Ihr erstes Solo sorgte für wackelnde Wände

Lilith kann so schön fliegen wie Louane

Lilith Malter singt für ihr Leben gern, am liebsten in der großen Diele im Elternhaus bei Asendorf. Mit einem Lied der Sängerin Louane begeisterte die Elfjährige beim Schulkonzert.

Br.-Vilsen - Von Anne-Katrin Schwarze.  „Wir lernen die Sprache unserer Nachbarn am Anfang auch mit Hilfe von Liedern“, macht die Fachschaft am Gymnasium Bruchhausen-Vilsen Schülern am Ende der 5. Klasse Lust auf Französisch als zweite Fremdsprache. Deren Eltern denken an „Sur le pont d’Avignon“ oder „Frère Jacques“, vielleicht auch an „Joe le taxi“, den Hit ihrer Jugend.

Die künftigen „Franzosen“ aber haben da ganz andere Ideen. „Je vole“ hört man es auf den Gängen und im Hof. Wie kommen Kinder der Nuller-Jahrgänge auf ein Chanson von 1978? Wegen Lilith! Seit dem Schulkonzert ist Lilith Malter ein unbestrittener Star an der Schule, die besonders auch die musikalische Bildung fördert. Mit ihren elf Jahren hat sich die Fünftklässlerin vor das große Publikum aus Eltern und Mitschülern, Lehrern und Offiziellen auf die Bühne getraut und als einzige Solistin im abendfüllenden Programm gesungen. Auf französisch, obwohl sie diese Sprache noch gar nicht spricht. Mucksmäuschenstill war es in der großen Mensahalle, als Lilith im Licht der Scheinwerfer begann davon zu singen, dass sie nun ihren eigenen Weg gehen müsse. „Je vole.“ „Ich fliege.“

Mit dem Schlusston brandete ein Applaus auf, der die Wände wackeln und den Boden beben ließ. So manche Mutter hatte ein Tränchen der Rührung im Augenwinkel, bei Lilith kullerten die Tränen gleich aus mehreren Gründen: Sie hatte es geschafft, ihren Auftritt gemeistert. Und offenbar gefiel das, was sie so liebte, auch allen anderen. Außerdem war sie in diesem großen Moment Cousine geworden, wie ihr auf dem Weg zurück zum Platz zugeflüstert wurde.

Bei den einschlägigen Casting-Shows hätte Lilith sicherlich gute Chancen. Ihre Stimme ist toll, ganz sicher und voller Ausdruck. Selbst, wer den Text der Ballade nicht verstehen konnte, verstand in Liliths Interpretation die große Emotion, für die das Lied im Film „Verstehen Sie die Béliers?“ sorgt. Und ihr Outfit, der kurze Rock und das Shirt mit dem Glitzermotiv, waren nicht nur ihre Lieblingsstücke aus dem Kleiderschrank, sondern durch und durch bühnentauglich.

„Ich würde so gern mal bei „The Voice Kids“ mitmachen“, ist tatsächlich ein Traum von Lilith. „Nicht unbedingt, um zu gewinnen, ich möchte das Erlebnis haben“, erzählt sie in ihrem Elternhaus bei Asendorf. Ein Haus, in dem Musik allgegenwärtig ist.

Liliths Mutter Yvonne Freitag ist Sängerin. Ihre Band „Querbeet“ übt auf der Diele. Lilith ist von klein auf immer mitten drin dabei. „Wir haben eine Videoaufnahme, da singt sie „You are so beautiful“, genauso wie Joe Cocker“, sagt Liliths Mama und verrät: „Da war sie drei und sprach die englischen Worte so aus, wie sie sie eben verstand.“ Beide können über diese schöne Erinnerung lachen. Ob wirklich alle Worte ihrer fremdsprachigen Lieblingslieder richtig ausgesprochen werden, interessiert Lilith nicht sonderlich. Ihre Liebe gehört der Musik, dem Gesang. „Ich singe ganz viel, eigentlich immer“, erzählt sie von sich. Die Diele im großen alten Haus bietet eine tolle Akustik und animiert, so richtig laut loszulegen. Das mag sie besonders. Wenn es Situationen gibt, in denen es leiser zugehen muss, verstummt Lilith aber nicht etwa. „Dann summt sie eben“, freut sich ihre Mutter an dem Talent und der Freude, die sie in ihrer Tochter wiedererkennt.

