Junge Weißrussen lernen, was Freiheit bedeutet

Weißrussen in Wöpse: „Das Licht leuchtet noch lange weiter“

+
Die Kinder aus Gomel erholen sich vier Wochen lang in Wöpse von ihrem Alltag.

Wöpse - Von Mareike Hahn. Den meisten Menschen hierzulande erscheint die Nuklear-Katastrophe vom 26. April 1986 in Tschernobyl (Ukraine) zeitlich und geografisch weit weg – doch die Betroffenen leiden bis heute unter den Folgen. Nach Schätzungen von Ärzten kommen in der am schlimmsten vom Gau beeinträchtigten Region Gomel nur acht bis zwölf Prozent der Babys gesund zur Welt. Schilddrüsenkrebs, Leukämie und andere onkologische Erkrankungen sind im weißrussischen Grenzgebiet ebenso wie Missbildungen weit verbreitet.

Der Kirchenkreis Syke-Hoya bietet deshalb seit 1991 jedes Jahr einigen Mädchen und Jungen die Möglichkeit, sich in Deutschland von ihrem Alltag zu erholen. Aktuell ist es wieder soweit: Am 29. Juni kamen 18 junge Weißrussen aus Gomel im Jugendlandheim Wöpse an, wo sie zusammen mit ihren Betreuerinnen Oxana Pasukowaz und Irina Repina bis zum 27. Juli bleiben werden.

Renate Paul organisierte den Aufenthalt der neun- bis 14-jährigen Kinder mit viel Herzblut. Wir haben die Hoyaerin in einem Interview zu dem „Tschernobyl-Projekt“ befragt. Weitere Gesprächsteilnehmer: Betreuerin Irina Repina, die in Wöpse auch als Dolmetscherin fungiert, sowie die beiden Kinder Egor (11) und Ksenija (13).

Die Nuklear-Katastrophe von Tschernobyl ist mittlerweile 30 Jahre her. Warum ist es immer noch wichtig, Kinder aus der betroffenen Region hierher einzuladen?

Irina Repina: Ein Grund ist der gesundheitliche Aspekt, die Kinder sollen ihr Immunsystem stärken. Wenn sie bei uns eine Erkältung bekommen, dann brauchen sie mindestens eine Woche, um wieder gesund zu werden – in Deutschland sind es nur zwei, drei Tage. In den letzten Jahren sind bei uns sehr viele Menschen an Krebs erkrankt, sehr viele Menschen. Wir haben vor allem viele Frauen verloren. Renate Paul: Die Nahrungsmittel, die Luft, das Wasser, alles ist in Gomel belastet. Die Halbwertszeiten sind ja bekannt. Die Krankheitsbilder haben sich in den letzten Jahren verändert, was in diesem Fall heißt: verschlechtert. Das Ganze sitzt in der Genetik. Wichtig ist aber auch der soziale Aspekt. Weißrussland ist ein Land mit wenig Kontakten, es gibt das Wirtschaftsembargo, es ist sehr schwierig, dort einzureisen. Weißrussland ist ein vergessenes Land, ein chancenloses Land. Dort kommen keine Touristen hin. Und selbst wenn die Menschen noch so hart arbeiten, können sie kaum etwas bewegen, weil sie das Geschaffene nicht vermarkten können. Viele Eltern sagen uns: „Das Licht, das ihr anzündet, leuchtet bei uns noch lange weiter.“ Die Kinder lernen hier, was Freiheit bedeutet.

Hoffen Sie, dass die Generation der Kinder, die hierher kommen, Weißrussland verändern wird?

Renate Paul: Manche Eltern schreiben mir ganz froh: „Was unsere Politiker nicht schaffen, schaffen vielleicht unsere Kinder.“ Es gibt zumindest Hoffnung.

Wie wird entschieden, welche Kinder herkommen dürfen?

Renate Paul: Wir laden jedes Jahr 18 Kinder ein. Flug und Versicherung finanziert die Landeskirche, den Aufenthalt hier in Wöpse unser Kirchenkreis, die Kirchengemeinden und Spender. Es gibt bei der Auswahl der Kinder zwei Kriterien, die ganz wichtig sind: einmal der soziale Aspekt und einmal der gesundheitliche. Wir wollen die Kinder herholen, die sonst keine Chance haben. Deshalb haben wir die Schule Nummer sieben, eine Schule in einem sozialen Brennpunkt, als Partnerschule ausgewählt. Einige Kinder kommen von dieser Schule, andere kennen die Mitarbeiter in unserem Büro in Gomel, oder ihre Eltern kommen dorthin und fragen nach. Für uns sind 18 Kinder viel, aber der Bedarf ist natürlich wesentlich größer, wir können ihn nicht decken. Im Bereich der Landeskirche kommen dieses Jahr 640 betroffene Kinder her. Insgesamt waren es bisher 28 000. Das ist natürlich auch ein großes Stück Völkerverständigung.

Egor und Ksenija, wie gefällt es euch hier?

Egor: Es ist sehr schön hier. Das Essen ist sehr lecker, und der Spielplatz ist toll. Wir haben ein volles Programm; wir haben zum Beispiel schon Tanzschritte gelernt, die ich meinen Eltern zeigen will. Ich habe hier viele Freunde, und wir schimpfen nicht miteinander. Ich bin sehr dankbar, dass ich hierher eingeladen wurde und meine Familie dafür nichts bezahlen muss. Ksenija: Wir verbringen hier eine schöne Zeit und verstehen uns alle sehr gut. Ich freue mich sehr darüber. Irina Repina: Mir hat ein Kind gesagt, dass es sehr schön ist, in Deutschland zu sein, weil es in der Schule Deutsch lernt und so die Sprache festigen kann. Die meisten Kinder in Weißrussland haben Englisch als Fremdsprache, aber manche wählen auch Deutsch. Ohne das Projekt hätten sie nicht die Möglichkeit, mal nach Deutschland zu kommen.

