Ungewöhnlicher Fund

Maikäfer bei eisigen Temperaturen entdeckt: Insektenkundler erklärt Phänomen

Ein ungewöhnlicher Fund: Familie Kasper aus Martfeld-Hollen fand am 1. Februar einen Maikäfer bei sich im Badezimmer.
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Ein ungewöhnlicher Fund: Familie Kasper aus Martfeld-Hollen fand am 1. Februar einen Maikäfer bei sich im Badezimmer.

Martfeld-Hollen –  Ein tiefes Brummen lässt Heidi Kasper aufhorchen. Vermutlich schwirrt eine Hornisse durch das Arbeitszimmer. Wenigstens dachte das die Martfelderin im vergangenen Herbst. Die Insekten würden zu dieser Jahreszeit immer träger werden und zum Winter hin langsam sterben, weiß die Biologin. Das wäre nichts Ungewöhnliches gewesen, sagt Kasper.

Doch beim genaueren Hinsehen stellte sich heraus: Das war keine Hornisse. Es war ein Maikäfer. Kurz darauf, im November und Dezember, fanden sie und ihr Mann wieder ein solches Insekt, diesmal im Badezimmer. Am 1. Februar, als die Temperaturen sogar Minusgrade erreichten, bekamen die Kaspers dann das vorerst letzte Exemplar zu Gesicht. Eine Begegnung mit einem Maikäfer ist in dieser Region zunächst nichts Ungewöhnliches. Doch die Zeitpunkte, zu denen die Kaspers die Käfer bemerkten, passen nicht zu der natürlichen Erscheinungsweise der Tiere.

„Nicht ohne Grund trägt der Maikäfer seinen Namen, denn die meisten Exemplare fliegen im Mai“, erklärt Professor Markus Rohlfs. Der 48-Jährige ist seit vier Jahren Insektenkundler an der Universität in Bremen, im Fachjargon auch Entomologe genannt. Auch Rohlfs hält die Funde der erwachsenen Feldmaikäfer zu den angegeben Zeitpunkten für bemerkenswert.

Bereit für die Reproduktion, also die Befruchtung, seien Maikäfer zwischen Ende April und Anfang Juni. „Nach der Eiablage im Boden sterben die Insekten dann aber sehr schnell“, weiß der Entomologe. Das liege daran, dass sie all ihre Energie in das Produzieren von Nachkommen investierten. Ähnlich sei dies auch bei Lachsen zu beobachten. „Das handhaben viele Organismen unterschiedlich, einige benötigen nicht all ihre Kraft für die Reproduktion, sondern teilen das auf, um noch Energie für das Großziehen der Nachkommen übrig zu haben“, erklärt er.

Maikäfer hätten daher oberhalb der Erde nur eine eher kurze Lebensspanne. Als Larven oder sogenannte Engerlinge würden sie hingegen bis zu drei Jahren im Erdreich verweilen, bis sie sich gewöhnlicherweise im Herbst verpuppen. „Den Winter über liegen sie dann noch als fertig entwickelter Maikäfer rund 20 bis 30 Zentimeter tief im Boden, bis die Temperaturen stimmen und sie sich im Frühjahr an die Oberfläche buddeln“, sagt Markus Rohlfs. Denn zu dieser Jahreszeit würden auch die meisten Bäume austreiben und so Nahrung für die Tiere liefern.

Als Ursache dafür, dass Familie Kasper bereits im Herbst und Winter Maikäfer entdeckt hat, vermutet der Insektenkundler die warmen Temperaturen. Daher würden aktuell auch bereits einige Pflanzen beginnen zu blühen. „Maikäfer wissen ja nicht, dass wir uns derzeit noch im Winter befinden. Bei ihnen ist der Auslöser die Temperatur. Das ist genetisch so programmiert“, macht er deutlich. Zehn bis zwölf Grad müsse die Bodentemperatur betragen, damit die Maikäfer herauskommen. Entdeckt hätten die Kaspers die Exemplare im Haus, da die Tiere von der dortigen Wärme angelockt wurden, vermutet Rohlfs.

