16 junge Weißrussen erholen sich in Wöpse / Tschernobyl-Folgen noch spürbar

Eine Auszeit für die Kinder des „vergessenen Landes“

+
Die 16 Kinder genießen zusammen mit ihren Betreuerinnen Oxana Pasukowaz (Zweite von rechts), Irina Repina (rechts) sowie Renate Paul die gute Luft in Wöpse.

Wöpse - Von Mareike Hahn. Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl (Ukraine) ist 29 Jahre her – aber bis heute kommen nach Schätzungen von Ärzten nur 15 bis 20 Prozent der Babys in der am schlimmsten vom Gau betroffenen Region Gomel gesund zur Welt. Schilddrüsenkrebs, Leukämie und andere onkologische Erkrankungen sind im weißrussischen Grenzgebiet ebenso wie Missbildungen weit verbreitet. Der Kirchenkreis Syke-Hoya bietet seit 1991 jedes Jahr einigen Mädchen und Jungen die Möglichkeit, sich in Deutschland von ihrem Alltag zu erholen. Seit Mittwoch ist es wieder soweit: 16 junge Gäste aus Gomel verbringen vier Wochen im Jugendlandheim Wöpse.

In ihrer Heimat essen die Menschen verseuchte Lebensmittel, sie werden täglich mit Krankheiten, Kummer und Tod konfrontiert. Viele Kinder sind selbst erkrankt oder leiden unter einem schwachen Immunsystem, einige haben einen Elternteil oder andere Familienangehörige verloren. Umso mehr freut sich Renate Paul, die die Aktion mit einem Team des Kirchenkreises organisiert, den Besuchern eine sorglose Zeit und viele Aktivitäten bieten zu können.

„Die Kinder leben in Weißrussland ganz anders als deutsche Kinder. Die wirtschaftliche Lage ist schlecht, viele Familien müssen selbst Gemüse anbauen, weil sie sich das Essen aus dem Supermarkt nicht leisten können. Aber die Böden sind noch vom Gau belastet“, erklärt die Hoyaerin. „Hier sollen die Kinder vier Wochen lang alles bekommen, was sie brauchen. Sie stärken ihr Immunsystem und erleben ein echtes Highlight. Und sie können einfach mal fröhlich sein.“

Paul reist selbst seit Jahren regelmäßig nach Gomel, führt vor Ort Gespräche mit Beteiligten der „Tschernobyl-Aktion“ und mit der Visa-Stelle. Trotzdem erlebt sie immer wieder Dinge, die sie nicht für möglich gehalten hätte. Kopfschüttelnd hört sie zu, als ihr die weißrussischen Betreuerinnen Oxana Pasukowaz und Irina Repina gestern erzählen, wie sie vor der Reise mit einem Bus voller Kinder zur Visa-Stelle in die Hauptstadt Minsk reisten – und wie dort ein Mädchen nicht den für das Visum vorgeschriebenen Fingerabdruck abgeben durfte, weil es just an dem Tag Geburtstag hatte. „Das verstehe ich nicht. Das werde ich beim nächsten Mal ansprechen“, sagt Paul.

Weißrussland sei zwar ein „wunderschönes Land mit sehr herzlichen Menschen“, aber es gebe dort viele Probleme. Mitten in einem sozialen Brennpunkt befinde sich die „Schule Nummer sieben“, die die neun- bis 13-jährigen Gäste aus Gomel besuchen. Jedes Jahr wollten mehr Eltern ihre Kinder nach Deutschland schicken, als es Plätze gebe – die Schule entscheide dann nach „sozialen und medizinischen Aspekten“, wer mitfliegen darf.

„Die frische Luft

ist toll“

Renate Paul sowie die beiden Lehrerinnen Oxana Pasukowaz und Irina Repina freuen sich über das Vertrauen, das ihnen die Erziehungsberechtigten entgegenbringen – immerhin lerne man sich erst bei einem Elternabend im Vorfeld der Reise kennen. „Einige Eltern hoffen, dass die Reise dazu beiträgt, ihre Heimat zu verändern. Sie sagen: ,Weißrussland ist ein vergessenes Land‘“, erzählt Paul. „Bei uns lernen die Kinder, dass eine Welt existiert, in der die Menschen selbstbestimmt leben und in der es eine Meinungs- und Pressefreiheit anstelle von totaler Überwachung gibt.“ In Gesprächen versuche sie, die Mädchen und Jungen über die Unterschiede aufzuklären.

Doch vor allem stehen in den nächsten Wochen – dank zahlreicher ehrenamtlicher Helfer – viele Unternehmungen auf dem Programm. So besuchen die Weißrussen den Anglerverein Schweringen, den Brokser Heiratsmarkt sowie das Jugendzentrum in Hoya, wo sie sich mit deutschen Jugendlichen unterhalten können. Der Lions Club fährt mit den Kids in den Magic Park Verden, außerdem gehen diese ins Kino und kegeln. Ein Begrüßungsgottesdienst und eine Tour zum Serengeti-Park Hodenhagen sind geplant, genauso wie ein Abstecher ins Rathaus Bruchhausen-Vilsen zu Samtgemeindebürgermeister Bernd Bormann: „Die Kinder kennen das nicht, dass ein Bürgermeister mit ihnen spricht“, sagt Renate Paul. Oxana Pasukowaz und Irina Repina sprechen gut Deutsch und übernehmen das Dolmetschen.

Am 26. August sollen sich die Kinder dann mit vielen neuen Eindrücken auf den Heimweg machen. Ein paar haben sie bereits gesammelt: „Die frische Luft ist toll“, sagt Alexander. Aljona freut sich, in Deutschland zu sein, weil sie in der Schule Deutsch lernt. Auch Denis ist begeistert: „Mir gefällt alles hier.“

Mehr zum Thema:

Saarländer wählen neuen Landtag - Reicht es für Rot-Rot?

Saarländer wählen neuen Landtag - Reicht es für Rot-Rot?

Ferrari-Star Vettel triumphiert beim WM-Auftakt

Ferrari-Star Vettel triumphiert beim WM-Auftakt

London: Fast alle Festgenommenen wieder frei

London: Fast alle Festgenommenen wieder frei

Werk-Kunst Ausstellung im Verdener Rathaus

Werk-Kunst Ausstellung im Verdener Rathaus

Meistgelesene Artikel

Hochkarätige Akteure prügeln sich im Dreyer Sportcenter Dassbeck

Hochkarätige Akteure prügeln sich im Dreyer Sportcenter Dassbeck

Palliativstützpunkt: Vorstand schließt Kassenprüfer aus

Palliativstützpunkt: Vorstand schließt Kassenprüfer aus

Sattelzug blockiert Lange Straße

Sattelzug blockiert Lange Straße

Problem Brandschutz: Barrier Grundschule muss auf größten Raum verzichten

Problem Brandschutz: Barrier Grundschule muss auf größten Raum verzichten

Kommentare