Heinz-Dieter Freese hat das Römerlager südlich von Hannover entdeckt

Mit Martfelds Pastor haben die Legionäre nicht gerechnet

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Zu seinen Flügen über Niedersachsen startet der ehrenamtliche Archäologe Heinz-Dieter Freese, Pastor in Martfeld, zusammen mit Privatpiloten auf dem Flugplatz in Holzbalge (Kreis Nienburg).

Martfeld/Wilkenburg - Von Horst Friedrichs. Fröstelnd harren die römischen Legionäre in ihrem Feldlager aus. Der Norden Germaniens ist kalt und unbekannt, die Bewohner sind feindselig. So viel weiß man von ersten blutigen Begegnungen. Die hünenhaften Kerle in ihren zottigen Bärenfellen kennen keinen Respekt vor der Kriegsmaschinerie Roms. Tagelang haben sie sich nicht mehr blicken lassen. Aber sie sind da, nur eine Meile entfernt, im düsteren Dickicht des Walds, und sie werden dann angreifen, wenn sie die Eindringlinge aus dem fernen Rom am nachlässigsten wähnen. „Seid wachsam“, hat der Centurio seinen Männern deshalb eingeschärft. „Lasst keinen Lidschlag in Unaufmerksamkeit vergehen.“

Die Römer werden die Nacht in voller Kriegsmontur verbringen, und sie wissen schon jetzt, dass sie kein Auge zubekommen werden. Was sie nicht wissen, ist, ob sie den Sonnenaufgang im finsteren Nordland überhaupt noch erleben werden. Denn die Germanen hier in Saxonia sind harte und unnachgiebige Kämpfer, die ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben in die Schlacht ziehen.

Am allerwenigsten aber wissen die römischen Legionäre, die bis zur Elbe vordringen wollen, dass sie Spuren hinterlassen, die noch zwei Jahrtausende später sichtbar sein werden. Und jenseits allen Vorstellungsvermögens dürfte es für die todesmutigen Römer gewesen sein, dass ihre Spuren von einem Pastor christlichen Glaubens identifiziert werden könnten, der sich im 21. Jahrhundert nach Christi Geburt mit einem Fluggerät himmelwärts erhebt, ohne dass die künstlichen Flügel in der Sonne schmelzen.

Genau so ist es geschehen. Der in Martfeld amtierende Theologe und ehrenamtliche Luftbildarchäologe hat jene Linien in der Feldmark erkannt, die noch nach 2000 Jahren verraten, wo römische Legionen während ihres Vorstoßes Richtung Elbe ihr Lager aufgeschlagen und gesichert haben. Heinz-Dieter Freese ist dieser Mann, von dessen Wirken sich die Legionäre nichts hätten träumen lassen, als sie irgendwann vor oder nach dem Geburtsjahr von Jesus in der norddeutschen Tiefebene Gräben aushoben, um ihr Lager zu sichern. Mitte Oktober 2015 wurde in der Region Hannover das erste in Norddeutschland entdeckte und ergrabene römische Marschlager bestätigt.

„Die runden Ecken sind ausschlaggebend“, sagt Pastor Freese, während er in seinem Haus in Martfeld Luftbild um Luftbild aus den Tiefen seines Computer-Archivs auf den Bildschirm holt. Ohne seine fachkundigen Erklärungen bliebe der Laie ratlos, denn zu sehen ist meist nur grünes und weniger grünes Land mit Linien, die von Traktoren oder anderen landwirtschaftlichen Maschinen stammen. Doch dann die frappierende Erkenntnis: „Sehen Sie da.“ Freese zeigt auf ein riesiges Rechteck in Spielkartenform – mit den entscheidenden abgerundeten Ecken. Entgegen aller neuzeitlich-symmetrischen Furchenführung zeichnet sich das Spielkartenrechteck schräg im Gelände ab und sieht deutlich blasser aus als die modernen Linien.

Die runden Ecken brachten Heinz-Dieter Freese auf die Spur des Römerlagers. Das war vor einem Jahr, nachdem er in Aachen gerade den „Deutschen Preis für Denkmalschutz“ vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz erhalten hatte. Freese studierte alte Luftbilder, darunter Aufnahmen, die der Luftbildarchäologe Otto Braasch 1992 von einer Ackerfläche bei Wilkenburg gemacht hatte, einem Ortsteil der Stadt Hemmingen südlich von Hannover. Der Martfelder Pastor zog seine eigenen Luftbilder von der betreffenden Ackerfläche zum Vergleich hinzu und gelangte so zu der Erkenntnis, dass es sich dort, in Sichtweite der Hannover-Messe, am Westufer der Leine, tatsächlich um Gräben römischen Ursprungs handeln musste.

Mit 15 Jahren schon als

Grabungshelfer aktiv

„Römische Heeresgruppen hielten auf ihren Märschen eine feste Ordnung ein“, erläutert Heinz-Dieter Freese. „Übernachtet wurde in gesicherten Lagern, um die Gräben in Form von Spielkarten gezogen wurden. Die Ecken dieser Graben-Gevierte waren auf so eindeutige Weise abgerundet, wie es sie nach den Römern nie wieder geben sollte. Außerdem gab es in so einem Standard-Marschlager der römischen Soldaten zwei Hauptstraßen mit den dazugehörigen Toren an beiden Längsseiten.“ Das Römerlager bei Wilkenburg wies laut Mitteilung des niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege Kantenlängen von 500 bis 600 Metern auf.

„Jeder römische Soldat“, fährt Pastor Freese fort, „musste einen Meter Graben ausheben, bevor er sein persönliches Zelt aufbauen durfte. Solche Gräben zeigen sich auf Flächen mit Getreideanbau im Idealfall noch nach Hunderten von Jahren. Wenn ein Graben oder ein Loch ausgehoben und wieder zugeschüttet wird, ist die Bodenstruktur gestört. Darauf reagiert das Getreide mit Bewuchsunterschieden. In trockenen Sommern bleibt es an den betreffenden Stellen länger grün.“ Aus dem Gebiet des Römerlagers bei Wilkenburg gibt es bislang nur wenige Fundstücke; deshalb ist eine genaue zeitliche Einordnung noch nicht möglich.

Seit März dieses Jahres lebt und arbeitet der gebürtige Verdener Heinz-Dieter Freese in Martfeld. Schon als 15-Jähriger kam er als Grabungshelfer zur Urgeschichtlichen Arbeitsgemeinschaft des Landkreises Verden. Dort gelangte er zur Luftbildarchäologie, die er 1983, nach dem Ende seines Theologiestudiums, für den größten Teil Niedersachsens aufbaute. Maßgeblich unterstützt wurde er dabei von Privatpiloten, die er für seine ehrenamtliche Arbeit begeistern konnte.

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