Von Bruchhausen-Vilsen bis nach China

Durch den Wald am Heiligenberg: Förster spricht über umfangreiche Fällarbeiten

Der Wald verjüngt sich selbst: Förster Uwe Niedergesäss freut sich über die Mini-Tannen am Heiligenberg.
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Der Wald verjüngt sich selbst: Förster Uwe Niedergesäss freut sich über die Mini-Tannen am Heiligenberg.

Br.-Vilsen – Holz türmt sich an den Wegesrändern des Waldes am Heiligenberg. Förster Uwe Niedergesäss weiß, warum der Eingriff in die Natur so wichtig ist. 

Wenn Förster Uwe Niedergesäss durch den Wald am Heiligenberg spaziert, gibt es für ihn in jeder Ecke etwas Spannendes zu entdecken. In fast unsichtbaren Druckspuren am Boden sieht er den Pfad eines jungen Rehs, minimale Schäden an Tannenknospen zeigen ihm, dass es dem Wildtier zu schmecken scheint, und durch Markierungen an einigen der Bäume weiß er: Dort muss ein Waldbewohner hausen. Andere Symbole wiederum lassen den Förster darauf schließen, dass es sich um einen „Störer“, einen „befallenen“ oder einen „kranken“ Baum handelt, der beseitigt werden muss.

Die Entdeckungstour mit Uwe Niedergesäss fern ab von allen Spazierwegen, über moosige Flächen, durch dunkles Dickicht bis hin zu am Boden liegenden Riesen, offenbart viele Geheimnisse des Waldes und gibt Einblick in seine Tätigkeit als Förster.

Mit seinem Jeep fährt er über die erdigen Wege, beobachtet, wie der Wald sich entwickelt, woran es zu arbeiten gilt und was getan werden muss, damit sich die Natur in ihrer vollen Schönheit ausbreiten kann. Schon nach kurzer Zeit der erste Stopp: Am Wegesrand türmt sich das Holz, welches Uwe Niedergesäss mit seinem Team im Winter dem Wald entnehmen musste. Darunter viele 50 bis 60 Jahre alte Stämme. Die wertvollen Überbleibsel von Buchen und Eichen stapeln sich hier. Noch. Denn schon bald werden sie von Käufern abgeholt. Rund zehn Prozent treten noch eine weite Reise an. Sogar chinesische Händler sind interessiert am Holz vom Heiligenberg. „Sie bauen daraus beispielsweise Möbel, die dann wieder in die westlichen Länder zurückverkauft werden“, weiß der Förster.

Die Nachfrage ist enorm, besonders Buche sei aktuell der „Renner“. Und dafür seien Käufer auch bereit, einiges auszugeben. Rund 200 bis 300 Euro kostet ein Stamm. Aber das ist noch gar nichts im Vergleich zum wertvollen Rohstoff der Eiche. „Für diesen hier zahlt man bestimmt an die 2 000 Euro“, meint Uwe Niedergesäss und zeigt auf einen am Boden liegenden Riesen mit einem mächtigen Durchmesser.

Fast alles an gefälltem Gehölz ist bereits verkauft. Einen Hinweis darauf, wer sich die Schätze gesichert hat, gibt eine aufgesprühte Zahlen-Buchstaben-Kombination. „So weiß jeder, was ihm gehört.“ Bedenkt man, was für eine Summe sich aus dem Verkauf ergibt, stellt sich wohl die Frage, ob sich die zuständigen Landesforsten damit nicht eine goldene Nase verdienen würden. Uwe Niedergesäss schüttelt den Kopf, kaum, dass das gesprochene Wort zu Ende ist. „Das ist eher eine Null-Null-Rechnung, denn alle Einnahmen fließen zurück in den Wald. Wir sind mit der Waldwirtschaft nicht auf Gewinne aus, sondern wollen den Wald verbessern.“

Das geschäftige Treiben zwischen den zahlreichen Bäumen blieb nicht lange unbemerkt. Erboste Stimmen meldeten sich in den sozialen Netzwerken zu Wort. Dort heißt es beispielsweise: „Oft wird um jeden einzelnen Straßen- oder Obstbaum gestritten. Die hiesige Forst holt hier seit Jahren gesunde Bäume aus dem Wald. Ich schätze, in wenigen Jahren kann man vom Heiligenberg aus die Asendorfer Kirche sehen.“

Das Holz vom Heiligenberg wird nicht nur an regionale Unternehmen verkauft. Auch China zählt zu den Abnehmern und baut daraus beispielsweise Möbelstücke.

