Jährliche Untersuchung soll zeigen, ob Sauenstall Keime verbreitet

Altenfelder lassen sich auf MRSA testen

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MRSA-Bakterien in einer Computer-gefärbten Darstellung.

Altenfelde - Von Mareike Hahn. In Altenfelde geht die Angst um. Angst vor multiresistenten Keimen. Die Befürchtung einiger Bürger: Der Sauenstall, den der heimische Landwirt Michael Eckebrecht am Arbster Weg bauen will, könnte ihre Gesundheit schädigen. „Wir sehen eine große Gefahr in MRSA-Keimen, die von Tierställen ausgehen können“, sagt Elke Hübner von der „Asendorfer Bürgerinitiative gegen Massen-Tierhaltung“. Weil sie und ihre Mitstreiter aber nicht einfach nur Panik verbreiten, sondern auf wissenschaftliche Erkenntnisse setzen wollen, nehmen sie an einer Studie der Bremer „Ärzteinitiative gegen Massentierhaltung“ teil.

Rund 20 Altenfelder, darunter auch Kinder und Jugendliche, lassen sich ab diesem Monat einmal jährlich testen – um festzustellen, ob sie mit einem Livestock-associated-MRSA-Keim belastet sind. Die Betonung liegt auf „Livestock associated“ (Nutztier-assoziiert), denn die Studie dreht sich explizit um die Keime, die bei Nutztieren verbreitet sind und von ihnen auf Menschen übertragen werden können. Es geht nicht um die sogenannten Krankenhauskeime.

Die Probanden wohnen allesamt in einem Umkreis von 1,5 Kilometern um die Stelle, an der der Stall – die Genehmigung vom Landkreis vorausgesetzt – stehen soll. Die Ärzteinitiative trägt die Kosten der Studie, sie nimmt Rachenabstriche bei den Teilnehmern und lässt sie von einem Labor in Heidelberg überprüfen.

Den Altenfeldern ist es nicht nur wichtig, ihren eigenen Gesundheitszustand im Blick zu haben, sondern gegebenenfalls auch juristische Konsequenzen ziehen zu können. „Wenn wir nach dem Stallbau plötzlich positiv getestet würden, würden wir den Stallbetreiber und den Landkreis gerichtlich zur Verantwortung ziehen“, sagt Hübner.

„Wir sehen uns als ideale Teilnehmer für die Studie“, ergänzt ihre Mitstreiterin Heide Strangmann. „Beim ersten Test im Februar existiert der Stall noch nicht, bei der Wiederholung im nächsten Jahr wahrscheinlich schon. Ein Zusammenhang zwischen Stall und Keimen wäre also leicht herzustellen.“

Viele Stunden haben sich Hübner und Strangmann bereits mit dem Thema befasst. „Die Keime aus Ställen werden über die Abluft transportiert und fliegen mehr als 1000 Meter weit“, sagt Hübner. Ferner würden die Keime mit der Gülle auf die Felder gebracht. „Man kann ihnen nicht entkommen. Sie setzen sich in den Boden, ins Grundwasser, auf Obst und Gemüse.“ Hübner zuckt mit den Schultern. „Ob man in Zukunft den Apfel aus dem Garten noch essen will?“

Die Tierärztliche Hochschule Hannover hat herausgefunden, dass 92 Prozent der Schweine aus konventioneller Haltung sowie 26 Prozent aus ökologischer Haltung von MRSA-Keimen besetzt sind. Sorge bereitet Strangmann, dass trotzdem in der Massentierhaltung neben herkömmlichen Antibiotika auch Reserveantibiotika verwendet werden, die eigentlich für Infektionen mit resistenten Erregern vorgesehen sind. Sie sieht den Gesetzgeber in der Pflicht: „Er muss Reserveantibiotika in der Tierhaltung verbieten. Das sind die letzten Antibiotika, die im Notfall noch gegen MRSA-Keime wirken können.“ Für den Fall, dass Reserveantibiotika ihre Wirkung verlieren und MRSA-Keime nicht mehr zu stoppen sind, zeichnet Strangmann ein Schreckensszenario: „Dann werden wir an kleinen Wunden oder Zahn-OPs sterben können.“

