Hans-Heinrich Meyer begleitet Asylsuchende

„Wir müssen die Flüchtlinge arbeiten lassen“

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Hans-Heinrich Meyer ist seit Jahren im Einsatz, um Flüchtlingen bei der Integration zu helfen. Im Gespräch mit der Kreiszeitung zieht er ein Fazit.

Br.-Vilsen - Von Karin Neukirchen-Stratmann. Hans-Heinrich Meyer aus Bruchhausen-Vilsen engagiert sich seit Jahrzehnten für ausländische Bürger. Als Entwicklungshelfer lebte er mit seiner Familie 23 Jahre in Afrika, später war er in Pakistan, Rumänien, Bosnien-Herzegowina und Indien aktiv. Seit 2014 ist der heute 80-Jährige als einer der ersten Asylbegleiter in der Samtgemeinde tätig. In dieser Zeit hat er 16 Familien betreut. Im Gespräch mit der Kreiszeitung zieht er ein Fazit.

In 16 Mappen hat Meyer dokumentiert, was die Familien mit seiner Hilfe bewerkstelligt und erlebt haben – von der Anmeldung der Kinder im Kindergarten oder in der Schule bis hin zu ärztlichen Diagnosen und Krankenhausbesuchen.

Neuland ist die Betreuung von Flüchtlingen für Meyer nicht. „Ich gehöre zu der Generation, die heute die dritte große Flüchtlingskatastrophe miterlebt. 1945 kamen nach dem Zweiten Weltkrieg aus den deutschen Ostgebieten Flüchtlingstracks in unseren Landkreis. 1995 waren es Flüchtlinge des Kriegs in Bosnien. Auch damals mussten Wohnraum und Unterbringung organisiert werden. Seit 2014 stehen wir zum dritten Mal vor einem Flüchtlingsproblem, und ich hoffe und wünsche mir, dass wir es auch diesmal schaffen.“

Als die Samtgemeinde vor drei Jahren bei einer Vortragsveranstaltung in Asendorf um Flüchtlingshelfer warb, überlegte der ehemalige Entwicklungshelfer nicht lange und sagte zu. „Ich würde es noch mal machen“, bilanziert er.

Vier von 16 Familien noch in der Samtgemeinde

Von den 16 durch Meyer betreuten Familien leben heute noch vier in der Samtgemeinde, um die er sich nach wie vor kümmert. Auch wenn ein Einsatz als Flüchtlingshelfer eigentlich nur zehn Besuche umfassen sollte, wie eine lose Vorgabe des organisierenden Vereins „Lebenswege begleiten“ lautet. Doch auch danach ist noch viel Hilfe nötig, sagt Meyer.

Die Art der Hilfe durch die Asylbegleiter verändert sich mit der Zeit, erzählt er. „Die ersten Aufgaben nach der Ankunft bestanden in der Unterbringung und der Versorgung mit Lebensmitteln. Zu diesem Zeitpunkt sprachen die Flüchtlinge kein Deutsch, nur wenige konnten Englisch, da war eine permanente Betreuung notwendig“, sagt der Bruchhausen-Vilser.

Nachdem die Flüchtlinge angekommen und in die ihnen von der Samtgemeinde zugewiesenen Wohnungen eingezogen waren, standen oftmals Arztbesuche an. „Außerdem die Anmeldung und Registrierung beim Kreis oder beim Ausländeramt in Syke. Und danach dort, wo die Flüchtlinge das erste Mal deutschen Boden betreten hatten; oft war das in Friedland, da mussten sie also auch hin zur Registrierung.“ Ohne Deutschkenntnisse kein einfaches Unterfangen: „Mit der Bahn ab Syke bedeutet das fünf Mal umsteigen, fast unmöglich für Neuankömmlinge. Ich habe die Flüchtlinge daher nach Verden gefahren, so konnten sie sich wenigstens zwei Mal umsteigen sparen.“

Regelmäßige Fahrten zum Arzt

Fahrten zu Ärzten und ins Krankenhaus standen ebenfalls auf der Tagesordnung von Hans-Heinrich Meyer. Der Sohn einer Familie etwa musste in Delmenhorst operiert werden, „da bin ich mit der Mutter dann ein oder zwei Mal die Woche hingefahren.“ Sechs Babys kamen in den drei Jahren in von Meyer betreuten Familien auf die Welt. „Eine Frau hatte sich in Bremen ein Krankenhaus angesehen, sie wollte dort entbinden. Dann ging es nachts los, und der herbeigerufene Rettungswagen brachte sie nach Nienburg. Also bin ich auch mitten in der Nacht nach Nienburg gefahren; die Frau war ja auf eine ganz andere Klinik eingestellt und etwas panisch.“ Am Ende ging alles gut.

