„Felix Shinder & Dengi Vpered“

Infernale Maßlosigkeit zwischen Zirkus und Hafenkneipe

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„Felix Shinder & Dengi Vpered“ wollen Spaß! Die typisch osteuropäische Schwermut hat in ihrer Show keinen Platz.

Martfeld-Hollen - Von Ulf Kaack. Man konnte sein Smartphone getrost im Normalmodus belassen, eventuelles Klingeln war eh nicht zu hören bei der wilden und lautstarken Performance, die „Felix Shinder & Dengi Vpered“ am Freitagabend in der „Kastanie“ in Hollen ablieferten.

Die Kulturplattform Martfeld präsentierte einen Konzertgenuss, der an Rasanz unschlagbar und außerdem zum ersten Mal überhaupt in deutschen Landen zu hören war. Maritimes, Folklore und jüdisches Lebensgefühl aus Odessa waren angekündigt. Musik aus dem kulturellen Schmelztiegel der kaum mehr als 200 Jahre alten Hafenmetropole am Schwarzen Meer. Songs aus dem Milieu. 

Und exakt das war es, was die siebenköpfige Band rüberbrachte. Eine wüst-krawallige und gleichsam sympathische Truppe, die sich – so der Eindruck aus Optik und Verhalten – aus Gauklern, Wegelagerern, abgehalfterten Matrosen und verarmtem Adel zusammenzusetzen schien.

Volldampf vom ersten Akkord an

Vom ersten Akkord an war Volldampf die Ansage und wurde unbeirrt bis zur letzten Zugabe durchgezogen. Befeuert wurde der musikalische Geschwindigkeitsrausch durch eine stoisch vor sich hin stampfende Rhythmik aus Bassgitarre und Schlagzeug, die frei von digitalem und perkussivem Firlefanz klarkam. Zugposaune und Klarinette trugen ihre Teile zu dieser infernalen Maßlosigkeit bei.

Sänger und Bandleader Felix Shinder führte trotz Sprachbarrieren humorvoll durchs Repertoire. Sein über weite Strecken chansonhafter Sprechgesang trug zur Dynamik des Vorgetragenen wesentlich bei. Ebenso die elektrifizierte Gitarre, die akustisch den Part des Banjos übernahm.

Was den Musikern scheinbar so einfach von der Hand ging, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als eine äußerst virtuose Darbietung. Präzise und anspruchsvolle Arrangements, im Detail fein nuanciert, zeugten von dem hohen Niveau, auf dem die Ukrainer agieren. Das durchgehend wahnwitzige Tempo verlangte von den Instrumentalisten außerdem eine hervorragende Kondition.

Von Vielschichtigkeit kaum zu überbieten

Es waren vor allem traditionelle Folksongs aus dem an Vielschichtigkeit kaum zu überbietenden osteuropäischen Kulturraum, die intoniert wurden. Unüberhörbar dabei der Einfluss von Klezmer. Zwischenzeitlich suchte das Ensemble einen Brückenschlag zu progressivem Jazz-Rock mit verhaltenen Reggae-Anleihen. Eine interessante Fusion, die eine Ausnahme im Repertoire blieb.

Ein bisschen Zirkus, ein wenig Hafenkneipe – atmosphärisch ließ das Konzert eine Menge Assoziationen zu. Die waren auch nötig, denn wohl kaum jemand im Saal wird die Texte verstanden haben. Ein guter Nährboden also, der Wahrnehmung freien Lauf zu lassen. Oder einfach nur furienhaft abzutanzen. Und davon wurde vom ersten Song an Gebrauch gemacht. Einmal mehr kam dem bis auf den letzten Hocker ausverkauften Saal seine Clubatmosphäre zugute: Eng und laut ging es zu, schweißtreibend und energiegeladen.

„Felix Shinder & Dengi Vpered“ in der Kastanie

Nein, die typisch osteuropäische Schwermut fand in der mitreißenden Show von „Felix Shinder & Dengi Vpered“ wahrlich keinen Platz. Es war ein Abend voll von temperamentvoller Anarchie und angewandter Lebenslust, der einmal mehr die glückliche Hand der Martfelder Kulturplattform bei ihrer Programmgestaltung unter Beweis stellte.

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