„Ich war auf einmal am Ende“

Martfelderin Hanna Rinke hat schlechte Erfahrungen mit Ersatzmedikamenten gemacht

Martfeld - Von Alina Pleuß. Es fing mit Bauchschmerzen an. Langsam kamen weitere Beschwerden wie ständiger Harndrang und Panikattacken hinzu. Schließlich zog der Schmerz immer weiter in Richtung des Herzens, bis auch dort etwas nicht in Ordnung schien. Die mit ihren 90 Jahren bis dahin noch so agile Hanna Rinke kam plötzlich kaum noch vor die Tür. Bald war der Grund gefunden: Sogenannte Ersatzmedikamente hatte die Martfelderin zuvor statt den ursprünglich von ihrem Arzt verschriebenen bekommen – weil sie günstiger sind.

„Ich will niemandem die Schuld geben. Den Ärzten und Apotheken sind meiner Meinung nach ja auch die Hände gebunden“, meint Rinke gutmütig. „Die Ärzte haben nur ein bestimmtes Budget und müssen irgendwo sparen.“ Nur dass das auf Kosten der Patienten geht, kann die 90-Jährige nicht verstehen.

Ein Herzinfarkt erschütterte das Leben der Martfelderin 2016 – einen Tag nach Heiligabend. Und obwohl nach dem Aufenthalt im Krankenhaus und der dreiwöchigen Reha alles wieder einigermaßen in Ordnung schien, ging der Albtraum für sie dann erst richtig los. Nach und nach wurden die meisten ihrer Medikamente – für das Herz, für den Cholesterinwert sowie ein Blutverdünner – gegen günstigere Produkte ausgetauscht. „Ich habe schon damals gesagt, nachdem ich mir die Packungsbeilagen angesehen hatte: ,Das ist nicht richtig! Das sind zwar die gleichen Wirkstoffe, aber andere Zusatzstoffe‘“, erinnert sie sich. Sie hatte recht.

Dann fingen die Nebenwirkungen an. „Ich war auf einmal am Ende. Es ging mir wirklich Elend. Ich war sonst immer viel unterwegs, aber plötzlich konnte ich nicht einmal mehr das Haus verlassen.“

Als die 90-Jährige die Packungsbeilagen der Original-Medikamente mit denen der Ersatzprodukte verglich, stach ihr der Unterschied direkt ins Auge: Zweitere hatten beinahe die fünffache Länge. „Das lag an der langen Liste der Nebenwirkungen“, erklärt Rinke resigniert.

Ihr persönliches Glück, wie sie es bezeichnet, war es, dass sie routinemäßig einen Termin bei ihrem Kardiologen hatte. „Ich erzählte von den starken Nebenwirkungen und wie schlecht es mir ging.“ Prompt ordnete er an, eines der Ersatzmedikamente ganz abzusetzen. „Mein Körper sollte die Stoffe erst einmal abbauen und sich erholen. Dann habe ich ein neues Medikament bekommen. Damit geht jetzt alles ganz gut“, sagt Hanna Rinke.

„Das wird Geld aus dem Fenster geworfen“

Dennoch soll sie weiterhin eines der Ersatzmedikamente nehmen, da die Kosten für ein anderes Mittel nicht von der Krankenkasse übernommen werden. „Ich habe bei meiner Krankenkasse angerufen und nach anderen Möglichkeiten gefragt. Da sagte man mir, es gebe nur eine Alternative: Ich könne mir ein Privatrezept holen und einen Anteil der Kosten selbst bezahlen.“

Im Gespräch mit Bekannten und Freunden hat Hanna Rinke erfahren, dass sie nicht die einzige Betroffene ist. Viele ältere Menschen klagen über starke Nebenwirkungen durch günstigere Ersatzmedikamente. „Dieses Problem muss öffentlich werden. Viel zu wenig Menschen wissen davon, und die meisten nehmen es einfach hin. Hätte ich mich nicht gekümmert, wäre ich jetzt vielleicht im Pflegeheim. Oder schlimmer“, meint Rinke mit ernstem Blick.

Außerdem entstünden durch diese Praxis unnötige Kosten. „Die Ersatzmedikamente, die ich nicht vertrage, werden jetzt weggeschmissen – das wird Geld aus dem Fenster geworfen. Meiner Meinung nach ist das eine Fehlinvestition. Warum wird dieses Geld nicht direkt in die richtigen Medikamente investiert?“, fragt sich die Martfelderin.

Für Rinke gibt es nur eine Lösung: „Ich werde meinen Anteil zahlen, um die Originale zu bekommen. Auch wenn es meiner Meinung nach nicht richtig ist, aber das ist mir jetzt egal. Hauptsache, die Schmerzen hören auf.“

Ersatzmedikamente

Für viele hochpreisige Medikamente gibt es günstigere, ebenfalls offiziell zugelassene Ersatzprodukte; die Hersteller versprechen die gleiche Wirkung. Allerdings sind die Inhaltsstoffe in der Regel anders zusammengesetzt, was sich durch Nebenwirkungen bemerkbar machen kann. Krankenkassen wünschen wegen ihres niedrigeren Preises den Einsatz von Ersatzprodukten – wenn vom Arzt nicht anders angegeben, gibt der Apotheker auf Rezept das günstige Mittel heraus. Wenn der Patient darauf besteht, das Original zu erhalten, muss er meist selbst bezahlen. Ärzte können auch die Original-Medikamente verschreiben, aber nur, wenn ein relevanter Grund dafür vorliegt. mah

www.apotheken-wissen.de

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