Lara Monhoff liebt ihren Job: Sie macht eine Ausbildung zur Tierwirtin im Betrieb „Brokser Sauen“

Schwein gehabt

+
Lara Monhoff lernt den Beruf Tierwirtin in der Fachrichtung Schweinehaltung. Stolz zeigt sie ein erst wenige Stunden altes Duroc-Ferkel, einer alten Schweinerasse aus den USA.

Br.-Vilsen - Von Ulf Kaack. Lara Monhoff hat sich einen außergewöhnlichen Ausbildungsplatz in einer Männerdomäne ausgesucht. Und sie liebt ihn. Denn als angehende Tierwirtin der Fachrichtung Schweinehaltung lernt sie im Betrieb „Brokser Sauen“ von Nadine und Heinrich Henke das Züchten, Versorgen und Vermarkten von Ferkeln sowie Mast- und Zuchtschweinen.

Der Agrarbetrieb im Südosten Bruchhausen-Vilsens ist kaum weniger gesichert als eine militärische Anlage. Ein hoher Zaun, Videoüberwachung und ein elektrisches Rolltor schützen das Gelände, die Türen des rund 9 000 Quadratmeter großen Stallgebäudes sind für Unbefugte nicht zu öffnen.

„Das dient der Hygiene und der Seuchenvermeidung“, sagt die 21-Jährige. Niemand darf den Stall betreten, ohne zuvor in einer Schleuse geduscht und sich mit frisch gewaschener Arbeitskleidung ausgerüstet zu haben. Werden Gegenstände mit in die Stallungen genommen, werden eventuell darauf befindliche Keime zuvor in einer UV-Schleuse oder mit einem Schnelldesinfektionsmittel abgetötet.

Lara ist ein Stadtkind. Sie kommt aus Nordrhein-Westfalen, exakt aus Solingen. Was bewegt die junge Frau dazu, hier im ländlichen Bruchhausen-Vilsen Wurzeln zu schlagen und diesen doch ungewöhnlichen Beruf zu lernen? „Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Veterinärmedizin studieren, konnte an der Uni aber keinen Platz ergattern“, erzählt sie. „Also machte ich eine tiermedizinische Fachausbildung und hab nun meine zweite Lehrzeit einfach hintendran gehängt. Weil es mir gefällt – der Job, aber auch die Region hier, die Menschen und meine Kollegen. Und natürlich meine beiden Chefs.“

Nadine und Heinrich Henke haben den Betrieb „Brokser Sauen“ vor drei Jahren gekauft. Er kommt aus Visbek und ist spezialisiert auf die Haltung von Sauen, sie hat Tiermedizin studiert und lebte einst in Wehrbleck nahe Sulingen. „Mit Lara haben wir einen guten Lehrling erwischt“, sagen beide unisono. „Sie ist hochmotiviert, qualifiziert und bringt auch die nötige Robustheit für diesen recht kernigen Job mit.“

1 250 Zuchtsauen stehen unter dem Stalldach. Dazu kommen im Schnitt 3 500 Ferkel zum Verkauf sowie 500 Sauen in der eigenen Nachzucht. „Zwei Eber haben wir auch, die dienen als reine ,Pin-Up-Kerls‘ der natürlichen Stimulanz der Muttertiere vor der künstlichen Besamung“, erklärt Heinrich Henke.

Von bäuerlicher Landidylle ist hier kaum etwas zu spüren. Alle Prozesse bei der Zucht sind unter den betriebswirtschaftlichen Aspekten modernen Agrarmanagements exakt durchstrukturiert. Trotzdem will Lara Monhoff bei ihren Schweinen nicht von industrieartigen Produkten sprechen: „Bei über 5 000 Tieren hat natürlich keines mehr, wie damals in der ,guten alten Zeit‘, einen eigenen Namen. Doch durch den täglichen Umgang mit ihnen, kenne ich viele Schweine und ihre Charaktereigenschaften ganz gut.“

Die Henkes beschäftigen neben Lara noch weitere sieben Mitarbeiter sowie eine Aushilfskraft. In der Regel ist von frühmorgens zwei Uhr bis abends 18 Uhr immer mindestens ein Mitarbeiter im Betrieb, in der Kernzeit fast die ganze Crew. An 365 Tagen im Jahr. Teamarbeit und Kollegialität sind notwendig, um die streng strukturierten Arbeitsabläufe planbar zu machen.