Auch von Liliths Aufritt in der Mensa gibt es eine Aufnahme. Ihrem ersten öffentlichen Auftritt überhaupt. Zu sehen ist eine Elfjährige, die sehr mutig ganz allein auf die große leere Bühne marschiert, sich vor das Mikrofon stellt, sich kurz sammelt und dann dem Pianisten, ganz wie ein Profi, zunickt. Ich bin soweit, heißt das unter Musikern. Diese Aufnahme wird sich die große Familie immer wieder ansehen. Und sich voller Stolz freuen über Liliths Können und Mut.

Dass auch ein einziger kleiner Patzer konserviert ist, stört Lilith nicht sehr. Ihre Mutter gewinnt dem sogar viel Positives ab: „Sie hat einfach weitergesungen, das ist doch große Souveränität!“

Die Französin Louane.

Dabei war es gar nicht geplant, dass sie, außer im Chor, zu hören sein würde. „Ein paar Mädchen aus der Neunten haben mich überredet“, berichtet sie, wie es zu ihrem ersten Auftritt kam. 100 Kinder nahmen als Vorbereitung auf das Schulkonzert an einer einwöchigen Musikfreizeit teil. Jahrgangsübergreifend entstanden da spontan Ensembles und Bands. Dass Lilith den Song des Castings-Stars Louane so wunderbar singen konnte, entdeckten die älteren Schülerinnen zufällig und überredeten die Fünftklässlerin, sich um einen Platz im Programm zu bewerben. „Beim Vorsingen vor allen Lehrern und Mitschülern habe ich erst ein bisschen gezittert“, gesteht sie und war über die Begeisterung bei diesem Casting ganz irritiert.

Nur wenige Tage blieben ihr, um sich auf den großen Auftritt vorzubereiten. Die ältere Schwester mit Leistungsfach Französisch half, die Aussprache perfekt hinzukriegen, Freundinnen fragten den Text ab, Mama und Schwester sangen mit ihr gemeinsam, auch auf der Fahrt zum Konzert. „Alle haben mich so unterstützt, das war so cool“, sagt Lilith. Als die Nervosität am größten war, gab Yvonne Freitag Lilith nicht nur den Tipp, sich im Publikum einen festen Punkt zu suchen. „Wenn man von etwas überzeugt ist und es einem Spaß macht, kann es nicht falsch werden“, sagte die Mutter zur Tochter auf dem Weg zur Bühne.

Und doch haben die Zuschauer wohl nicht die Geburtsstunde eines neuen Casting-Stars erlebt. „Ich möchte viel lieber Schauspielerin als Sängerin werden“, weiß Lilith jetzt schon. Zudem ist sie ein sportliches Talent. Sie macht bereits seit acht Jahren Ballett und tanzt Hiphop, ist amtierende Kreismeisterin im 60 Meter-Hürdenlauf und nahm früher an den Landesmeisterschaften im Kunstturnen teil. „Man muss sehen, was einen weiterbringt“, versucht Yvonne Freitag ihre Tochter auf einen gangbaren Weg zu weisen. Würde die Familie in Hamburg leben, wäre Unterricht im Popgesang sicherlich denkbar. Hier aber sind die sportlichen Möglichkeiten ausgeprägter.

Ob Liliths Eltern einwilligen und ihr Kind auf den Showbetrieb loslassen werden – noch hat ihre Mutter viele Vorbehalte. Das Geschäft ist hart, weiß sie, und möchte Lilith Enttäuschungen ersparen. Aber Liliths Freude am Singen hängt nicht von Erfolgen ab. Und der Termin für das nächste Schulkonzert steht. ‹

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