Kritik an Fall aus Schwarme / Wechsel „im Einzelfall“ weiter möglich / Anwesende Eltern empört

Samtgemeinderat beschließt Schulbindung für Gymnasiasten

+
Mediengruppe Kreiszeitung

Br.-Vilsen - Von Mareike Hahn. Ab August ist Schluss mit freier Gymnasium-Wahl: Mehrheitlich hat der Samtgemeinderat entschieden, einen Schulbezirk für das Gymnasium einzurichten. Alle in der Samtgemeinde wohnhaften Schüler der Sekundarstufe eins müssen in Zukunft einen „Ausnahmeantrag“ stellen, wenn sie an einem anderen Ort als Bruchhausen-Vilsen zum Gymnasium gehen möchten. Oberstufenschüler haben indes nach wie vor die freie Wahl. Der Entscheidung vorangegangen war eine emotionale Diskussion.

Gleich zu Beginn der Sitzung im Rathaus forderte Hermann Schröder (Unabhängige Wählergemeinschaft, UWG), den Tagesordnungspunkt abzusetzen. Als Grund nannte er einen Brief von einer Familie aus Schwarme, der erst allen Fraktionen zugehen müsse, bevor sie eine Entscheidung fällen könnten. In dem Schreiben aus der vergangenen Woche kritisieren die beiden Verfasser, dass in der jüngsten Sitzung des Schulausschusses falsche Aussagen getroffen worden seien.

Tatsächlich hatte Bruchhausen-Vilsens Gymnasialleiter Reinhard Heinrichs während der Sitzung im Januar gesagt, dass seines Wissens sämtliche Gymnasien in der Umgebung einen Schulbezirk hätten. Ähnlich drückt es die Verwaltung in ihrer Sitzungsvorlage aus. Darin steht, dass „die umliegenden Schulträger Schulbezirke für die Gymnasien eingerichtet haben“. Falsch, weiß die Schwarmer Familie und betont, dass weder in Hoya noch in Verden und Achim eine Schulbindung bestehe.

„Kein Kind wird aus der

Schulbindung gelassen“

Noch schwerer wiegt ein weiterer Vorwurf in dem Brief: „Erfahrungen zeigen, dass Herr Heinrichs praktisch kein Kind ,freiwillig‘ aus der Schulbindung lässt“, behaupten die Eltern. „Dies hat er schon die ganzen Jahre gegenüber der Landesschulbehörde ohne rechtliche Grundlage durchgekämpft.“

Die Schwarmer wollten ihren Sohn, dem ADHS und eine Hochbegabung bescheinigt sind, aufs Gymnasium in Hoya schicken, was nach ihren Angaben erst Heinrichs und dann die Landesschulbehörde ablehnten. „Durch einen glücklichen Zufall erfuhren wir, dass es auf Grund des Fehlens eines entsprechenden Satzungseintrags für das Gymnasium Bruchhausen-Vilsen keine Schulbindung gibt“, heißt es in dem Brief.

Für Hermann Schröder ist dieser Fall der wahre Grund, warum die Politik ausgerechnet jetzt über das Thema Schulbezirk diskutiert. Christdemokrat Wolfgang Griese, Vorsitzender des Samtgemeinderats, sah das anders: Er unterstrich einmal mehr, dass die 1998 erlassene Satzung veraltet und deshalb eine Änderung dringend nötig sei. Schröders Antrag, die Entscheidung zu vertagen, scheiterte.

Später wurde deutlich, dass nicht nur dem abwesenden Reinhard Heinrichs lange nicht bewusst gewesen zu sein schien, dass in Bruchhausen-Vilsen gar kein Schulbezirk besteht. „Wir haben versäumt, den Schulbezirk einzurichten“, sagte Griese. Laut Cattrin Siemers, Ressortleiterin Bildung im Rathaus, könnte der Grund sein, dass der Landkreis bis 2006 als Schulträger fungierte – und in dessen Satzung ist die Schulbindung verankert.