Der Zuchtstall befindet sich auf technisch modernstem Stand, erklärt Heinrich Henke: „Die gesamte Anlage wird hinsichtlich der verschiedenen Raumtemperaturen fernüberwacht. Mit einer Hochdruckkühlung können wir bei extremen sommerlichen Temperaturen das Raumklima schlagartig um bis zu vier Grad runterfahren. Fällt die Elektrizitätsversorgung aus, springt sofort das Notstromaggregat an. Klar, dass wir auch Feuerlöschgeräte und medizinisches Erstversorgungsmaterial entsprechend der Unfallverhütungsvorschriften vorhalten.“

Momentan wollen die Henkes die Beleuchtungsanlage auf LED umstellen, um Strom zu sparen. Denn: Monatlich laufen Energiekosten von 5 000 Euro für den Betrieb auf.

Rund 60 Sauen sind in jeweils 21 Gruppen zusammengefasst, die zyklisch den Zuchtprozess durchlaufen. Los geht’s mit der künstlichen Besamung im Deckstall. Das geschieht täglich, jeder Mitarbeiter hat das auf einem Speziallehrgang gelernt. Im Wartestall werden die trächtigen Sauen anschließend bis zur Geburt ihrer Ferkel gehalten. Das passiert in artgerechten offenen Boxen, die Tiere können sich jederzeit frei im Stall bewegen.

Die Trächtigkeit beträgt beim Schwein drei Monate, drei Wochen und drei Tage. Vor der Niederkunft kommen die Zuchtsauen in den mit speziellen Boxen und wärmenden UV-Lampen eingerichteten Abferkelstall, wo sie im Schnitt 16 Ferkel zur Welt bringen. Vier Wochen werden sie hier an den Zitzen der Muttertiere großgezogen und wechseln anschließend in den Ferkelstall, wo sie knapp zwei Monate lang mit einer durch Eiweißträger und Mineralstoffe angereicherte Getreidemischung gefüttert werden. Haben sie ein Gewicht von 30 Kilogramm erreicht, verkaufen die Henkes sie an regionale Schweinemastbetriebe. Die Muttertiere sind dann schon längst wieder trächtig und warten auf ihren nächsten Wurf.

„Wir bewegen uns in einem externen und einem internen Kreislauf, wobei beide Systeme eng miteinander verzahnt sind“, erklärt Nadine Henke. „Der rotierende Zyklus ist wichtig, damit der Betrieb permanent ausgelastet ist – die Mitarbeiter, der Gebäudekomplex und die Logistik. Wir sind durch die Gruppenbildung bei unseren Zuchtsauen in der Lage, den Markt permanent und zuverlässig planbar zu bedienen. Das sichert letztendlich unser Einkommen und die Gehälter der Mitarbeiter.“

Aus der Region und für die Region, das haben sich die Henkes auf die Fahnen geschrieben. Die Abnehmer ihrer Ferkel kommen sämtlich aus der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen sowie aus dem benachbarten Wachendorf. Die anfallende Gülle wird – natürlich gegen ein Entgelt – von Landwirten aus Broksen auf deren Flächen ausgebracht. Der Spediteur für die Ferkeltransporte stammt aus Syke. Lediglich die Futtermittel kommen aus dem Emsland und das Sperma von einer in den neuen Bundesländern ansässigen Besamungsstation.

