Live, pur und ungeschönt

„Appetithäppchen“ des Tafel-Theaters macht Lust auf mehr

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Das Theaterensemble der Tafel lieferte bei seiner offenen Probe eine überzeugende Vorstellung mit deutlichen sozialkritischen Tönen ab.

Bruchhausen-Vilsen - Von Ulf Kaack. Zu einer öffentlichen Probe hatte das Theaterensemble der Tafel Bruchhausen-Vilsen am Samstagabend geladen. Nicht nur die Tatsache, dass in der improvisierten Spielstätte im Vilser Gemeindehaus alle Stühle von aufmerksamen Zuschauern besetzt waren, lässt entspannt auf die Premiere im kommenden Frühjahr blicken. Auch die angedeuteten szenischen Appetitanreger machen Lust darauf, das Ganze in vollendeter Form erleben zu dürfen.

Einmal hautnah erfahren, wie Theater gemacht wird – das war spannend für das Publikum: die lautstarken Anweisungen der Macher und Regisseure – Vera und Peter Henze vom Verein „Land & Kunst“ aus Asendorf-Arbste – an die Akteure, die improvisierte Kulisse, Schnitte, Pausen, kleine und große Patzer … Live, pur und ungeschönt.

Und selbstverständlich waren alle gespannt darauf, was sich die Theatermacher inhaltlich ausgedacht hatten. Schließlich hat sich das Ensemble nach bislang sieben erfolgreichen Inszenierungen zuletzt doch ein wenig rar gemacht in der öffentlichen Präsenz. „Mit der offenen Probe wollen wir zeigen, dass wir noch da sind – präsenter als je zuvor“, wandte sich Peter Henze zu Beginn euphorisch ans Auditorium. „Wir haben außerdem eine ganze Reihe neuer Ensemblemitglieder, die bislang noch nie frei vor einem großen Publikum gestanden haben. Die kriegen heute einen Eindruck, wie sich Theater von der Bühne aus anfühlt. Auch ein gutes Rezept gegen Lampenfieber.“

Wir werfen uns dem Leben in die Arme – eine Aussage, die offenbar im Zentrum des noch längst nicht fertiggestellten neuen Stücks steht. Es waren Fragmente, die erahnen ließen, in welche Richtung die Reise geht: nämlich an das Ende einer Weltreise. Eine bunte Truppe ist es, die nach langer Seefahrt rund um den Globus an heimatlichen Gestaden anlandet. Turbulent und energiegeladen agieren die knapp zwei Dutzend Mimen auf der Bühne, musikalisch unterstützt von Kantor Dietrich Wimmer an den schwarzen und weißen Tasten sowie Pastor Matthias Brockes an seiner Querflöte.

Mehr als ein unterhaltsam-kurzweiliges Script

Euphorisiert und voller Lebensmut ob des Erlebten, werden die Globetrotter mit den harten Realitäten konfrontiert. Die Welt, die die Protagonisten vorfinden, ist nicht ihre: Kriege, Flucht, Krankheiten, ein angeschlagenes Ökosystem und eine Schere zwischen Arm und Reich – nirgends stoßen sie auf Moral und Solidarität. Die lebensbejahende Truppe erlebt eine moderne Ellenbogengesellschaft voller Bürokratie und maßregelnder Normen, in der das Individuum nur gleichgeschaltet im Mainstream einen Wert besitzt.

Die Kulisse ist dabei so simpel wie verständlich: Ein paar Teekisten und einfaches Gestühl reichen aus als Staffage. Das knittrige hellblaue Tuch symbolisiert das Meer. Ein alter Koffer enthält die Träume der Angekommenen. Er ist leer. Eine Symbolik, die klarer nicht sein kann.

Mehr wurde an diesem Abend inhaltlich nicht preisgegeben, denn noch wächst das Drehbuch von Probe zu Probe. Ob es final ein Happy End geben wird, ist noch offen. Doch das große Ganze lässt sich durchaus erahnen. Denn hinter dem Theaterprojekt der Tafel steht mehr als ein einfach nur unterhaltsam-kurzweiliges Script.

Wissend, dass einige der Macher vor und hinter den Kulissen keinesfalls gut situierten sozialen Verhältnissen entstammen, kommt dem Dargestellten eine besonders wertvolle Dimension zuteil, denn: Für die Mimen bietet die öffentliche Bühne eine Gelegenheit, sich sichtbar zu machen und ihre oftmals am Rand der Gesellschaft gelebte Situation in den öffentlichen Fokus zu rücken. Kultur ist dafür ein hervorragendes Transportmedium. Die Darsteller erzählen über sich in spielerischer Weise, in Metaphern, drücken sich aus in Tanz und Gesang. Sie schlüpfen in eine Rolle, um am Ende doch ganz sie selbst zu sein.

Es ist die Authentizität der Schauspieler, die der Aufführung ihren Charme verleiht. Die Einfachheit von Kulisse und Requisite. Der inszenierte Minimalismus, der den Blick uneingeschränkt freigibt auf die Botschaft. „Ich kann doch nicht Nein sagen zu meinem Leben“, tönt es laut aus der Mitte des Ensembles. Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.

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