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Asendorfer Unternehmerin bietet Mitarbeitern ihrer ukrainischen Fabrik Schutz

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Von: Regine Suling-Williges

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Zwei Männer rahmen drei Frauen und ein Kind ein
Lena, Ludmila, Swetlana und der 14-jährige Nikita sind am Mittwoch in Asendorf angekommen. Begrüßt und untergebracht werden sie von Bürgermeister Gerd Brüning (links) und Waldemar Sokol. © Regine Suling-Williges

Asendorf – Manche von ihnen fliehen bereits das zweite Mal vor einem Krieg: Vor ein paar Jahren aus der Region Donezk im Donbass – und im vor kurzem entflammten Ukraine-Krieg dann noch einmal aus Kiew: Swetlana und ihr 14-jähriger Sohn Nikita sind am Mittwoch in Asendorf angekommen. Dass hinter Mutter und Sohn anstrengende Tage liegen, sieht man, wenn man in ihre blassen Gesichter blickt.

Sie waren mit Autos und Bussen in mehreren Etappen unterwegs, um bis zur polnischen Grenze zu gelangen. „Dort war die Autoschlange 13 Kilometer lang“, erzählt Swetlana. Sie legte zusammen mit ihrem Sohn die letzten Kilometer zu Fuß zurück und musste an der Grenze bei Minusgraden ausharren, bevor sie über Polen ins sichere Deutschland gelangen konnte.

Ähnlich ging es Natalia, ihrer vierjährigen Tochter Xenia und ihren Eltern. Auch sie sind jetzt in Asendorf untergekommen. Als der Fliegeralarm ausgelöst wurde, rafften sie gerade noch ein paar Habseligkeiten und Dokumente zusammen. Die Familie brachte sich in Sicherheit. Sie musste dabei zuschauen, wie ihr neues und gerade abbezahltes Haus kurz darauf zerbombt wurde. „Ich habe gesehen, dass das Haus weg ist, aber ich habe das noch nicht verstanden“, sagt die junge Frau, immer noch ungläubig. „Morgens bin ich noch zur Arbeit gegangen. Und am Nachmittag war Krieg“, schüttelt Natalia den Kopf.

Auch in die Wohnung ihrer Eltern schlug eine Rakete ein. Ihr 82-jähriger Vater Boris, ein ehemaliger Lehrer, gibt sich dennoch gefasst und zuversichtlich. Er wünscht sich, dass alles wieder so wird, wie es bis vor wenigen Wochen war – am besten zum 1. September. Denn dann beginnt unter normalen Umständen in der Ukraine wieder das nächste Schuljahr.

Für die Hilfsbereitschaft, die ihnen in Asendorf entgegenschlägt, sind die Flüchtlinge dankbar. Möglich machte das vor allem Waldemar Sokol. Selbst kam er vor 30 Jahren aus Kasachstan nach Deutschland. Seine ukrainische Frau betreibt zwei Brautmoden-Fabriken in der Ukraine und setzt jetzt alles daran, ihre Mitarbeiterinnen und deren Familien zu evakuieren und in Deutschland in Sicherheit zu bringen.

„Die Produktionsstätte in der Millionenstadt Charkiw ist zerstört. Wir hoffen, dass die Fabrik in Kiew noch heile ist“, erzählt Waldemar Sokol. Seine Frau ist gerade unterwegs, um weitere Mitarbeiterinnen und deren Angehörige von der polnisch-ukrainischen Grenze abzuholen. Neun Menschen hat das Paar bereits in Hannover untergebracht, zehn weitere in Asendorf.

Dort hilft Bürgermeister Gerd Brüning dabei, geeigneten Wohnraum aufzutun. Eine Familie, die namentlich nicht genannt werden möchte, stellte ihren Anbau sofort für Natalia und ihre Familie sowie eine weitere Frau mit Kind zur Verfügung. Die Frage, ob sie helfen würden, habe sich ihnen als Familie gar nicht gestellt, sagt der Asendorfer. Sondern nur, in welchem Umfang sie helfen können. „Plötzlich sitzt der Krieg auf der anderen Seite vom Küchentisch“, erklärt der junge Mann, dem das Schicksal der Flüchtlinge sichtlich nahegeht.

