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Leer stehendes Heim nicht für beeinträchtige Flüchtlinge nutzbar

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Von: Anke Seidel

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Das ehemalige DRK-Seniorenwohnheim in Bruchhausen-Vilsen liegt in der Nähe des Kurparks. Dort hat der Landkreis mehrfach Senioren mit Hilfebedarf in Notsituationen untergebracht.
Das ehemalige DRK-Seniorenwohnheim in Bruchhausen-Vilsen liegt in der Nähe des Kurparks. Dort hat der Landkreis mehrfach Senioren mit Hilfebedarf in Notsituationen untergebracht. © Till Jakob Schwarze

Heinrich Henke aus Bruchhausen-Vilsen möchte beeinträchtigten Ukrainer helfen. Der Landkreis kann eine leer stehende Unterkunft dafür aber nicht anbieten.

Br.-Vilsen – Das furchtbare Schicksal der Menschen in der Ukraine lässt Heinrich Henke nicht los. Der Landwirt aus Bruchhausen-Vilsen ist gemeinsam mit anderen Freiwilligen schon vor vier Wochen an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren, um Hilfsgüter abzugeben. Spontan hat die private Gruppe mehrere Flüchtlinge mit nach Deutschland genommen. Zwei Studentinnen aus der Ukraine leben jetzt bei Familie Henke. Aber andere müssen im Kriegsgebiet noch um ihr Leben fürchten – darunter querschnittsgelähmte, blinde oder geistig behinderte Menschen.

50 Ukrainer mit Beeinträchtigungen hoffen auf Hilfe

Sie in Sicherheit zu bringen, ist der tief empfundene Herzenswunsch von Heinrich Henke. Doch helfen konnte er bisher nicht – obwohl in seinem Heimatort ein Seniorenheim leer steht. „Ich hatte gedacht, nur ein paarmal telefonieren zu müssen“, sagt der Landwirt. Dass ein leer stehendes, barrierefreies Heim für teils schwerbehinderte Flüchtlinge nicht zur Verfügung stehen könnte, auf diesen Gedanken wäre er nicht gekommen.

Der Druck ist groß: 50 Menschen mit unterschiedlich starken Beeinträchtigungen warten aktuell in der Ukraine darauf, endlich in Sicherheit gebracht zu werden. Das hat Heinrich Henke über Kontakte von Helfern erfahren, die er bei der Fahrt an die ukrainische Grenze kennengelernt hatte. Die Ukrainer mit Handicap haben sein ganzes Mitgefühl, weil sie besonders unter dem Krieg leiden. „Den Transport könnten wir organisieren“, berichtet Heinrich Henke, „die Begleitung der Menschen während der Fahrt wäre auch sichergestellt.“ Eingeschaltet ist demnach die ukrainische Organisation „Union of responsible citizens“ (der NDR hatte am Dienstag in seiner Sendung Panorama 3 über den Fall berichtet).

Heinrich Henke
Heinrich Henke © Landvolk

Doch die Unterbringung der behinderten Ukrainer im leer stehenden DRK-Heim in Bruchhausen-Vilsen ist nicht möglich, stellt Heinrich Henke schwer enttäuscht fest: „Ich bin entsetzt.“ Der Landkreis wolle die Einrichtung als Notunterkunft vorhalten.

Landkreis muss Unterkunft in Bruchhausen-Vilsen für Notfälle bereithalten

Tatsächlich war das leer stehende Gebäude in Bruchhausen-Vilsen vom Landkreis schon mehrfach in akuten Notsituationen für die Unterbringung von Senioren genutzt worden – zum einen nach einem verheerenden Brand in einem Seniorenheim, zum anderen nach der coronabedingten Schließung von Senioren-Einrichtungen (wir berichteten). Zwischen 50 und 80 Menschen können in dem ehemaligen DRK-Heim untergebracht werden.

Warum es jetzt nicht für Behinderte aus der Ukraine genutzt werden kann, dafür gibt es laut Landrat Cord Bockhop gleich mehrere Gründe. Einerseits müsse der Landkreis auf Notfälle, wie es sie bei Senioren mit Hilfebedarf ja schon mehrfach gegeben habe, unbedingt vorbereitet sein. Andererseits müsse der Landkreis auf eine plötzliche Flüchtlingswelle aus der Ukraine reagieren können, die Entwicklung im Kriegsgebiet sei unberechenbar. Außerdem müsse der Landkreis einspringen, wenn privates Engagement an seine Grenzen komme. Schon jetzt gebe es Fälle, in denen die private Flüchtlingsunterbringung nicht mehr möglich sei („schon nach zwei Wochen“) und der Landkreis die Unterkunft der Ukrainer sicher stellen müsse.

Verlässliche Versorgung beeinträchtiger Flüchtlinge für Landkreis nicht stemmbar

Vor allem aber bräuchten Flüchtlinge mit Behinderungen unbedingt eine verlässliche fachliche Betreuung. In Einzelfällen könne der Landkreis das sicherlich leisten. Aber eine ganze Gruppe von Menschen mit speziellem Hilfebedarf plötzlich zu versorgen, sei auf Kreisebene nicht leistbar: „Das ist mindestens eine Landes-, wenn nicht eine Bundesaufgabe!“ Deshalb habe er bereits mit dem Leiter des Ukraine-Krisenstabs in Niedersachsen telefoniert, damit es so schnell wie möglich eine Lösung für diese Menschen aus der Ukraine gibt. „Und diese Lösung soll schnell umgesetzt werden“, fügt Cord Bockhop hinzu.

Das Engagement von Heinrich Henke lobt der Landrat ausdrücklich. „Hoch verantwortlich“ habe der Landwirt aus Bruchhausen-Vilsen gehandelt, weil er sich im Vorfeld um die sichere Unterbringung und Betreuung der Menschen aus der Ukraine gekümmert habe. Oft sei es anders. Im Kreistag am Montag hatte der Landrat berichtet, dass dem Landkreis bisher 150 Flüchtlinge aus der Ukraine offiziell zugewiesen worden sind. 1 350 seien über private Kontakte in den Landkreis eingereist.

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