Neues Fahrzeug für Ambulance Service Nord

„Sternenfahrten“: „Lissy“ erfüllt bald Wünsche von Sterbenskranken

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Blick aus der Fahrerkabine nach hinten: Das neue Fahrzeug ist zur Freude des ASN-Vorsitzenden Frank Wenzlow sehr geräumig und bietet den Gästen die Möglichkeit, durch große Fenster nach draußen zu schauen.

Landkreis Diepholz - Von Katharina Schmidt. Noch ein einziges Mal Meeresluft atmen und dem sanften Rauschen der Wellen lauschen. Oder dabei sein, wenn die eigene Tochter heiratet. Die letzten Wünsche sterbenskranker Menschen sind meistens bescheiden. Trotzdem bleiben sie oft unerfüllt – denn wer an ein Pflegebett gefesselt ist, kann nicht mal eben in ein Auto oder einen Zug steigen. An dieser Stelle hilft „Lissy“. Ab Ende Oktober wird sie Kranke vor ihrem Tod kostenlos zu Orten und Veranstaltungen bringen, die ihnen am Herzen liegen.

„Lissy“ ist der Name des neuen Kleinlasters des Ambulance Service Nord (ASN). Es handelt sich um einen ehemaligen Rettungswagen, den die Hilfsorganisation mit Sitz in Kleinenborstel ausschließlich für sogenannte Sternenfahrten einsetzen will.

Das Geld für den zehn Jahre alten Mercedes Sprinter – rund 20.000 Euro – stammt aus Spenden. Die Summe ist in erster Linie durch die NDR-Spendenaktion „Hand in Hand für Norddeutschland“ zusammengekommen.

Bisher waren die Helfer mit einem anderen Fahrzeug aus dem ASN-Bestand unterwegs, um letzte Wünsche zu erfüllen. Der „alte“ Wagen wird künftig bei Sanitätsdiensten eingesetzt.

Nachfolgerin „Lissy“ kommt aus Österreich, hat 153 PS, ist bisher 300.000 Kilometer gefahren und wurde vor Kurzem komplett überholt. Der Transporter hat im Gegensatz zu herkömmlichen deutschen Rettungswagen hinten mehrere Fenster. Der Fahrgast kann bequem nach draußen schauen. Die medizinischen Geräte sind hinter dem Kopfteil der Liege verstaut, sodass sie den Ausblick nicht stören.

Haltestange mit psychologischer Wirkung

Ein weiterer Unterschied zu normalen Einsatzfahrzeugen: Neben der Liege ist eine Haltestange montiert. Eigentlich ist sie überflüssig – der Gast liegt sicher, und sollte es zu einem Unfall kommen, würde eine solche Stange nicht helfen. Doch laut Frank Wenzlow, Vorsitzender des ASN, hat sie eine psychologische Wirkung. Fast alle Gäste würden daran Halt suchen.

Geplant sind darüber hinaus ein Bildschirm und eine stimmungsvolle Lichtanlage. Da die meisten Sterbenden noch einmal das Meer sehen wollen, will der ASN zudem einen Anhänger samt Trage-Untergestell mit Ballonreifen kaufen. Dieses ermöglicht Ausflüge direkt ins Watt.

Wenzlow weiß: Sternenfahrten sind nicht nur für Sterbende wichtig, sondern auch für ihre Angehörige. Er weiß, wovon er spricht. Vor drei Jahren erlag seine Frau einem Krebsleiden.

Der Kleinenborstler hat lange damit zu kämpfen gehabt, dass er ihr ihren letzten Wunsch nicht erfüllen konnte – eine Schifffahrt. „Keiner wollte sie fahren“, erzählt er enttäuscht.

Spitzname „Lissy“ von gestorbener Frau

Er hofft, das schwere Kapitel in seinem Leben mit dem neuen Fahrzeug ein Stück weiter abschließen zu können. Es trägt den Spitznamen seiner verstorbenen Frau.

Der Wagen steht schon in Kleinenborstel, in Betrieb ist er allerdings noch nicht. Die Ehrenamtlichen müssen erst üben, sicher damit zu fahren.

Auch für sie bietet der neue Sprinter deutlich mehr Komfort als sein Vorgänger. Rampen und ein spezielles Schienensystem ermöglichen ihnen, Pflegebedürftige auf einer Trage oder in einem Rollstuhl leicht in den Wagen hinein- und herauszuschieben.

Das Fahrzeug ist dank eines Aufbaus so hoch, dass auch größere Menschen darin stehen können. Außerdem gibt es vorne und hinten voneinander unabhängige Klimaanlagen. Der Grund: Sterbenskranke können ein anderes Wärmeempfinden haben.

50 Fahrten geplant - 16 Fahrten umgesetzt

50 Fahrten haben die derzeit zwölf Ehrenamtlichen bereits organisiert. 16 davon wurden umgesetzt – bei den anderen durchkreuzte der Tod die Pläne.

Der Vorsitzende betont, dass eine Sternenfahrt mehr bedeutet, als Kranke irgendwo hinzubringen, abzuladen und später wieder nach Hause zu bringen. Es gebe Palliativ-Seminare für die ASN-Mitglieder, um ihnen zu helfen, mit der oft schwierigen Situation umzugehen. „Es kann nur funktionieren, wenn wir für Helfer helfende Ebenen haben“, erklärt er. Das werde angesichts des neuen Sprinters gerne übersehen.

Frank Wenzlow macht darauf aufmerksam, dass der ASN weiter auf Spenden angewiesen ist. Alleine „Lissys“ Versicherung koste 2500 Euro im Jahr.

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