Ein Vorbild in diesem Bereich sei Dänemark: Der Staat verbiete Reserveantibiotika in der Tiermast. „Außerdem ist es Kindern und Jugendlichen dort untersagt, Mastställe zu besichtigen, weil das als gesundheitliches Risiko angesehen wird.“

Dank der Ärztestudie in Altenfelde werden es die Probanden erfahren, wenn sie MRSA-besetzt sind. „Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Operation und wissen das nicht“, sagt Strangmann. „Dann können Sie durch eine Entzündung ein großes Problem bekommen.“ Im Gegensatz zu Landwirten werde der Ottonormalverbraucher vor einer OP nicht auf den Keim getestet.

„Wenn ich weiß, dass ich MRSA-positiv bin, kann ich das im Krankenhaus angeben und den Keim von meiner Haut entfernen lassen, bevor ich operiert werde“, erklärt Strangmann. Auch wenn sie das beruhigend findet – ihre Angst, dass Eckebrechts Sauenstall in ihrer Heimat MRSA verbreiten könnte, schwindet dadurch nicht.

Die Ärztestudie:

Die Initiative „Ärzte gegen Massentierhaltung“ sieht in antibiotikaresistenten Keimen eine große Gefahr. „Viele tausend Todesfälle besonders von in ihrem Immunsystem geschwächten Patienten sind auf sie zurückzuführen“, steht auf der Webseite www.aerzte-gegen-massentierhaltung.de. „Ein Teil dieser Keime stammt nachweisbar und mit zunehmender Tendenz aus der Landwirtschaft.“ Die Initiative will Verbraucher und Patienten informieren, damit ihnen die Folgen der Massentierhaltung stärker bewusst werden.

MRSA:

Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA) ist eine Bakterienart, die gegen alle sogenannten Beta-Lactam-Antibiotika resistent ist, also gegen Antibiotika, die in ihrer Struktur auf Penicillin zurückgehen. Dazu kommt oft auch eine Resistenz gegen weitere Antibiotika.

Je häufiger Antibiotika verabreicht werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich MRSA-Keime vermehren und verbreiten und eben diese Antibiotika wirkungslos machen.

Laut Bundesgesundheitsministerium sterben jährlich bis zu 15000 Deutsche, weil sie sich mit antibiotikaresistenten Keimen infiziert haben; einige Experten gehen von wesentlich höheren Zahlen aus. In den meisten Fällen handelt es sich allerdings nicht um Keime aus der Tierhaltung: Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung sind bisher „weniger als fünf Prozent aller nachgewiesenen und typisierten MRSA“ vom Typ „Livestock associated“.

Jeder Dritte Deutsche trägt MRSA auf der Haut oder in der Nase. Zum Problem kann das werden, wenn der Keim ins Körperinnere gelangt und sich dort explosionsartig vermehrt.

Das sagt der Landwirt:

Horst Eckebrecht, Vater des Bauantragstellers Michael Eckebrecht und ebenfalls Landwirt, steht der Ärztestudie in Altenfelde positiv gegenüber. Für ihn liegt das Hauptproblem in den Krankenhauskeimen: „Nur 1,7 Prozent der MRSA-Keime stammen aus der Tierhaltung, 98 aus der Humanmedizin“, sagt er. „Aber das Feindbild Landwirt muss ja erhalten bleiben.“

Obwohl er seit mehr als 40 Jahren jeden Tag in einem Schweinestall arbeite und direkten Kontakt zu den Tieren habe, sei er MRSA-negativ: „Ich habe das im Krankenhaus testen lassen. Auch meine Frau hat den Keim nicht.“

Es sei nicht nachvollziehbar, dass Krankenhäuser ihre Patienten nicht ausreichend vor MRSA-Keimen schützen. Landwirte riegelten ihre Ställe hermetisch ab und überwachten die Medikation der Tiere genau.

Bereits im August vergangenen Jahres hatte Horst Eckebrecht betont, dass der neue Stall – wie gesetzlich vorgeschrieben – eine Abluftreinigungsanlage haben werde. Das Gebäude werde mit moderner Technik ausgestattet. „Bei den Nachbarn kommen laut Gutachten so gut wie keine Emissionen an.“

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