Den Förster bringen diese Aussagen nicht aus der Ruhe. „Es handelt sich am Heiligenberg um ganz normale Waldwirtschaft“, sagt er kurzerhand auf die Anschuldigungen. Und diesbezüglich würden die Landesforsten drei elementare Ziele verfolgen: Holzproduktion, Erholungs- und Naturschutzmöglichkeiten. Aber wie hilft es dem Wald, wenn gesunde Bäume gefällt werden? Um diese Frage zu klären, wirft er den Motor seines Jeeps an, und hält erst wieder, als das Auto am Rande eines dichten Tannenwaldes hält.

„Auf dieser Fläche wurden 1972 zahlreiche Tannen angepflanzt. Sie sind mittlerweile groß gewachsen und der Wald ist so dicht, dass kein Licht mehr hineinscheint. Ein Indiz dafür ist unter anderem das Moos auf dem Boden“, erläutert Uwe Niedergesäss. In sechs bis sieben Jahren müssten auch an dieser Stelle Bäume herausgenommen werden, sogenannte Störer. Nur so könne wieder Licht in den Wald fallen und neues Leben erschaffen werden. „Es muss eine dynamische Entwicklung geben und deswegen müssen eben auch gesunde Bäume herausgenommen werden.“ Förster wie Uwe Niedergesäss würden dabei immer dem Grundprinzip der Nachhaltigkeit folgen: Es wird nicht mehr geerntet als auch nachwachsen kann.

Zu wissen, welches Holz gefällt werden darf, welches gut und welches schlecht ist, das gehöre zur Kunst eines jeden Försters. Eine solche Entscheidung hänge mit großer Verantwortung zusammen und gerade deswegen müsse man, um Förster zu werden, auch viel lernen. Voraussetzung für den Beruf sind ein Studium sowie eine Zusatzausbildung. Auch Uwe Niedergesäss hat aktuell einen Lehrling, der ihm wie ein Schatten durch den Wald folgt, und an den er sein Wissen weitergeben will.

Bäume, deren Stämme von Efeu bewachsen sind, sowie Pflanzen, in denen sich ein Tier eingenistet hat, sind von den Fällarbeiten ausgenommen. „So einer zum Beispiel“, meint der Förster und zeigt auf ein Exemplar, welches mit einem blauen „H“ und einem orangenen Kreuz markiert ist. Kurze Zeit später hat er in rund sechs Metern Höhe auch schon die Höhle entdeckt. „Für mich sind Fällarbeiten nur eine gute Maßnahme, wenn sich der Wald dadurch weiterentwickeln kann und keinen Schaden nimmt“, verdeutlicht er sein Anliegen. All das versucht Uwe Niedergesäss seinem Lehrling zu vermitteln. So lange, bis dieser soweit ist, um sein Nachfolger zu werden.

Mit einem „H“ gekennzeichnet: Der Buchstabe weist auf eine Höhle in dem Baum hin.

Viel Zeit hat der seit 1985 zuständige Förster dafür nicht mehr. In zwei Jahren wird er voraussichtlich in Rente gehen. Ob Uwe Niedergesäss bis dahin die richtigen Entscheidungen getroffen hat und ob er nachhaltig am Heiligenberg gewirtschaftet hat, das werde regelmäßig von externen Experten kontrolliert werden. „Wenn wir es richtig machen, gewinnt der Wald durch die Herausnahme von einzelnen Bäumen sogar an Masse“, so der Förster. Außerdem bleibe auch einiges an Holz liegen, sogenanntes Totholz. Das werde der Natur überlassen. „Dort können sich dann Pilze und Insekten ansiedeln“, erläutert Uwe Niedergesäss.