Griese warb für die Einführung des Schulbezirks, um Planungssicherheit zu erlangen und „die Chancengleichheit auch für unseren Schulstandort zu erhalten“. Sein Parteikollege Heinrich Klimisch stimmte ihm zu: „In den Nachbargemeinden im Kreis Diepholz haben wir auch Schulbezirke. Zurzeit können unsere Schüler ohne Weiteres nach Syke oder Sulingen wechseln, aber andersrum geht das nicht.“ Reinhard Thöle (SPD) hatte die Verwaltung um Zahlen gebeten. Das Ergebnis: „In den letzten drei Jahren gab es nur elf Schüler aus der Samtgemeinde, die eine andere Schule besuchen wollten, und drei aus anderen Bereichen, die zu uns kommen wollten.“

Ebenso wie Thöle kritisierte auch Ulf Schmidt (Grüne) die schlechte Vorbereitung der Schulausschuss-Sitzung. Schmidt ging noch weiter: „Wir haben kein Verständnis für den dargestellten Fall aus Schwarme; es kann nicht sein, dass es eine Entscheidung wie bei dieser Familie gibt.“ Er betonte, dass die Einrichtung eines Schulbezirks nicht dazu führen dürfe, sich auszuruhen: „Wir geben der Verwaltung den Auftrag, Anforderungen an das Gymnasium zu erarbeiten.“

Die Frage nach dem Sinn stellte Hermann Schröder. „Eine attraktive Schule braucht keinen Schulbezirk“, sagte der ehemalige stellvertretende Leiter des Achimer Marktgymnasiums. Eine attraktive Schule ziehe Lehrer und Schüler von sich aus an. Und weiter: „Schüler, die nicht an meine Schule wollen, will ich auch nicht haben. Das muss Ziel der Schulleitung sein, und da muss vielleicht der eine oder andere noch dran arbeiten.“

Neun Politiker stimmen

gegen Satzungsänderung

Neben Schröder stimmten gegen die Satzungsänderung auch die Grünen-Politiker Marlies Plate, Walter Kreideweiß, Joachim Dornbusch, Hermann Meyer-Toms und Bernd Schneider sowie Werner Pankalla (CDU), Heinfried Kabbert (UWG) und Nicole Uhde (SPD).

Mehrfach erklärten die Ratsmitglieder, dass trotz des Schulbezirks Ausnahmen möglich seien. Bereits im Schulausschuss hatte Reinhard Heinrichs betont: „Die Schüler sind hier nicht gefangen.“ Wolfgang Griese nannte Beispiele, die den Schulwechsel „im Einzelfall“ ermöglichen könnten: eine erheblich gestörte Beziehung zu Lehrkräften, Mobbing, die Teilnahme an Projekten zur Hochbegabtenförderung und der Wunsch, eine an der zuständigen Schule nicht angebotene Fremdsprache zu erlernen. „In solchen Fällen sollten wir die Kinder ziehen lassen, statt Ärger an der Schule zu bekommen“, sagte Griese und erntete Zustimmung von Michael Albers (SPD): „Auch mit einem Schulbezirk dürfen wir es Eltern nicht so schwer machen, wenn sie wegwollen.“

Unverständnis äußerten die anwesenden Bürger in der Einwohnerfragestunde: „Haben Eltern kein Recht mehr, selbst zu entscheiden? Wo bleibt da die Demokratie?“, wollte Andreas Mack wissen und monierte: „Eine Fraktion wurde gar nicht gefragt, und das sind die Eltern.“ Esther Suhr fügte hinzu: „Mir erschließt sich noch immer nicht der eigentliche Sinn. Es klingt nach: ,Wenn die anderen das haben, wollen wir das auch‘.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Gute Stimmung aufdem Campingplatz beim Deichbrand

Gute Stimmung aufdem Campingplatz beim Deichbrand

20. Etappe: Froome hat vierten Toursieg so gut wie sicher

20. Etappe: Froome hat vierten Toursieg so gut wie sicher

Bartels trifft gegen Ex-Club, aber Werder verliert

Bartels trifft gegen Ex-Club, aber Werder verliert

Israel nimmt nach Anschlag Bruder des Attentäters fest

Israel nimmt nach Anschlag Bruder des Attentäters fest

Meistgelesene Artikel

Mächtiger Allrounder im Team - 300.000 Euro schwer

Mächtiger Allrounder im Team - 300.000 Euro schwer

14-Jähriger kracht auf der Flucht vor Polizei in Gaststätte

14-Jähriger kracht auf der Flucht vor Polizei in Gaststätte

„Summer in the City“: Besucher wünschen sich Fortsetzung

„Summer in the City“: Besucher wünschen sich Fortsetzung

Unwetter erreicht den Bremer Süden mit Hagel, Starkregen und Sturmböen

Unwetter erreicht den Bremer Süden mit Hagel, Starkregen und Sturmböen

Kommentare