„Von Antipathie kann keine Rede sein“

„Lebendige Zentren“: Schwarmes und Martfelds Bürgermeister bewerten Umfrageergebnisse

Ein Treffen am Friedensstein: Schwarmes Bürgermeister Johann-Dieter Oldenburg und Marlies Plate, Bürgermeisterin von Martfeld, sehen zwischen den beiden Gemeinden ein gutes Verhältnis.
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Ein Treffen am Friedensstein: Schwarmes Bürgermeister Johann-Dieter Oldenburg und Marlies Plate, Bürgermeisterin von Martfeld, sehen zwischen den beiden Gemeinden ein gutes Verhältnis.

Martfeld / Schwarme – „Können sie sich vorstellen, eine engere Zusammenarbeit zwischen Martfeld und Schwarme zu etablieren?“, wollten die Stadtplaner in ihrer Umfrage zum Förderprogramm „Kleinere Städte und Gemeinden“ wissen. „Nein“ antworteten 32 Teilnehmer, 86 sagten „Ja“. Acht sprachen sich dafür aus, dass es getrennte Gemeinden bleiben sollen, drei formulierten „viele Vorurteile und Antipathien“, 52 Befragten fielen keine gemeinsamen Aktivitäten ein. Fast 40 meinten, „gemeinsam stärker“ „Herausforderungen für die Zukunft“ meistern zu können. Die Redaktion bat die Bürgermeister um ihre Bewertung der Umfrageergebnisse. Die Fragen beantworteten Marlies Plate (Grüne) aus Martfeld und Johann-Dieter Oldenburg (SPD) aus Schwarme.

Wie bewerten Sie das Verhältnis zwischen Martfeldern und Schwarmern?

Plate: Das Verhältnis zwischen Martfeldern und Schwarmern sehe ich ganz entspannt. Als meine Kinder vor vielen Jahren mit ihren Fußball-Teams gegen die Schwarmer Teams spielten, war man sich auf beiden Seiten einig, dass dies nun ein ganz wichtiges Spiel ist, das man unbedingt gewinnen muss. Die Kinder hatten das besondere Verhältnis aber ja nur aus irgendwelchen Erzählungen aufgeschnappt. Und so ist es doch auch jetzt noch: Es wird immer ein bisschen weitergetragen, manchmal noch versehen mit eigenen Ausschmückungen, ohne dass es heute einen wirklichen Grund gibt. Oldenburg: Ein vor 300 Jahren entstandener Grenzstreit zwischen Schwarme und Martfeld ist leider immer noch in einigen Köpfen vorhanden. Dabei ging es lediglich um Grassodenabbau. Durch entsprechende Sprüche von beiden Seiten wird der Zwist immer mal wieder hochgekocht. Ein Spruch im Sport: „Du kannst als Schwarmer überall verlieren, nur nicht in Martfeld.“ Plate: Doch gerade in den beiden Sportvereinen findet eine gute Zusammenarbeit durch Spielgemeinschaften statt. Insgesamt kann ich mir ein weiteres Zusammenrücken von Schwarme und Martfeld sehr gut vorstellen.

Oldenburg: Im Jahr 2004 wurde sogar ein sogenannter Friedensstein aufgestellt. In den 60er-Jahren haben einige Schwarmer – unter anderem auch ich – das neunte Schuljahr an der Volksschule in Martfeld absolviert, zusammen mit Neuntklässlern aus Martfeld! So etwas schweißt zusammen. Zudem habe ich als Bürgermeister von Schwarme bei meinen Besuchen zu Hochzeitsjubiläen festgestellt, dass es eine große Anzahl von Ehepaaren gibt, deren Partner oder Partnerinnen aus Martfeld kommen. Es wird wohl weiterhin ein gewisses Konkurrenzdenken geben – das kann ja auch belebend wirken. Jedoch kann meiner Meinung nach von Antipathie untereinander keine Rede sein. Wir werden, und davon bin ich fest überzeugt, künftig immer weiter zusammenrücken und unsere Zusammenarbeit weiter optimieren.

Wo findet, abgesehen von den Sportvereinen, denn schon eine erfolgreiche Zusammenarbeit statt?

Oldenburg: Die beiden Kirchengemeinden arbeiten schon seit einigen Jahren sehr eng zusammen. Die Pastorin Meike Müller betreut beide Gemeinden. Plate: Darüber sind wir glücklich. Jedes Jahr findet wechselseitig in Schwarme und in Martfeld eine gemeinsame Vortragsreihe zu aktuellen Themen statt. Oldenburg: Es gibt gemeinsame kirchliche Seminare und in der Flüchtlingshilfe gemeinsame „Runde Tische“. Zudem wird zurzeit in Schwarme ein gemeinsamer Kindergarten durch die Lebenshilfe Syke errichtet. Plate: Der neue Kindergarten wird diese Zusammenarbeit noch einmal verstärken. Schon heute besuchen Kinder aus Martfeld die Schwarmer Kita – und umgekehrt. Im Bereich der Feuerwehr macht uns die Jugend vor, wie es gemeinsam geht, nämlich mit der Kinderfeuerwehr Martfeld-Schwarme und der Jugendfeuerwehr Schwarme und Umgebung. Oldenburg: Seit ein paar Jahren veranstaltet der TSV Schwarme für Grundschüler aus beiden Dörfern eine Feriensportwoche in Schwarme. Die Aktion wird durch beide Gemeinden finanziell unterstützt. Das Städtebauförderungsprojekt „Kleine Städte und Gemeinden“ / „Lebendige Zentren“ haben wir zusammen begonnen und wir haben Ideen für gemeinsame Projekte entwickelt.

