Heinz Ratz von der systemkritischen Band „Strom & Wasser“ im Gespräch / Konzert in Hollen

Der moralische Denker

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Heinz Ratz tritt am Donnerstag mit seiner Band „Strom & Wasser“ in Hollen auf. Tickets gibt‘s für zwölf Euro im Vorverkauf bei der Kastanie, Telefon 04255/1594, sowie für 15 Euro an der Abendkasse.

Hollen - Von Ulf Kaack. Mit „Strom & Wasser“ gastiert am Donnerstag, 18. Februar, um 20 Uhr ein außergewöhnliches Ensemble im Theaterrestaurant Kastanie in Martfeld (Hollen 30). Es gilt als musikalisch extrem stilübergreifend, vielschichtig und systemkritisch. Wir sprachen mit Songschreiber, Sänger und Bassist Heinz Ratz aus Lutterbek in Schleswig-Holstein, dem kreativen Kopf der Band:

„Strom & Wasser“ existiert seit 14 Jahren. Verbirgt sich dahinter eine feste Band oder ist es ein Projekt von Heinz Ratz mit wechselnder musikalischer Besetzung?

Das ist irgendwie so ein Zwischending, das von mir gesteuert wird. Viele Musiker sind bereits seit vielen Jahren mit Leidenschaft dabei. In der Band ist dabei jede Instrumentierung doppelt besetzt. Und das hat ganz einfache Gründe: Wir spielen im Jahr eine ganze Reihe von Konzerten politischen Inhalts, die in der Regel wenig Gage abwerfen. Ein Profi-Musiker kann davon allein nicht leben.

Bekannt ist die Band für ihre wilde Vielfalt aus Ska, Punk, Polka, Walzer und Rock. Das kürzlich erschienene Album trägt den Titel „Reykjavik“ und wurde zum Teil mit isländischen Musikern eingespielt. Sind nun live eher nordisch-sanfte Töne zu erwarten?

Was das Konzert in Martfeld angeht, ist das nicht der Fall. Wir spielen unser gewohnt dynamisches „Strom & Wasser“-Programm. Es werden sicher ein paar Titel aus dem aktuellen Album zu hören sein. Für die – für mich überraschend poetische – „Reykjavik“-Produktion gibt es eine eigene Tournee, bei der dann auch die isländischen Sänger und Instrumentalisten mit von der Partie sind.

Handelt es sich um Eigenkompositionen oder traditionelle Songs aus Island?

„Strom & Wasser“ spielen grundsätzlich Eigenkompositionen, es sei denn, wir interpretieren bestehende Stücke auf satirische Weise. Ich halte nichts davon, Dinge zu kopieren, die andere bereits gut gemacht haben.

„Reykjavik“ ist der Beginn eines auf zehn Jahre angelegten Projekts. Was verbirgt sich langfristig dahinter?

Wir wollen den kulturellen Reichtum Europas abbilden, fernab von Geld, Kommerz und politischer Einflussnahme von außen. Dabei geht es keinesfalls um einen folkloristischen Ansatz. Im Gegenteil: Wir saugen die experimentellen Veranlagungen der Musiker aus den jeweiligen Regionen auf, vermischen und erweitern sie. Unsere nächsten Stationen werden das baskische Bilbao, Tirana in Albanien und das russische St. Petersburg sein, die Orte werden sich in der Produktion eines Albums wiederfinden.

Sie haben sich in der Vergangenheit mit großem Engagement und auf verschiedenen Feldern mit der Flüchtlingssituation auseinandergesetzt – künstlerisch und als Aktivist. Die Lage hat sich erschreckend dramatisiert. Warum wenden Sie sich aktuell Europa zu?

Die Lage der Flüchtenden war vorher schon dramatisch, nur hat es keiner gewusst oder wissen wollen. Heute ist das Thema omnipräsent, Staat und Gesellschaft sind zum Handeln gezwungen. Auf diesen Zug will ich nicht mehr aufspringen. Heute kann niemand mehr behaupten, er habe nichts gewusst. Seinerzeit haben wir mit „Strom & Wasser“ von Menschen berichtet, die in völliger Perspektivlosigkeit in den Aufnahmelagern vor sich hin vegetierten. Wir haben gemeinsam mit den Refugees musiziert und konnten erreichen, dass von ihnen kein einziger abgeschoben wurde. Ein ganz pragmatischer Erfolg.

Sie gelten als Freidenker und dem teutonischen Bürgertum wenig zugetan. Hat Sie die Verleihung der Integrationsmedaille durch die Bundesregierung trotzdem stolz gemacht?

Überhaupt nicht, im Gegenteil. Die Annahme der Auszeichnung war ein merkwürdiger Schulterschluss mit der Regierung, die ich permanent für ihr Handeln kritisiere. Ich habe die Medaille letztendlich aus strategischen Erwägungen angenommen. Ausgestattet mit dieser Reputation konnte ich einerseits Flüchtlinge schützen, andererseits Türen öffnen, die mir bislang verschlossen waren. Außerdem konnte ich mir damit die bürgerliche Mitte erschließen, mir Aufmerksamkeit verschaffen, wo bislang niemand zuhörte.

Sehen Sie sich als eine moralische Instanz?

Das ist eine Frage der moralischen Denke und vor allem der Bekanntheit. Mit einigen Projekten hatte ich in der öffentlichen Wahrnehmung viel Erfolg, andere wurden kaum zur Kenntnis genommen. Natürlich ist es für mich wichtig, mit meinen Anliegen in die Köpfe der Menschen zu gelangen. Wird man dann als moralische Instanz tituliert, ist das okay aber letztendlich auch egal. Es geht um die Sache, nicht um Titel oder Orden.

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