„Furchtbar, wenn wir ablehnen müssen“

Misshandelte und verletzte Kinder: Asendorfer Heim hat täglich Aufnahme-Anfragen

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Statt dunkler Schatten ein Lichtblick: Pony Fenja ist heilpädagogisch ausgebildet und ab Frühjahr kommenden Jahres auf dem Rittergut Kleine Strolche in Bücken-Ovelgönne zu Hause. Dort bieten Bernhard Schubert und seine Kollegen therapeutisches Reiten für Kinder mit einer schweren Lebenshypothek an.

Asendorf - Von Anke Seidel. Die scheinbar harmonische Vorweihnachtszeit mit ihrem stimmungsvollen Lichterglanz wirft quälende Schatten. Genau dort, wo Kinder statt Liebe und Geborgenheit Gewalt und Vernachlässigung erfahren – und das unvorstellbar oft in Deutschland.

Das beweisen die Anfragen von Jugendämtern bei Bernhard Schubert, dem Geschäftsführer des Kinderheims Kleine Strolche in Asendorf. „Ein bis zwei Anfragen haben wir täglich“, sagt Schubert über die Inobhutnahme von zum Teil nur wenige Wochen alten Babys. Doch zur Verfügung steht in der Einrichtung in Asendorf zurzeit nur ein einziger freier Platz.

Was wird aus den anderen, dringend auf Schutz angewiesenen Kindern? Diese Frage belastet Bernhard Schubert und seine Kollegen: „Es ist furchtbar, wenn wir ablehnen müssen.“ Immer wieder werden sie mit unvorstellbaren Schicksalen konfrontiert – wie das eines wenige Wochen alten Kindes, das mit einem lebensgefährlichen Schädelbasisbruch und anderen gebrochenen Knochen aus einer Familie geholt wurde. Unter Tatverdacht: die eigenen Eltern.

Bernhard Schubert und sein Team kümmern sich jetzt um das Kleine. Ein Richter habe den Eltern jedoch Besuchsrecht eingeräumt, berichtet der Geschäftsführer des Kinderheims über eine für ihn und seine Mitarbeiter bittere Tatsache: „Das ist so, als wenn eine vergewaltigte Frau im Krankenhaus jeden Tag Besuch von ihrem Vergewaltiger bekäme.“

Pony Fenja soll Freude bringen

Das Kinderheim hat sich auf die Aufnahme von Jungen und Mädchen ab Geburt bis sechs Jahre spezialisiert. 18 der insgesamt 32 Kinder in der Asendorfer Einrichtung sind in diesem Alter. 43 Mitarbeiter – inklusive Verwaltung und Hauswirtschaft – kümmern sich um diese zum Teil schwer traumatisierten jungen Menschen.

„Sie brauchen ganz dringend Liebe und Geborgenheit“, beschreibt Schubert die elementare Bedeutung von Zuwendung und Sicherheit. Doch das zu einem großen oder sogar zum größten Teil zerstörte Ur-Vertrauen dieser Kinder wieder aufzubauen, ist eine enorme Herausforderung.

Denn seelische Zerstörungen können ein Leben lang wirken. Für den Rest ihres Lebens können sich die Kinder dann nicht mehr sicher fühlen. Die Mitarbeiter wissen aus Erfahrung, dass ein bestimmtes Geräusch oder ein bestimmter Geruch wie ein Schalter wirken kann: Die Kinder reagieren apathisch, wieder spaltet sich ein Stück ihrer Seele vom Körper ab. Nur so haben sie die schweren Misshandlungen und Verletzungen überhaupt überleben können. Diese Abspaltung in höchster Not, die sogenannte Dissoziation, kann im Laufe des Lebens schwere Persönlichkeitsstörungen auslösen.

Spenden ermöglichen Therapien

Soviel Unterstützung, Zuwendung und Freude wie möglich sollen die Kinder in Asendorf erfahren – auch wenn die finanziellen Möglichkeiten begrenzt sind, weil die Jugendämter nur bestimmte Sätze für die Betreuung zahlen. Für Spenden über den Verein Kinderheim Kleine Strolche sind Schubert und sein Team daher dankbar, weil sie bestimmte Therapieangebote ermöglichen. Das gilt ebenso für die gemeinnützige Gesellschaft Rittergut Kinderheim Kleine Strolche. Wie bereits berichtet, soll auf dem Rittergut Ovelgönne in Bücken ein Therapiezentrum entstehen.

Auch wenn das Genehmigungsverfahren zur Umnutzung und zum Umbau des historischen Gebäudes langwierig ist: Im Frühjahr sollen drei ganz besondere Bewohner einziehen. Pony Fenja ist heilpädagogisch ausgebildet und soll mit einer Therapeutin wirksam Entlastung schaffen für Kinder mit einer schweren Lebenshypothek. Außerdem ziehen zwei Fohlen mit ein – in einen provisorischen Offenstall, weil die Genehmigung für den Bau eines festen Stalls noch nicht vorliegt. „Die Mitarbeiter von Smurfit Kappa in Hoya helfen uns bei den notwendigen Arbeiten“, lobt Schubert.

Auch fließen für das Projekt – gerade zur Vorweihnachtszeit – Spenden. Darunter von Menschen, für die fünf Euro einen hohen Betrag bedeuten, aber auch von Institutionen und Stiftungen. „Fünf DM-Märkte unterstützen uns“, freut sich Schubert nicht nur über monetäre Hilfe. An speziellen Weihnachtsbäumen können Kunden auch Wunschzettel von Kindern „pflücken“ und ihnen mit einem Präsent einen Herzenswunsch erfüllen.

Höchste Spende in der bisherigen Adventszeit: 25.000 Euro von der Gertrud-und-Helmut-Barthel-Stiftung. „Die Twistringer Bäckerei Weymann unterstützt uns mit einem Aufdruck auf Brötchen-Tüten“, erwähnt Schubert eine handfeste Möglichkeit, über das Kinderheim und das geplante Therapiezentrum auf dem Rittergut zu informieren.

Adventskalender mit Kurzfilmen

Das ist ebenso mit dem Online-Adventskalender auf der Internet-Seite des Ritterguts möglich. Dort verraten Mädchen und Jungen aus dem Kinderheim ab Samstag in Kurzfilmen, was sie sich wünschen und was sie brauchen.

Bernhard Schubert wünscht sich, mehr Babys und Kindern in Not Schutz und Geborgenheit bieten zu können. Das ist möglich, wenn die geplante Wohngruppe auf dem Rittergut eröffnet werden kann. Wunsch-Einzugstermin: „Im Frühjahr 2020.“

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