Intellekt und Blödsinn

Sibylle Hellmann und Thomas Denker betrachten das Werk Kurt Tucholskys

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Sibylle Hellmann und Thomas Denker stellten in der voll besetzten „Scheune“ das Werk Kurt Tucholskys auf den Prüfstand. 

Bruchhausen-Vilsen - Von Ulf Kaack. Den Beweis anzutreten, dass seine lyrisch geprägten Hinterlassenschaften in nahezu zehn Jahrzehnten nicht an Präsenz und Aktualität eingebüßt haben, war die Mission von Sibylle Hellmann und Thomas Denker. Sie stellten das Werk Kurt Tucholskys auf den Prüfstand, was auf großes Interesse stieß:

Das Kulturcafé „Die Scheune“ war am Samstag bis auf den letzten Platz gefüllt. Eingeladen zu der literarischen Betrachtung vor humoristischem Hintergrund hatte die Volkshochschule des Landkreises.

Ins Zentrum stellte das Duo Tucholskys Werk und Wirken während der 1920er-Jahre in Berlin. Nicht seine journalistischen Arbeiten fokussierten sie dabei, auch nicht seine politischen und gesellschaftskritischen Sichtweisen. Man erfuhr Biografisches, vor allem aber die ausgeprägte humoristische Seite des berühmten Schriftstellers. „Sein Witz und sein Spott reichten vom Subtilen bis zum Derben, vom Beschaulichen und Gemütlichen bis zum Frivolen und Gehässigen“, erklärte Sibylle Hellmann einleitend.

Es war eine Melange aus Schauspiel und Vortrag, aus Chanson und Gedichten, die unterhaltsam über das Publikum hereinbrach. Hellmann und Denker hatten ihr Programm als „Die Trommel“ betitelt. Und das war keins für Anfänger. Man musste Tucholsky, der Kabarett dereinst als seine unglückliche Liebe bezeichnete, kennen und Bescheid wissen über die Epoche, die er aufgriff in seinen Texten, Gedichten, Essays und Liedern. Eine Zeit zwischen zwei Kriegen, zwischen Kaiserreich und NS-Diktatur. Geprägt von Depression und Inflation.

Ruchlosigkeit, die Lebenslust und die Energie

Dass er ein präziser Beobachter war, blitzte deutlich auf in den verbalen und musikalischen Rezitationen. Die Wirklichkeitsferne zwischen dem Glamour des hyperventilierenden Berlins und den Realitäten der Weimarer Republik: die angebliche Leichtigkeit der vermeintlich so goldenen Zwanziger, die Ruchlosigkeit, die Lebenslust und die Energie zwischen den Untergängen.

„Wenn wir das doch hätten, was uns, weil es nicht da ist, leise quält“, sang Sibylle Hellman mit großer Geste den Titel „Ideal und Wirklichkeit.“ „Man möchte immer eine große Lange, und dann bekommt man eine kleine Dicke – Ssälawih – !“ Im Kleinen brachte sie das Große auf den Punkt. Und siehe da, was Kurt Tucholsky 1929 formulierte, ist auf das Jetzt und Hier unschwer projizierbar.

Der Witz war dabei selten vordergründig, er musste sich erhört werden. Und er war nicht immer tiefsinnig, wie man eigentlich von dem großen Intellektuellen erwarten mag. „Wenn die Igel in der Abendstunde“ war eine solche Stilblüte. „Der blödsinnigste Text, den ich je gespielt habe“, sagte Thomas Denker mit dem Akkordeon vor dem Bauch ans Publikum gewandt. „Tucholsky hat ihn am Klavier innerhalb von zehn Minuten heruntergeschrieben, was wohl der eigentliche Witz an dem Stück ist.“

Was im Mainstream der Massenmedien längst untergegangen ist, rückten Sibylle Hellmann und Thomas Denker an diesem Abend für zwei Stunden zurück in den Vordergrund.

Es waren verzerrte Wirklichkeiten und kabarettistisch verpackte Momentaufnahmen aus fernen Zeiten. Hintergründig geistreich zumeist, bisweilen banaler Nonsens. Und das Duo führte den Beweis: Kurt Tucholsky ist aktuell anwendbar. Uneingeschränkt.

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