Auch wenn sich nun einige Exemplare an die Oberfläche gewagt haben, geht der Bremer Entomologe nicht davon aus, dass es jetzt zu einer vermehrten Reproduktion kommt. Falls doch, würden die Käfer aufgrund der Kälte sterben. „Besonders frostresistent sind sie nicht“, sagt Markus Rohlfs. Zudem sei aktuell auch noch keine Nahrung für sie zu finden.

Maikäfer sind derzeit jedoch nicht die einzigen ungewöhnlichen Funde. Laut dem Insektenkundler seien auch Fliegen und Bienen schon aktiv. „Zukünftig könnte es durch die veränderten klimatischen Wetterbedingungen dazu kommen, dass wir plötzlich regelmäßig bestimmte Organismen im Winter entdecken“, prognostiziert er.

Dass sich einige Menschen von den großen Insekten gestört fühlen, kann er nicht verstehen. „Ich bin Entomologe, ich liebe Insekten, und Maikäfer sind toll. Außerdem sind sie Sympathieträger. Sie werden sogar besungen“, sagt Markus Rohlfs. Es gebe Vermutungen darüber, dass Maikäfer für Schäden in der Forst- und Landwirtschaft verantwortlichen seien. Bis in die 1970er-Jahre seien Waldmaikäfer sogar noch mit Pestiziden bekämpft worden. „Und das hat nicht nur dem Tier geschadet“, meint er. Wenn überhaupt, seien die Probleme auf die Engerlinge zurückzuführen, denn die würden die Pflanzenwurzel anfressen. Der Entomologe geht jedoch eher davon aus, dass es sich dabei um sogenannte Drahtwürmer handelt. „Es gibt viele Schädlinge im heimischen Garten, die beispielsweise den Salat anfressen, ob es wirklich Maikäfer sind, kann nur durch eine Kausalbeziehung gezeigt werden“, erklärt er.

Für Normalbürger sollten Maikäfer kein Grund sein, sich zu fürchten. „Wir befinden uns in einer Insektenkrise und sollten uns stattdessen lieber freuen, dass es sie gibt“, sagt Markus Rohlfs. Daher haben für ihn Insektizide im heimischen Garten auch rein gar nichts verloren. Die Menschen sollten sich nicht von der Natur separieren, sondern sie akzeptieren, wie sie ist.

Studien, die seit den 1980er-Jahren Beobachtungen in Naturschutzgebieten auswerten, hätten laut dem Entomologen ergeben, dass es bei der Menge an Insekten einen Verlust von knapp 80 Prozent gegeben habe. „Darüber hinaus ist die Vielfalt enorm eingebrochen“, berichtet Markus Rohlfs. Die Ursachen dafür seien vielfältig. Schlimm sei aber, dass es dadurch weniger Zersetzer und Bestäuber gebe. Zersetzer seien Organismen, die beispielsweise abgestorbenes Planzenmaterial oder Kot von anderen Tieren fressen und es dann recyceln.

Der Insektenverlust habe auch Auswirkungen auf den Vogelbestand. „Vögel fressen nun mal Insekten. Durch die Krise gibt es bereits eine Abnahme bei bestimmten Populationen“, erklärt der Entomologe weiter. Unter anderem deswegen seien Käfer, Fliegen & Co. unheimlich wichtig für das Ökosystem.

Um diesen Teufelskreis aufzuhalten, gebe es bereits Überlegungen für Alternativen: Bäume könnten von Hand oder mithilfe von Minirobotern bestäubt werden. Markus Rohlfs kann das nicht verstehen. Für ihn gibt es nur eine Lösung: „Wir sollten sehen, dass wir die Populationen wiederherstellen.“ Damit das erreicht werden könne, benötige man mehr Wildnis in den Städten und den heimischen Gärten.

Speziell Maikäfer könnten der Menschheit zudem von Nutzen sein. „Die Engerlinge haben einen hohen Proteingehalt und wurden früher schon einmal von uns gegessen“, sagt er. Und schmecken würden Insekten sowieso sehr gut. Dieser Meinung ist jedenfalls Entomologe Markus Rohlfs.

Von Nala Harries

Trotz Eis und Schnee: Ein Maikäfer hat sich an die Oberfläche gewagt.

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