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Das Leid mit den Leitplanken

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Von: Anke Seidel

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An der Bundesstraße 6 in Bruchhausen-Vilsen sind einzelne Bäume ummantelt. Im schlimmsten Fall können diese Planken wie Schanzen oder ein Katapult wirken, sagt Verkehrstrainer Hans-Jürgen Wachholz. Deshalb spricht er von „Leidplanken“.
An der Bundesstraße 6 in Bruchhausen-Vilsen sind einzelne Bäume ummantelt. Im schlimmsten Fall können diese Planken wie Schanzen oder ein Katapult wirken, sagt Verkehrstrainer Hans-Jürgen Wachholz. Deshalb spricht er von „Leidplanken“. © Wachholz

Die einen halten sie für einen unverzichtbaren Sicherheitsfaktor im Straßenverkehr – die anderen für schlichte Geldausgabe, wenn ein einziger Baum förmlich mit ihnen ummantelt wird: Leitplanken polarisieren. Immer wieder. Wie viele dieser charakteristisch geformten Metallleisten stehen an welchen Straßen? Wie bewerten das Verkehrsexperten – und was sagt die Politik zu diesem schier unendlichen Thema?

Ulf Schmidt, dem bisherigen Vize-Landrat und stellvertretenden Bürgermeister in Bruchhausen-Vilsen, lässt das Thema keine Ruhe – weil die Installation an etlichen Stellen nicht schlüssig erscheint und immer wieder Kritik laut wird, dass bei Schutzplanken deutlich zu viel des Guten getan werde. Das hatten Verkehrstrainer Hans-Jürgen Wachholz sowie Wolfgang Heere als Asendorfer Altbürgermeister und erfahrener Polizist unisono beklagt (wir berichteten).

„Auf Teufel komm raus“

Aktuell hat sich Ulf Schmidt an den Landtagsabgeordneten Detlev Schulz-Hendel als Sprecher für Wirtschaft und Verkehr in der grünen Landtagsfraktion gewandt. Sein Eindruck sei, so der Landtagspolitiker, dass insbesondere an Bundesstraßen „auf Teufel komm raus“ diese Leitplanken installiert würden – „selbst dann, wenn es sich nicht um Unfallschwerpunkte handelt“. Andererseits habe die Erfahrung gezeigt, dass eine solche Installation die Zahl der tödlichen Unfälle senken könne.

Zum Glück müssen es nicht immer so dramatische Ereignisse sein, bevor etwas passiert. Kommt es an einer bestimmten Stelle dreimal zu einem Unfall mit demselben Hergang, „dann müssen wir tätig werden!“, sagt Ingo Büntemeyer, Verkehrssicherheitsbeauftragter der Polizeiinspektion Diepholz.

Überwachung der Unfallstellen

Sind also dreimal Fahrzeuge von der Straße abgekommen, spricht die Polizei von einer Unfallhäufungsstelle. „Aber wir greifen schon vorher ein“, betont der Verkehrssicherheitsbeauftragte. Verkehrsüberwachung und Geschwindigkeitskontrollen durch die Polizei oder den Landkreis gehören zum Alltag, um für mehr Sicherheit zu sorgen.

Immer im Blick hat der Verkehrssicherheitsbeauftragte die Landkreis-Karte mit den Unfallschwerpunkten und die Unfallstatistik. Ingo Büntemeyer nennt Zahlen: „Von 2018 bis 2020 sind 94 Personen auf Kreisstraßen schwer verletzt oder getötet worden.“ In 23 Fällen war das Fahrzeug gegen einen Baum geprallt. 21 dieser sogenannten Baumunfälle ereigneten sich außerhalb einer geschlossenen Ortschaft – vier Menschen starben dabei.

Unfälle zu verhindern, ist Aufgabe der Verkehrsunfallkommission. Darin arbeiten Polizei, Landesbehörde für Straßenbau und Vertreter des Landkreises sowie der Kommunen zusammen. Gemeinsam entwickeln sie Maßnahmen, an welchen Stellen und mit welchen Mitteln Unfälle verhindert werden können – und werten dabei alle nur denkbaren Umstände aus.

„Schutzplanke ist nicht gleich Schutzplanke“, betont Ingo Büntemeyer – und verweist auf spezielle Produkte mit einer Pfostenummantelung, die besonders die Motorradfahrer schützen können und deshalb an Motorradstrecken stehen.

Außerdem ist der Abstand ein entscheidendes Kriterium. Auf einer Kreisstraße im ländlichen Gebiet zum Beispiel müssten die Leitplanken so gesetzt werden, dass sich zwei landwirtschaftliche Fahrzeuge problemlos begegnen können. Unabhängig davon kommt manchmal Kritik von Anwohnern, dass Schutzplanken und Bäume an Grundstückseinfahrten die Sicht gefährlich behindern. „Sicher gibt es Vorgaben“, sagt Ingo Büntemeyer. „Aber in diesem Fall muss man überlegen, ob der Baum weichen und dafür woanders ein neuer angepflanzt werden muss.“ Entscheidend sei die Unfallgefahr.

26 Prozent der Bundesstraßen schon ausgerüstet

Die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr mit Sitz in Nienburg hat die Leitplanken genau im Blick. Denn ihre Mitarbeiter müssen das sogenannte Bauprogramm Schutz- und Leiteinrichtungen, kurz SLE, umsetzen. Wie Sachgebietsleiter Thomas Rödel auf Anfrage berichtet, sind im Landkreis Diepholz etwa sechs Prozent der Kreisstraßenstrecken und rund 26 Prozent der Bundesstraßenstrecken mit SLE ausgerüstet.

Der Vorrat an Leitplanken ist zeitweise groß und wird an vielen Stellen gebraucht – weit über die Region hinaus.
Der Vorrat an Leitplanken ist zeitweise groß und wird an vielen Stellen gebraucht – weit über die Region hinaus. © Boris NAumann

Und wie viele Leitplanken kommen pro Jahr hinzu? „Zum jährlichen Zuwachs kann keine konkrete Aussage gemacht werden“, antwortet Thomas Rödel. „Die Nachrüstung von SLE im bestehenden Streckennetz erfolgt grundsätzlich aufgrund der Erforderlichkeit, ist jedoch abhängig von den durch die jeweiligen Baulastträger – Bund, Land, Landkreis – dafür bereitgestellten Haushaltsmitteln.“

Die Praxis beim Landkreis Diepholz hat Ulf Schmidt bereits hinterfragt – und von Kreisrat Jens-Hermann Kleine folgende Information erhalten: „Der Landkreis setzt grundsätzlich Schutzplanken, wenn es wegen eines Unfallschwerpunktes von der Verkehrsunfallkommission angeordnet wurde. Waren an einer Kreisstraße bereits Schutzplanken vorhanden und besteht der Grund weiter fort, dann werden abgängige Schutzplanken auch erneuert.“ Der Landkreis betrachte die Schutzplankenrichtlinien (RPS 2009 und ESAB) als Empfehlung – soweit möglich: Wenn eine Kreisstraße mit Fördermitteln ausgebaut werde, müsse nach der Schutzplankenrichtlinie RPS 2009 verfahren werden.

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