Lesung am 21. März

Doro Zachmann über ihren Sohn mit Down-Syndrom: „Ich dachte, dass mein Leben stehen bleibt“

+
Doro und Jonas Zachmann lesen in Martfeld-Hollen auf ihrem gemeinsamen Buch.

„Bin kein Star, bin ich“ ist ein Werk einer Mutter und ihres Sohnes, der seit der Geburt mit dem Down-Syndrom und einem schweren Herzfehler lebt. Als Autoren-Duo sind Doro und Jonas Zachmann aus Baden-Württemberg zu Gast in Martfeld-Hollen. Vorab gab Doro Zachmann der Kreiszeitung ein Interview.

Sie und Ihr Sohn stellen in Martfeld-Hollen das Buch „Bin kein Star, bin ich“ vor. Wie kam es zu dem Titel?

Das war bei einer Lesung in Chemnitz. Da hat ein Mann ein Buch bei uns gekauft und signieren lassen, klopfte Jonas kumpelhaft auf die Schulter und sagte: „Mensch Jonas, du bist ja jetzt ein richtiger Star.“ Jonas guckte total irritiert und sagte: „Nee, bin kein Star, bin ich.“

Wie sieht die Zusammenarbeit mit Ihrem Sohn aus?

Beim ersten Buch hat Jonas noch zu Hause gewohnt. Wir hatten zwei Nachmittage die Woche, das war Schreibzeit miteinander. Je nachdem, wie Jonas drauf war, hat er mir was diktiert, selbst handgeschrieben oder direkt in den Computer getippt. Manchmal war er ganz unmotiviert, dann habe ich das im Interviewstil gemacht. Wir konnten nicht nach Schema F arbeiten. Ich musste erspüren, was ihn gerade umtreibt, und das haben wir als Grundlage genommen, um darüber zu schreiben. Am Schluss habe ich versucht, aus den tausenden Puzzleteilen ein Buch zu gestalten.

Sie haben zudem weitere Bücher veröffentlicht. „Gott hat ihn gemacht, und der wird auch auf ihn aufpassen“ – so lautet eine Zeile der Beschreibung Ihres Taschenbuchs „Bin Knüller!“. Welche Rolle spielt der Glaube an Gott für Sie und Ihre Familie?

Eine sehr Große. Das merkt man in jedem Buch, auch Jonas schreibt über den Glauben. Er sagt Sätze wie: „Gott hat keinen Fehler gemacht, als ich Baby war.“ Es gibt uns Kraft, zu wissen, dass es kein Zufall war, dass Jonas ist, wie er ist.

Ihr Sohn ist mit dem Down-Syndrom und einem schweren Herzfehler zur Welt gekommen. Wussten Sie bereits vor der Geburt davon?

Nein. Ich kann nur sagen: Gott sei Dank. So musste ich mir gar keine Gedanken machen oder womöglich irgendwelche Entscheidungen treffen.

Wie sind Sie mit der Diagnose, oder vielmehr den Diagnosen umgegangen?

Das hat mich in ein tierisches Loch gestürzt. Ich war 25 Jahre alt damals und habe gedacht, nur ältere Frauen kriegen behinderte Kinder. Ich dachte, dass an dem Punkt mein Leben stehen bleibt, dass ich nie wieder unbeschwert, fröhlich, glücklich und leichtfüßig daherkomme. Ich habe im Laufe der Zeit, gerade durch Jonas, erleben dürfen, dass dieses Kind, von dem ich dachte, es behindert mein Leben, mir in vielerlei Hinsicht zum Türöffner geworden ist. Ich habe eine ganz große Horizonterweiterung erlebt, auch beruflich. Über ihn ist das erste Buch entstanden. Jonas ist eine Bereicherung. Er ist mein Motor, damit nach außen zu gehen.

Ihre Zwillingstöchter sind rund ein Jahr vor Jonas geboren. Wie haben Sie das alles gestemmt?

Mein Mann hat mich unterstützt, wo er konnte. Aber er war voll berufstätig. Es war schon sehr grenzwertig, ich war viel am Ende meiner Kräfte. Meine Eltern kamen auch immer mal wieder, um uns zu unterstützen. Doch sie haben 200 Kilometer weit weg gewohnt.

Inwiefern wirkt sich das Down-Syndrom körperlich aus?

Jonas ist natürlich in einigen Sachen sehr eingeschränkt. Er kann motorisch alles. Aber es ist oft eine Willenssache. Es fängt mit Kleinigkeiten wie dem Zähneputzen an. Er ist körperlich in der Lage, das zu machen. Die Frage ist immer: Ist er auch motiviert? Jonas ist in allem viel langsamer gewesen, beispielsweise beim Laufenlernen. Wir sind glücklich, dass er sich so entwickelt hat und relativ selbstständig leben kann.

Wann ist Jonas flügge geworden?

Step by step. Ausgezogen ist er mit 19 Jahren in eine betreute Wohngemeinschaft. Das war ihm deshalb so wichtig, weil er das bei seinen drei großen Schwestern beobachtet hat. Er hat sich mit 17 Jahren breitbeinig vor mir aufgestellt und gesagt: „Mama, wenn mein Schule fertig ist, gehe ich raus!“ Da habe ich erst mal dreimal geschluckt. Zwei Jahre später war es dann so weit. Da habe ich gemerkt, dass mein Mutterherz schwerer loslassen kann als bei den Mädels.

