulinger. „Wenn man sich an die Maßnahmen hält, kann man da sehr gut Urlaub machen“, ist er überzeugt.

Mit einem mulmigen Gefühl hingegen ist Rami Jundo vor einer Woche seine Reise auf die Balearen angetreten. „Ich hatte die ganze Zeit so ein schlechtes Gewissen“, gibt der Bremer Student und gebürtige Syker zu. Da er allerdings sehr lange nicht verreist sei, wollte er unbedingt an seinem Spontan-Trip festhalten. Seine Absicherung: strengste Hygiene. „Ich habe praktisch in Desinfektionsmittel gebadet“, so der 22-Jährige. Eine weitere Absicherung: Sein Hauptziel war nicht der Ballermann, sondern Pollença im Norden der Insel, wo er ein paar Freunde besuchen wollte.

Dennoch ging es schließlich für einen Tagestrip nach Mallorca an den Ballermann. Sein Eindruck dort: „gähnende Leere“. Die Bilder, die um die Welt gingen, sind ihm jedoch nicht entgangen. Darauf angesprochen, wird auch er wütend. „Ich schäme mich einfach dafür“, sagt er. „Durch uns geht‘s denen jetzt wieder beschissen.“ Das Land sei noch traumatisiert von der schweren Corona-Pandemie und dann so was.

Nix los am Ballermann – auch in der Nacht.

Gerald Hertzer spricht von einem „faden Beigeschmack“. Der Sulinger steckt in einer besonderen Situation: Er will nächsten Mittwoch mit seiner Frau und seiner Tochter nach Mallorca fliegen. Von der Pandemie ausbremsen lassen will sich die Familie allerdings nicht. „Wir haben ehrlich gesagt nicht ganz so viel Angst davor“, so der 41-Jährige. Statt ins Hotel am Ballermann geht es für die drei in eine Ferienwohnung nach Alcúdia in den Norden der Insel. Dort hoffen sie, der Corona-Gefahr weitestgehend aus dem Weg gehen zu können.

Weniger los auf Mallorca als an Nord- und Ostsee in Deutschland

„Es kann einen überall treffen“, ist Hertzer überzeugt. Die Nord- und Ostsee seien derzeit vermutlich sogar stärker frequentiert als die Strände auf Mallorca. Daher stehe für die Familie nach dem bereits durch Corona geplatzten Osterurlaub fest: Es gibt dieses Jahr definitiv einen Sommerurlaub im Ausland. Wenn die Flugzeuge nicht fliegen, dann eben mit dem Auto nach Kroatien.

Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) hat unterdessen die Menschen aufgefordert, sich auch im Urlaub verantwortungsvoll zu verhalten. Mit Blick auf wilde Partys Hunderter Touristen ohne Schutzmaske und Sicherheitsabstand auf Mallorca sagte er der Oldenburger «Nordwest-Zeitung» (Samstagsausgabe): „Solche Negativausreißer dürfen sich nicht wiederholen!“ Ein derartiges Verhalten torpediere die Bemühungen der allermeisten Bürgerinnen und Bürger, die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Rubriklistenbild: © Joan Mateu/AP/dpa

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