Leandra Falldorf (19) aus Schwarme:

„Die Nächstenliebe ist in Südafrika sehr präsent“

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Leandra Falldorf aus Schwarme (hinten) im Kreis einiger Kinder, die sie in Südafrika unterrichtet hat.

Schwarme - Von Charlotte Reinhard. Wer in Südafrika einen Einheimischen nach dem Weg fragt, bekommt stets eine Antwort – allerdings führt die nicht immer zum Ziel. Diese Erfahrung hat die 19-jährige Leandra Falldorf aus Schwarme gemacht.

Sie lebte und arbeitete im Zuge eines Internationalen Jugendfreiwilligendiensts (IJFD) rund ein Jahr nahe der südafrikanischen Stadt Empangeni (Provinz KwaZulu-Natal). Seitdem weiß sie: „Südafrikaner können nicht zugeben, dass sie etwas nicht wissen. Lieber schicken sie einen einfach irgendwohin.“

Leandra machte im vergangenen Jahr am Gymnasium Bruchhausen-Vilsen ihr Abitur. Aber danach gleich an die Uni gehen? „Ich dachte, ich muss erst einmal reifen, bevor ich studiere“, sagt die 19-Jährige. „Und ehrlich gesagt wusste ich nicht, was ich machen sollte.“

Die 19-jährige Leandra am Kap der guten Hoffnung.

Ein Bekannter, der aus Südafrika kommt und in seiner Heimat ein Projekt für Kinder betreut, weckte Leandras Interesse für das Land am Kap der guten Hoffnung. Also bewarb sie sich bei der Arbeitsgemeinschaft Pfingstlich Charismatischer Missionen (APCM) für einen Freiwilligendienst. Die APCM ist eine anerkannte Trägerorganisation, die Freiwillige in die Welt entsendet. In den Osterferien 2013 erhielt Leandra die Zusage für ihren Aufenthalt in Südafrika. „Ich flog im September 2013 los, um in einem Kinderheim der Organisation MusaweNkosi zu arbeiten“, erzählt Leandra.

Zweimal pro Woche unterrichtete sie südafrikanische Kinder in Englisch und Mathe. Für die Schwarmerin eine große Umstellung: „Der Unterricht war total krass“, meint sie. „In einer Klasse sind 40 Kinder. Ab der dritten Klasse wird nur auf Englisch unterrichtet, obwohl nur wenige Kinder diese Sprache verstehen. Die Landessprache in Südafrika ist nämlich Zulu.“

Viele Lehrmethoden waren ihr fremd: „Es ist erlaubt, die Schüler zu schlagen. Das löste in mir einen Konflikt aus. Man sieht, dass ein Kind geschlagen wird, kann aber nicht eingreifen, weil man sonst vielleicht nicht wiederkommen darf.“ Erfolgreich waren die Unterrichtsmethoden nicht: „Da man nur einmal sitzen bleiben kann und Prüfungen einfach solange wiederholt werden, bis das Ergebnis stimmt, gibt es auch Kinder, die in der siebten Klasse noch nicht lesen können“, sagt Leandra.

Im Unterricht lernte sie eine Eigenart der Südafrikaner kennen: „Die Schüler schämten sich sehr, wenn sie vor der Klasse etwas präsentieren sollten und fassten erst nach einiger Zeit so viel Vertrauen zu mir, dass sie sich trauten, mich um Hilfe zu bitten. Für Südafrikaner ist es nämlich sehr schlimm zuzugeben, dass sie etwas nicht wissen oder können.“ Aus diesem Grund sollte ein Tourist auch nicht damit rechnen, von einem Einheimischen stets eine korrekte Wegbeschreibung zu bekommen.

Eine andere Eigenheit liegt in der Geschichte des Lands begründet: „Die Südafrikaner bevorzugen immer weiße Dinge. Wenn sie zum Beispiel kein weißes Brot bekommen, nehmen sie lieber gar keins als das schwarze“, sagt die 19-Jährige. „Die Apartheid ist noch in vielen Köpfen.“

Wenn sie nicht unterrichtete, die Kinder während ihres Nachmittagsprogramms betreute oder bei einer Suppenküche half, hielt sie sich vor allem in dem Haus in der Nähe des Kinderheims auf, das sie mit zwei anderen deutschen Freiwilligen bewohnte. Mit diesen beiden Mädchen unternahm Leandra auch Reisen, zum Beispiel nach Kapstadt. „Da haben wir uns schon nicht mehr wie Touristen gefühlt. Wir waren so in der Kultur drin, dass uns einige Deutsche, die sich über die Gemächlichkeit der Afrikaner aufregten, peinlich waren.“ Leandra hatte bereits gelernt, dass in Südafrika nicht alles planbar ist. „Die Südafrikaner nehmen sich für die Dinge einfach Zeit. ,Jetzt‘ bedeutet bei ihnen nicht mehr als ‚bald‘.“

Beeindruckt habe sie neben dieser Einstellung auch die Offenheit der Menschen: „Wir wurden immer herzlich aufgenommen. Jeder ist willkommen, egal, wie er aussieht und was er anhat. Die Nächstenliebe ist dort sehr präsent.“

Im Gegensatz dazu steht die Kriminalitätsrate: „Alle 30 Sekunden wird in Südafrika eine Frau überfallen. Wir durften das Haus nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr verlassen.“ Die Freiheit, überall hingehen zu können, hat Leandra in ihrer Zeit in Afrika am meisten vermisst. „Nach meiner Rückkehr nach Deutschland habe ich meine Eltern immer erst aus Gewohnheit gefragt, ob ich das Fahrrad benutzen darf“, sagt sie schmunzelnd.

Leandra will Soziale Arbeit studieren. Da sie in diesem Jahr keinen Studienplatz bekommen hat, macht sie jetzt eine Ausbildung zur Erzieherin. Sie hofft, ihre Chancen an der Uni dadurch zu verbessern. Geduldig zu sein hat sie ja in Südafrika gelernt: „Was passiert, passiert eben.“

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