Zudem würden Bäume nicht nur gefällt, sondern auch nachgepflanzt. An einigen Stellen des Waldes sei das auch bitter nötig, denn rund sechs Prozent der gesamten Fläche habe der Borkenkäfer für sich in Beschlag genommen. Der Schädling treibt vor allem mit den Fichten ein böses Spiel. Welches Ausmaß der Befall durch den Käfer annimmt, zeigt sich beim nächsten Stopp auf der Tour. Dort offenbart sich fast brachliegendes Land. Zahlreiche Bäume mussten gefällt werden, einige Exemplare liegen am Boden, und ihr Wurzelwerk ragt in die Höhe.

Hell ist es dort im Vergleich zum Rest des Waldes. Borkenkäfer und Sturm haben ganze Arbeit geleistet. Uwe Niedergesäss ist besorgt: „Der Käfer macht mir hier massiv Probleme, weswegen wir einige Bäume herausnehmen mussten. Da die Fichten dann jedoch einzeln standen und nicht mehr durch anderes Gehölz geschützt waren, riss sie der Sturm einfach um.“ Durch die eher breit gestreuten Wurzeln halten sie Sturmböen im Gegensatz zu Eichen, die tief wurzeln, nur wenig Stand. Doch der Förster hat einen Plan für die Schadfläche: „Wir wollen hier einen klimastabilen Mischwald aus Buche, Eiche und Nadelhölzern anpflanzen, um Sturm und Trockenheit gewachsen zu sein.“

Sturm und Borkenkäfer haben ganze Arbeit geleistet: Um diese Fläche am Heiligenberg ist der Förster besonders besorgt.

Zu seiner Freude verjünge sich die Natur jedoch auch selbst, was, angekommen beim nächsten Stopp, ganz deutlich zu sehen ist. Abseits des Spazierweges schießen mitten in einem Laubwald Hunderte Mini-Tannen in die Höhe. „Sehen Sie mal, hier sind tatsächlich vier Arten auf nur einem Quadratmeter vertreten“, sagt Uwe Niedergesäss und weist auf die kleinen Nadelhölzer am Boden. Diese würden sich alle dem Licht entgegenstrecken wollen. Um deren Wachstum nicht zu stoppen, müssten in den kommenden Jahren auch hier einige große Bäume weichen. Gerade solche „Verjüngungsgebiete“, wie sie im Fachjargon genannt werden, seien ideal für das Wild. „Dort finden sie beispielsweise Schutz, um ihr Kitz auf die Welt zu bringen.“

Ein Stückchen weiter entdeckt er sogar eine kleine Kuhle am Boden. „Dort hat unweit vom Spazierweg vor Kurzem erst ein Reh die Nacht verbracht“, weiß er die Spur zu deuten und zeigt auf einen Hufabdruck in der Erde. Ein weiteres Indiz seien die beschädigten Tannenknospen. „Die schmecken denen, noch lieber mögen sie aber junge Eichen. Die wissen eben, was gut ist“, meint er. Doch in seinem Ton schwingt eine Spur von Ärgernis mit. Das Anpflanzen von Eichen ist im Vergleich zu dem von Nadelhölzern nämlich ein sehr kostspieliges Unterfangen.

Nach der Entdeckungstour mit Uwe Niedergesäss wird deutlich: Er will dem Wald keinesfalls mit Fällarbeiten schaden. Ohne die Holznutzung würden die Wälder sogar stagnieren und dunkel werden, versichert er. „Zehn Prozent meiner Waldfläche, darunter Gebiete im Sellingsloh, in Ochtmannien und Neubruchhausen, stehen zudem komplett unter Naturschutz.“ Dort ist absolute Tabu-Zone für jede Maschine und alle Holzfäller. „Dort ist sich die Natur ganz und gar selbst überlassen.“

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