Diese freuen sich, dass sie hier untergekommen sind. „Ihre Ansprüche sind bei null. Sie wollen ihre Familien in Sicherheit wissen und sind dankbar, dass sie hier ruhig schlafen und keine Angst vor einem Fliegeralarm haben müssen“, sagt der Asendorfer, der im Garten das Trampolin aufbaut. Denn die neuen Kinder im Haus sollen die Möglichkeit haben, sich auszutoben: Für den zweijährigen Mischa, der mit seiner Mutter hier ist, und die vierjährige Xenia fällt langsam die Anspannung der Flucht ab. „Hier haben die beiden wieder angefangen zu lachen“, freuen sich Waldemar Sokol und Gerd Brüning.

Ihre Ehemänner haben die Frauen in der Ukraine zurücklassen müssen. „Das ist schwer“, sagt Swetlana. Auf Abruf müssten sie sich dort als Reservisten bereithalten.

Warum dieser Krieg sein muss? Auf diese Frage haben auch diese ukrainischen Flüchtlinge keine Antwort. Ganz gleich, ob russisch, ukrainisch oder auch kasachisch: „Das ist eine absurde Situation. Wir alle haben bis zum letzten Moment friedlich zusammengelebt“, sagt Ludmila, die mit ihrer Mutter Lena gerade in Asendorf angekommen ist. Umso größer das Unverständnis für den von Wladimir Putin initiierten Krieg gegen ihr Volk. Selbst als sie die ersten Schüsse hörten, konnten sie noch nicht glauben, was danach passieren würde, erzählen sie.

Ihnen ist die Flucht gelungen. Zugleich plagen sie aber Schuldgefühle, weil sie Teile ihrer Familie in der Ukraine zurücklassen mussten. „Sie sind rausgekommen, sie konnten aber anderen nicht helfen“, weiß Waldemar Sokol.

Dass die Welle der Hilfsbereitschaft nicht abreißt, begeistert den Asendorfer. Die Anmeldung bei der Samtgemeinde habe problemlos funktioniert. Bis die Menschen aber im deutschen Sozialsystem angekommen sein werden, dauere es acht bis zehn Wochen, weiß Sokol. Er sucht dringend nach einer ärztlichen Betreuung für die Flüchtlinge. Wer hier unterstützen möchte, kann sich bei ihm telefonisch unter 01525/6763199 melden.

Auch Bürgermeister Gerd Brüning ist weiterhin auf der Suche nach abgeschlossenen Wohnungen. Die seien entscheidend, damit die Menschen hier in Deutschland offiziell gemeldet werden könnten. Zudem gibt es erste Bestrebungen, den Kindern für die Dauer ihres Aufenthalts den Besuch von Kindergarten und Schule zu ermöglichen.

Etwa zehn bis zwölf Flüchtlinge werde er nach jetzigem Stand noch nach Deutschland holen, sagt Waldemar Sokol. Seine Frau und er sind von der ganzen Situation betroffen, auch abseits der prekären Situation um ihr Unternehmen: „Meine Frau hat zwei Schwestern in der Ukraine. Die sind eingekesselt und kommen nicht raus.“

Umso wichtiger ist ihm die Hilfe, die er für die Menschen leisten kann, die es aus der umkämpften Ukraine heraus geschafft haben: „Wir haben nicht erwartet, dass so eine große Hilfsbereitschaft da sein würde“, freut sich Waldemar Sokol.

Was die Frauen und Kinder hinter sich haben, die da in Asendorf gemeinsam am Tisch sitzen, kann man nur erahnen. Sie alle wollen zurück in ihre Heimat, wenn endlich Frieden ist. Zurück zu ihren Männern, zurück zu ihren Familien und zu allem, was ihnen lieb ist. „Und dann kommen Sie uns besuchen. Sie sind eingeladen“, spricht der ruhig und besonnen wirkende 82-jährige Boris der Reporterin eine Einladung in seine Heimat aus. „Dogovarilis?“, fragt Boris auf Russisch. „Dogovarilis – abgemacht.“

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