Goldenes Knistern

Hendrik Simon berichtet von Erfahrungen bei der Seenotrettung im Mittelmeer

Hendrik Simon

Br.-Vilsen - Bilder sagen mehr als tausend Worte. Doch Worte verleihen den Bildern noch mehr Gewicht. So zumindest beim Vortrag am Montagabend in der „Scheune“ in Bruchhausen-Vilsen zum Thema Seenotrettung im Mittelmeer zu dem der Verein „Lebenswege begleiten“ eingeladen hatte.

Der Redner war Hendrik Simon aus Bremen, der als ehrenamtlicher Helfer für zwei Wochen bei der Rettung von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer geholfen hat und jetzt erneut für etwa fünf Wochen nach Malta fliegt. Von dort aus starten die Schiffe der Hilfsorganisationen wie „Jugend hilft“ oder „Sea-Watch“.

Mit seinem Team zuständig für die Erstversorgung

Angesprochen hatte ihn damals die Hilfsorganisation „Cadus“. Simon war auf dem Seenotrettungskreuzer „Minden“ als Fahrer der Rettungsboote (Schlauchboote) im Team. Die kleineren Boote wie die „Minden“ seien vor allem für die Erstversorgung verantwortlich: Rettungswesten ausgeben, Wasser verteilen, medizinische Hilfe. Sie warten dann auf größere Schiffe, deren Besatzungen ihnen die geretteten Flüchtlinge abnehmen. Dann geht es zurück auf die Suche nach dem nächsten Schlauchboot.

Das sogenannte SAR-Gebiet (Such-und-Rettungsgebiet) liegt vor der libyschen Küste, westlich von Tripolis. Die Ehrenamtlichen suchen außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone, also in einem Bereich, der rund 19 Kilometer hinter der Küste im Meer liegt. „Davor ist libysches Hoheitsgebiet, das wäre zu gefährlich. Alles danach ist internationales Gewässer“, sagt Simon.

Bei schlimmsten Wetter auf der See

Die Arbeit beinhaltet aber nicht nur die Rettung der Flüchtlinge vom Schlauchboot. Neben dem Einsatz auf See gibt es eine Vor- und Nachbereitung, ein Briefing, die Fahrt zur Ausgangsposition. „Die dauert etwa 24 Stunden“, sagt Simon. Auf dem Schiff, mit dem er im September und Oktober vergangenen Jahres unterwegs war, waren neben ihm außerdem ein Arzt, eine Krankenschwester, eine Seglerin, ein Maschinist, ein Kapitän und ein Journalist an Bord.

Acht Tage lang hatte das Team schlechtes Wetter mit bis zu zwei Meter hohen Wellen. „Wir hatten hauptsächlich mit Festhalten zu tun. Das Geschirr. Uns“, erinnert sich Simon. „Das Boot wackelt wie Hölle.“ Auf Flüchtlingsboote sind sie in der Zeit nicht gestoßen. Die seien erst gekommen, als sich das Wetter gebessert hatte.

Hauptaufgabe: durch ein Fernglas schauen

Die Hauptaufgabe bestehe zunächst darin, durch ein Fernglas zu schauen. „Es ist natürlich schön, wenn man niemanden findet. Aber es ist auch zermürbend, nur durchs Fernglas zu gucken.“ Dabei sei es teilweise schwer, ein graues Boot von einer Welle zu unterscheiden.

Die Boote kämen meist früh morgens, da sie in der Nacht an der libyschen Küste starten. Sobald eins gefunden ist, beginnt die Rettung: Kontaktaufnahme, Vertrauen aufbauen, medizinische Notfälle suchen, zählt Simon auf. Was ihm vor allem im Gedächtnis bleibt: das Rascheln und Glitzern von Rettungsdecken. „Goldenes Knistern“, nennt Simon es.

Berührende Darstellung

Seine Erinnerungen an die Zeit auf dem Mittelmeer berührten die Zuhörer. Als das erste Bild eines mit Flüchtlingen besetzten Schlauchboots auf der Leinwand erschien, herrschte fast bedrückende Stille. Als Simon dann noch erläuterte, dass auf ein Schiff bis zu 180 Menschen gepfercht werden und nahezu alle durch das Gemisch aus Benzin und Salzwasser am Boden des Boots Verätzungen an Beinen und Füßen haben, folgt ein Kopfschütteln und Worte wie „puh“ oder „mein Gott“.

„Was wünschen Sie sich?“, fragt eine der Anwesenden den Referenten, der außerhalb seiner Einsätze als Informatiker arbeitet. Erwarten jetzt viele Forderungen wie mehr Einsatz, mehr Helfer, mehr Boote, ist es ein einfacher Satz, der unter die Haut geht: „Nicht dort sein zu müssen.“

vik

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