Egor und Ksenija, ist das das erste Mal, das ihr in ein anderes Land reist?

Beide: Ja.

Sieht es hier anders aus als bei euch zu Hause?

Egor: Ja. Es gibt so viel auszuprobieren. Auf den Spielplätzen zu Hause gibt es nicht so viele Geräte für ältere Kinder, wir haben keine zwei Schaukeln nebeneinander und kein Klettergerüst. Ksenija: Die Häuser hier sind schön. Bei uns gibt es vor allem Hochhäuser.

Wie sieht in Gomel ein normaler Tag für euch aus?

Egor: Ich stehe um 7 Uhr auf, um halb neun fängt die Schule an. Ich habe vier oder fünf Stunden Unterricht, bin um 14 Uhr wieder zu Hause und mache meine Hausaufgaben. Nachmittags mache ich außerdem Sport. Ksenija: Ich habe erst immer nachmittags Schule, stehe aber auch schon um 7 Uhr auf. Vormittags bin ich meistens alleine zu Hause, meine Mutter arbeitet in einer Grundschule und mein Vater als Busfahrer. Ich sehe fern, und um halb drei fängt die Schule an. Um halb neun abends komme ich nach Hause und mache Hausaufgaben.

Frau Repina, Sie sind Lehrerin und haben zwei Kinder. Wie läuft Ihr typischer Tag in Gomel ab?

Irina Repina: Ich stehe um 6 Uhr auf, die Schule fängt um 8.15 Uhr an. Ich fahre dort etwa 30 Minuten mit dem Bus hin. Meistens habe ich sechs, sieben Unterrichtsstunden, manchmal muss ich nachmittags auch länger bleiben. Außerdem kümmere ich mich am Nachmittag zu Hause um den Haushalt, und am Abend bereite ich den nächsten Tag vor. Die Schule ist auch samstags geöffnet, dann machen die Kinder Sport, besuchen Museen oder unternehmen Ausflüge. Wir nennen das Kulturprogramm. Nur sonntags ist schulfrei.

Wie können die Bruchhausen-Vilser das „Tschernobyl-Projekt“ unterstützen?

Renate Paul: Wir haben ein Spendenkonto, wir brauchen Fahrdienste, Kleidung für Jungen und Mädchen und Spenden jeder Art. Schön ist auch, wenn mal jemand nach Wöpse kommt, um einen Nachmittag mit den Kindern zu basteln, das machen sie gerne. Hier vor Ort helfen uns viele Menschen, die Zeit zu gestalten. Günter Schweers von Taxi Schweers beispielsweise macht einen Ausflug mit den Kindern, genau wie die Lions und der SPD-Ortsverein Hoya. Die Kinder sollen in den vier Wochen hier ja auch die Menschen und die deutsche Kultur kennenlernen. Irina Repina: Das ist auch ein schöner Aspekt. Die Kinder lernen hier, dass viele Menschen Geld, Kleidung oder Zeit spenden, ohne etwas dafür zu verlangen. Sie machen das von Herzen. Diese Menschen schenken uns Freude und Liebe. Renate Paul: Die Kinder fragen mich jedes Jahr „Wie viel Geld kriegst du für die vier Wochen?“ und sind überrascht, wenn ich „Gar keins“ antworte. Eine solche Form des Ehrenamts gibt es in Weißrussland nicht. Es gibt natürlich Organisationen, Parteien und Gewerkschaften, aber das, was unsere Gesellschaft trägt, das Ehrenamt, das müssen die Kinder erst mal kennenlernen. Irina Repina: Gleichzeitig lernen sie, im Team zusammenzuarbeiten, zum Beispiel beim Tischabräumen oder beim Zimmeraufräumen.

Egor und Ksenija, wollt ihr irgendwann mal wieder nach Deutschland kommen?

Beide: Jaaaaa! Irina Repina: Ein Junge hat mir gesagt: „Wenn ich groß bin, dann werde ich Geld verdienen, und irgendwann komme ich mit meinen Kindern wieder her und zeige ihnen, was ich Schönes gesehen habe.“

Mehr zum Thema:

Maybebop in der Mensa-Halle Bruchhausen-Vilsen

Maybebop in der Mensa-Halle Bruchhausen-Vilsen

OBS Hoya: Beatbox-Workshop mit Lukas Teske

OBS Hoya: Beatbox-Workshop mit Lukas Teske

40. Prunksitzung des Veeser Rosenmontagsvereins

40. Prunksitzung des Veeser Rosenmontagsvereins

Biathlon-WM: Goldener Abschluss dank Dahlmeier und Schempp

Biathlon-WM: Goldener Abschluss dank Dahlmeier und Schempp

Meistgelesene Artikel

17-Jähriger wird fast umgefahren und danach verprügelt

17-Jähriger wird fast umgefahren und danach verprügelt

Polizeihubschrauber über Syke: Mann aus Klinik vermisst

Polizeihubschrauber über Syke: Mann aus Klinik vermisst

Viehtransporter in Bruchhausen-Vilsen verunglückt - Straße gesperrt

Viehtransporter in Bruchhausen-Vilsen verunglückt - Straße gesperrt

Tänzchen mit weißen Handschuhen

Tänzchen mit weißen Handschuhen

Kommentare