Einst als Lehrer an der Dorfschule

Karl Söhles Start in Ochtmannien war „saumäßig“

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Die alte Schule in Ochtmannien, in der Karl Söhle wirkte – wenn auch höchst ungern.

Ochtmannien - Von Dieter Niederheide. Karl Söhle war zu seiner Zeit einer der großen Schriftsteller und Musikkritiker. Seine geschriebenen Werke fanden Einzug in die Nationalbibliothek, 2007 wurde sein Leben verfilmt.

Friedrich August III., König von Sachsen, berief ihn 1917 zum Musikprofessor ehrenhalber. Was in der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen nur Insider wissen: Söhle war von 1881 bis 1883 Lehrer an der einklassigen Dorfschule in Ochtmannien.

Karl Söhle wurde 1861 in Uelzen geboren. Er starb im Dezember 1947 in Liegau-Augustusbad (Sachsen). In Dresden, wo er sich nach der Heirat 1893 mit Maria Berge, Hochschullehrerin für Gesang, niederließ, zählte das Paar zu den geachteten Persönlichkeiten.

In seinem autobiografischen Roman „Der verdorbene Musikant“ schildert Söhle sein Leben. Das Werk ist Bestandteil des Archivs der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen. Archivarin Elisabeth Meyer hütet es, wie andere alte Bücher auch, wie einen Schatz.

In seinem autobiografischen Roman „Der verdorbene Musikant“ schildert Söhle auch seine Zeit in Ochtmannien.

Zum Start in Ochtmannien schreibt Söhle in „Der verdorbene Musikant“: „Die Sache fing saumäßig an.“ Saumäßig deshalb, weil er nach der Vorstellung beim Superintendenten des Kirchspiels per Pferdefuhrwerk voller Schweine nach Ochtmannien zur Dorfschule mitfuhr.

Überhaupt spart er in dem Roman nicht mit Kritik. So lässt der Dorflehrer am Lehrerberuf, den er nie als eine Berufung ansah, kein gutes Haar. Stattdessen war die Musik sein Leben, er musizierte auf der Orgel, dem Klavier, der Flöte und dem Cello. Prägend für seine Liebe zur Musik soll ein Konzertbesuch als Dreizehnjähriger in Nordhausen (Thüringen) gewesen sein.

Es war 1881, als Söhle nach bestandener Prüfung in Ochtmannien seine erste Lehrerstelle antrat. Zu seiner dortigen Einführungsfeier schreibt er: „Hochwürden erteilte mir den Segen … und nach dem Amen habe ich aufgeatmet.“ Die Kollegen aus dem Kirchspiel seien zur Einführung allesamt anwesend gewesen. Aber nur, wie Söhle meinte, wegen der Einführungskost im Gasthaus, das sich, so schreibt er im Roman, „hochtrabend Louisiana nannte“. Heimatforscher sind überzeugt, dass es sich bei „Louisiana“ um das Hotel „Louisville“, später „Dörgeloh“, in Vilsen handelte.

Vorschlag: Schweinezüchter werden

Der Wirt habe ihm geraten, sich neben dem Lehrerberuf der Schweinezucht zu widmen. „Junger Mann, die Schweinezucht ist unser bester Segen“, habe ihm der Wirt gesagt und beteuert, dass die Vorgänger im Lehreramt von der Schweinezucht besser gelebt hätten als von der Schulmeisterei. Der nächste Rat des Gastwirts: „Heiraten, sonst gehen se da kaputt“.

Mit dem Mut der Verzweiflung habe er sich in den Schuldienst eingearbeitet und sich schrecklich einsam gefühlt, schildert Söhle in dem Buch.

Verhungert ist er in Ochtmannien nicht. Er schreibt, dass die Bauern ihn bei den Schlachtfesten schier mästeten, er habe so viele Würste gehabt wie ein Metzgerladen. Aber die Langeweile drückte ihn: „Ach, lange zog sich so ein Schultag hin“, schreibt er. Einer angeordneten Schulrevision in Ochtmannien sah er mit Grauen entgegen.

Ans Heiraten dachte er zu der Zeit noch nicht, auch wenn ihm die vielen hübschen Töchter in Ochtmannien und umzu ans Herz gelegt wurden.

Die Namen, die er im Roman nennt, sind treffend zur Gegend. Das Gasthaus „Puvogel“ war wohl damals eine Art zweites Zuhause nach dem Schulunterricht.

Abneigung gegen den Lehrerberuf

Die Zeit in Ochtmannien soll, so heißt es später über Söhle, prägend für ihn und seine Abneigung gegen den Lehrerberuf gewesen sein. Die weltberühmte Beethoven-Sinfonie in Es-Dur „Eroica“, die er in Bremen hörte, war am Ende für ihn die Antriebsfeder, sich mehr und mehr der Musik zu widmen, auch im Schulunterricht.

Er wurde schließlich als Lehrer von Ochtmannien nach Willingen (Hessen) beordert, dort hing er den Schuldienst an den Nagel. Irgendwann, nach rastlosen Jahren, schaffte er es vom Heidjungen zum anerkannten Schriftsteller.

Zu Söhles Werken gehört das Buch „Eroica“, über das in den Heimatblättern der Kreiszeitung zu lesen war: „Was der Schriftsteller über seinen Besuch der ,Eroica‘ in Bremen geschrieben hat, gehört zu seinen besten dichterischen Erzeugnissen, vielleicht auch zu den besten, die je über die ,Eroica‘ geschrieben wurden.“ Erzählungen aus Söhles Feder sind unter anderem Ludwig van Beethoven und Mozart gewidmet.

War er nach eigenen Worten als Lehrer ungeeignet, so ist ihm dennoch in Hankensbüttel (Landkreis Gifhorn), wo er in jungen Jahren daheim war, eine Schule gewidmet: die Grundschule Karl-Söhle-Schule. Auch Straßen in Norddeutschland sind nach ihm benannt worden. Und in Hankensbüttel, seinem, wie er schreibt, Jugendparadies, wurde eine Büste aufgestellt, die ein Dresdener Künstler geschaffen hat. In Ochtmannien hingegen dürfte sein dortiges Wirken den meisten Menschen bisher unbekannt sein.

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