Für welche Bereiche wünschen Sie sich eine engere Zusammenarbeit?

Plate: Hier sehe ich an erster Stelle die ärztliche Versorgung. Oldenburg: Beide Gemeinden werden in naher Zukunft Probleme mit der ärztlichen Versorgung – insbesondere der hausärztlichen – bekommen. Plate: Hier ist eine ganz enge Zusammenarbeit nötig, damit die Menschen in beiden Gemeinden auch in zehn Jahren und darüber hinaus noch möglichst wohnortnah ihren Arzt erreichen. Gemeinsam sind wir viel besser aufgestellt als jede Gemeinde für sich.

Oldenburg: Die beiden „Ostflanken“ der Samtgemeinde müssen hier als Einheit tätig werden. Ferner gibt es mittlerweile Gespräche über die Ausweisung einer gemeinsamen Gewerbefläche im Grenzgebiet.

Welche Anregung des Projektberaters von „Lebendige Zentren“ finden Sie für Ihren Ort besonders interessant?

Plate: Die Anregungen sind keine Unbekannten für uns. Wir befassen uns seit Jahren mit Themen zur Verbesserung der Lebens- und Wohnqualität, zur Sicherung der Daseinsvorsorge, zur Stärkung des Schulstandortes und der sozialen Infrastruktur. Oldenburg: Ich bin sehr froh darüber, dass im Rahmen des Projektes auch private Vorhaben im Dorfzentrum förderungsfähig sind. Plate: Ja, es ist sehr gut, dass Privatpersonen die Möglichkeit geboten wird, mithilfe einer Förderung ihre Gebäude zukunftsfähig zu machen.

Oldenburg: Es sind auch Vorschläge für die Nachnutzung leer stehender Gebäude und Maßnahmen zum Klimaschutz – wie zum Beispiel die Ladestationen für Elektrofahrzeuge und E-Bikes – erarbeitet und von uns auch zum Teil schon umgesetzt worden. Plate: Bei der zukünftigen Entwicklung und Bearbeitung dieser Themen ist es besonders wichtig, dass Maßnahmen zum Klimaschutz sehr viel stärker mit eingebunden werden.

Blicken Sie bitte zehn Jahre voraus. Wie wünschen Sie sich das Verhältnis der Martfelder und Schwarmer in naher Zukunft?

Oldenburg: Ich würde es sehr begrüßen, wenn Schwarme und Martfeld selbstständige Gemeinden innerhalb der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen bleiben. Dafür ist es erforderlich, dass beide Gemeinden ihre Zusammenarbeit noch weiter optimieren. Durch die Weiterentwicklung gemeinsamer Projekte – ich denke hier zum Beispiel an eine gemeinsame, gut vernetzte Jugendarbeit – werden sich die Bürgerinnen und Bürger beider Gemeinden noch näherkommen und die jetzt noch teilweise bestehenden Ressentiments beseitigt sein. Plate: Ich wünsche mir, dass wir mehr gemeindeübergreifende Projekte auf den Weg bringen, dass wir offen für Gemeinsames sind und Kirchturmdenken – falls denn noch vorhanden – aus den Köpfen verschwindet. Durch Gemeinschaftsprojekte erreichen wir mehr. Sie bringen Vorteile für beide Gemeinde und stärken gleichzeitig die Individualität. Zusammenarbeit ist immer besser als Konkurrenz.

Welche Vorschläge sollen dann in zehn Jahren im besten Fall Realität geworden sein?

Oldenburg: Auch wenn ich in zehn Jahren wohl kein Bürgermeister mehr in Schwarme sein werde, hoffe ich sehr, dass wir dann eine gesicherte ärztliche Versorgung und zwei gut florierende, wohnlich, gewerblich und touristisch ansprechende Gemeinden vorweisen können. Plate: Vielleicht entsteht ein gemeinsames sogenanntes Gesundheitshaus. Eine engere Zusammenarbeit im kulturellen Bereich soll realisiert werden, zum Beispiel bei Veranstaltungen, die von beiden Gemeinden getragen und gefördert und natürlich auch besucht werden. Ich wünsche mir, dass wir viele Dinge in guter nachbarschaftlicher Gemeinschaft und Freundschaft erfolgreich auf den Weg bringen. Die großen Herausforderungen wie die Klimakrise oder aktuell das Coronavirus kennen keine Grenzen.

Von Anne-katrin Schwarze

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