Doch nun zurück zu Lara Monhoff. Welche Inhalte werden während ihrer dreijährigen Ausbildungszeit vermittelt? „Das A und O ist die permanente Tierkontrolle, ständig im Blick zu haben, ob sie aufstehen, fressen, sich normal bewegen … Dafür entwickelt man schnell eine natürliche Intuition. Schweine beißen ihre Rangordnung aus und können sich auch durch Futterneid gegenseitig verletzen. Dies gilt es natürlich zu verhindern. Haben die Schweine trotzdem mal Blessuren, müssen diese sofort erkannt und fachmännisch behandelt werden.“

Neben den nahezu täglich anfallenden Besamungen, muss die 21-Jährige beim Abmisten mit Schaufel und Kotschieber kräftig anpacken. „Hygiene hat im Stall höchste Priorität“, sagt sie und greift auch schon mal zum Hochdruckreiniger und Desinfektionsmittel. Natürlich werden auch die Tiere in aller Regelmäßigkeit mit einem speziellen Shampoo gereinigt. „Eine Epidemie im Stall ist viel teurer als eine hochwertige Hygiene“, weiß die Auszubildende.

Das Füttern der Sauen funktioniert auf Knopfdruck. Gleichzeitig werden alle Tröge befüllt. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass sich die Tiere nicht um das Futter streiten.

Verschiedene Verordnungen schreiben die strengen Hygiene-, Veterinär- und Tierschutzstandards fest. Sie garantieren zusammen mit der umsichtigen und sachkundigen Arbeit der Brokser Ferkelzüchter eine hohe Fleischqualität und den Zuchterfolg.

Befragt, ob sie denn keine Probleme mit ihrem Arbeitsumfeld und auch den dort herrschenden intensiven Gerüchen hat, schüttelt Lara vehement mit dem Kopf: „Ich bin da eine rustikal gestrickte Natur und außerdem liegt mir, genauso wie meinen Kollegen, das Wohlergehen eines jeden einzelnen Tieres am Herzen. Ausmisten, Besamen oder auch die manchmal notwendige Geburtshilfe mit dem Gummihandschuh mögen Außenstehenden möglicherweise befremdlich erscheinen. Für mich sind das notwendige und natürliche Verfahren innerhalb eines zeitgemäß geführten landwirtschaftlichen Unternehmens. So funktioniert das, so geht das in Ordnung.“

Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen wird auf dem Hof „Brokser Sauen“ keinesfalls hinter verschlossenen Türen gewerkelt. Im Gegenteil, wie Nadine Henke sagt: „Wir wollen gerade dem Endverbraucher gegenüber eine Transparenz zu unserer Arbeit schaffen. Oft steht die moderne Landwirtschaft in der öffentlichen Kritik, nicht selten zu Unrecht“, wie die Veterinärin meint.

Darum hat der Betrieb im vergangenen Jahr seine Türen für die TV-Kinderserie „Die Sendung mit der Maus“ geöffnet. Regelmäßig informieren sich Besuchergruppen vor Ort über die modernen Zuchtmethoden. Auf der Internetseite www.stallbesuch.de gibt es ebenso wie auf Youtube und Facebook unter „Brokser Sauen“ sowie „Frag doch mal den Landwirt“ detaillierte Einblicke.

Mehr zum Thema:

Germanwings-Absturz: Gutachten verärgert Hinterbliebene

Germanwings-Absturz: Gutachten verärgert Hinterbliebene

Riesige Open-Air-Ausstellung: València ist Feuer und Flamme

Riesige Open-Air-Ausstellung: València ist Feuer und Flamme

Fünf Rückkehrer beim Werder-Training am Freitag

Fünf Rückkehrer beim Werder-Training am Freitag

Neue Tragödie im Mittelmeer

Neue Tragödie im Mittelmeer

Meistgelesene Artikel

21-Jährige aus Diepholz gründet erfolgreich Firma 

21-Jährige aus Diepholz gründet erfolgreich Firma 

Nach 26 Jahren: Mann soll Heim verlassen

Nach 26 Jahren: Mann soll Heim verlassen

Hochkarätige Akteure prügeln sich im Dreyer Sportcenter Dassbeck

Hochkarätige Akteure prügeln sich im Dreyer Sportcenter Dassbeck

Palliativstützpunkt: Vorstand schließt Kassenprüfer aus

Palliativstützpunkt: Vorstand schließt Kassenprüfer aus

Kommentare