„Aus Nienburg gab es auch sehr schnell die Geburtsurkunde, was gut war. Das ist nicht immer so, wenn die betroffene Familie keine Heiratsurkunde vorweisen kann. Und selbst wenn doch – die wäre auf Arabisch und müsste erst mal beglaubigt und übersetzt werden.“ Viel zu viel Aufwand, wie Hans-Heinrich Meyer oft bei Verwaltungsdingen denkt.

Die meisten Flüchtlinge seien inzwischen schon länger hier. Schwerpunkte der momentanen Betreuung seien die Vermittlung der Sprache und die Integration in den Arbeitsmarkt. „Die Agentur für Arbeit verteilt die Berechtigungsscheine für Sprachkurse. Es gibt A- und B-Kurse. Nur die erfolgreiche Teilnahme am schwereren B1-Kurs berechtigt zum Arbeiten in Deutschland“, sagt Meyer.

Anerkannte Flüchtlinge gehen ins Jobcenter

Neben dem Besuch von Sprachkursen sei es für die Geflüchteten auch wichtig, ein Konto zu eröffnen und eine Gesundheitskarte zu bekommen. Für anerkannte Flüchtlinge ist das Jobcenter zuständig. „Es übernimmt die Verwaltung und überweist die Sozialleistungen, die in Höhe des Hartz-IV-Satzes liegen“, sagt Meyer. Dann können sich die Flüchtlinge auch eine eigene Wohnung suchen. Das hatte laut Meyer zur Folge, dass viele die Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen verlassen haben und nach Syke gezogen sind. Dort vermuten sie bessere Verkehrsanbindungen und Kontakte zu anderen Flüchtlingen. Für Meyer bedeutet der Wegzug aus der Samtgemeinde das Ende seiner Betreuung. „Im Moment habe ich daher nur noch vier Familien.“

Das vorrangige Ziel sei es, die Deutschkenntnisse zu vertiefen. „Aber nicht jeder Flüchtling will Deutsch lernen.“ Wichtig ist es in den Augen von Meyer, die Geflüchteten im Ort in freiwillige Aufgaben einzubinden. „Ich nehme sie zum Beispiel mit zum ,Tag der sauberen Landschaft‘.“ Das komme in der Bevölkerung gut an.

Meyer wünscht sich viel mehr Flexibilität von der Samtgemeinde-Verwaltung. „Können Flüchtlinge nicht zum Beispiel beim Bauhof mitarbeiten? Oder einfach im Herbst Blätter fegen auf öffentlichen Wegen? Es gäbe so viele Möglichkeiten. Dann sähe auch die Bevölkerung, dass die was tun.“

„Die anfängliche Euphorie ist abgeflaut“

Denn Meyer macht sich Sorgen wegen negativer Bemerkungen gegenüber Flüchtlingen. „Die anfängliche Euphorie ist abgeflaut, ich habe Angst, dass die Stimmung kippt“, sagt der 80-Jährige. Er ist sicher: „Wir müssen die Flüchtlinge arbeiten lassen, dann funktioniert auch die Integration.“

Was gut klappe, sei die Integration von Kindern. „Wenn die erst einmal in einem Verein Fuß gefasst haben, läuft das prima. Natürlich muss man aber aufpassen, dass sie nicht nur am Spielfeldrand stehen und zugucken, sondern mitmachen dürfen.“

Enttäuscht ist Meyer von den Familien, die die Samtgemeinde inzwischen wieder verlassen haben: „Keiner von denen hat sich verabschiedet, die waren einfach plötzlich weg. Das hat schon wehgetan.“

55 Wohnungen für Flüchtlinge

Für die Unterbringung von Flüchtlingen und Obdachlosen hält die Samtgemeinde aktuell 55 Wohnungen bereit; zwei davon gehören ihr, die anderen sind angemietet. Die Finanzierung ist in der „Benutzungs- und Gebührensatzung“ geregelt. Die Kosten für die Unterkünfte betragen laut Volker Kammann, Leiter des Fachbereichs Bürgerservice, zwischen 6,73 und 13,92 Euro pro Quadratmeter. 

„Grundsätzlich sind die Quadratmeter-Preise für kleinere Wohnungen höher als für größere“, erklärt er. Eingerechnet sind auch die Personalkosten für die Verwaltung der Wohnungen (nicht aber der sonstige Aufwand zur Betreuung der Geflüchteten).

Der Landkreis Diepholz erstattet der Samtgemeinde die kompletten Beträge. Um neu ankommende Flüchtlinge sofort unterbringen zu können, sind unter den 55 auch ein paar leere Wohnungen.

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