Aus welchem Grund?

Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass Jonas das alles so hinkriegt. Aber er war nicht losgelassen in den luftleeren Raum, er hatte von Anfang an Unterstützung und uns an seiner Seite. Und: Es klappt gut.

Wie weit weg wohnt Jonas?

Als er ausgezogen ist, waren es vier Kilometer in den Nachbarort. Jetzt lebt er seit vier Jahren in Karlsruhe, also rund 20 Kilometer entfernt. Er macht alles selbstständig, wie beispielsweise Bus und Bahn fahren.

In dem Buch geht es auch um die Sehnsucht nach einer Partnerin – hat Ihr Sohn eine Freundin?

Wenn Sie ihn fragen würden, würde er felsenfest mit Ja antworten. Aber das findet in seinem Kopf statt. Er hat eine Arbeitskollegin, in die er sich verguckt hat. Für ihn ist das seine Freundin. Der Wunsch ist nach wie vor sehr stark, aber da hat sich nie wirklich was getan. Wir wünschen ihm das natürlich von Herzen.

Was müsste das für eine Frau sein?

In seiner Vorstellung darf sie natürlich überhaupt keine Behinderung haben, schließlich hat er schon eine. Er hätte gerne eine „perfekte Frau“, und genau bei denen hat er keine Chancen.

Ist es so, dass in seinem Kopf mehr vorgeht, als in der Realität tatsächlich ist?

Jonas hat wirklich Fantasien und Parallelwelten, da steigen wir alle nicht wirklich durch. In der Pubertät hat er drei Jahre am Stück behauptet, wir wären nicht seine richtige Familie, die lebt eigentlich in Frankreich. Er hat sich aus Filmen Figuren zusammengebastelt. Er schaut viele Filme wie Hannah Montana. Und die lebt ja auch ein Doppelleben. Da habe ich irgendwann kapiert, dass er deren Leben nachahmt.

Ist das dem Down- Syndrom geschuldet?

Ich denke schon. Jonas führt schon immer Selbstgespräche, beziehungsweise welche mit einem imaginären Freund. Der heißt Patrick. Mit dem bespricht er alles.

Folgt ein weiteres Werk von Ihnen und Ihrem Sohn?

Grundsätzlich schon. Konkret schreiben wir derzeit aber nicht an einem Buch.

Was können die Besucher in Martfeld erwarten?

Es gibt eine Bilderschau zwischendurch, Dialoge und wir lesen abwechselnd Texte aus unserem Buch. Es gibt viel zu lachen, es ist sehr kurzweilig, aber auch nachdenklich. Es wird nicht langweilig.

Das Interview führte Vivian Krause.

Weitere Infos zur Autorin gibt es unter:

www.doro-zachmann.de

Die Lesung:

Doro Zachmann und ihr Sohn Jonas lesen am Donnerstag, 21. März, in der „Kastanie“ in Martfeld-Hollen (Hausnummer 30) aus ihrem Buch „Bin kein Star, bin ich“. Los geht die Veranstaltung um 18.30 Uhr. Organisiert wird sie von der Stiftung Lebenshilfe Syke anlässlich des Welt-Down-Syndrom-Tags. „Ich habe die beiden auf einem Event erlebt, war begeistert und wollte sie gern in unsere Region holen“, sagt Organisatorin Anja Schulz von der Lebenshilfe Syke. 

Der Eintritt kostet zwölf Euro, ermäßigt acht Euro. Tickets gibt es in der Geschäftsstelle der Lebenshilfe Syke (Hauptstraße 5 in Syke), in der Leserei Buchhandlung (Lange Straße 14 in Hoya) sowie an der Abendkasse. Im Preis enthalten sind ein Begrüßungsgetränk sowie ein Pausensnack.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Finaltag des Württemberg-Cup 2019

Finaltag des Württemberg-Cup 2019

Queen ernennt Boris Johnson zum Premierminister

Queen ernennt Boris Johnson zum Premierminister

Diese Vorzüge zeigt der Opel Zafira Life in der Praxis

Diese Vorzüge zeigt der Opel Zafira Life in der Praxis

Unrechtmäßig Geld abgebucht? So wehren sich Verbraucher

Unrechtmäßig Geld abgebucht? So wehren sich Verbraucher

Meistgelesene Artikel

NDR-Sommertour am Samstag: Weyhe steht vor großer Stadtwette

NDR-Sommertour am Samstag: Weyhe steht vor großer Stadtwette

Kirchweyhe wird zum Mühlendorf: NDR gibt Stadtwette bekannt

Kirchweyhe wird zum Mühlendorf: NDR gibt Stadtwette bekannt

Laster-Unfall in Stuhr: 21-Jähriger legt Sattelzug auf die Seite

Laster-Unfall in Stuhr: 21-Jähriger legt Sattelzug auf die Seite

Ralf Siemers ist neuer König in Twistringen

Ralf Siemers ist neuer König in Twistringen

Kommentare