„Gib ihm bloß keinen Schokoriegel“

Vortrag zeigt: In jedem steckt ein Wutzwerg – ob Kind oder Erwachsener

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Referent Thomas Rupf gab Eltern Tipps zum Umgang mit der Wut ihrer Kinder. 

Martfeld - Von Vivian Krause. Auf das Wort „Arsch“ folgt lautes Gelächter. Kaum zu glauben, dass in dem Raum des Kindergartens Abenteuerland eben keine Kinder sitzen und Schimpfwörter herausschreien, sondern rund 50 Eltern, die einen Erziehungsvortrag hören. Referent Thomas Rupf spickt den Abend mit Humor. „Ich bin nicht der Typ, der mit dem Zeigefinger losgeht“, sagt er.

Wut haben Kinder ebenso wie Trauer und Fröhlichkeit von Geburt an in sich. Schon zu Beginn räumt Diplom-Pädagoge Thomas Rupf mit einem falschen Verständnis von Wut auf. Sie ist nicht gleichzusetzen mit Aggression, sondern eine Vorstufe davon. Wut ist nur der Druck, eine Spannungsenergie im Körper, das „Ich könnte am liebsten ...“-Gefühl.

Rupf unterteilt die Wut in mehrere, gesunde Formen.

– Expressive Wut: „Es gibt Kinder, die aus dem Nichts hochgehen.“ Bei ihnen müsse sich die Wut entladen, der Druck müsse raus. Auslöser dafür kann bereits Langeweile sein.

– Angstmotivierte Wut: „Aus Angst resultiert nicht nur ein Weinen, sondern auch Wut“, sagt Rupf. Als Beispiel nennt er Schaum, der beim Waschen in die Augen gerät. Dann würde kein Kind seine Eltern ruhig darauf hinweisen, dass das Auge brennt, sondern wohl eher schreien.

– Bei derfrustmotivierten Wut hat Rupf gleich mehrere Beispiele auf Lager: morgens aufstehen, in die Kita gehen, nicht auf den Arm dürfen, Zähne putzen ... Eigentlich könne der ganze Tagesablauf Frust auslösen. Wichtig sei, dass die sogenannte Frustrationstoleranzgrenze des Kindes hoch ist. Das könne trainiert werden. Angenommen, die Eltern unterhalten sich und werden vom Kind immer wieder unterbrochen – dann sollten sie eben nicht dafür jedes Mal innehalten, sondern dem Kind zeigen, dass es normal ist, dass zwei Erwachsene jetzt ein Gespräch führen. „Man muss Kinder gesundem Frust aussetzen.“

Kollektiv-aggressive Wut entsteht, wenn Kinder sich zusammenschließen. Auch Erwachsene fallen in diese Gruppe, bei ihnen äußere sich das beispielsweise im Lästern. Das mache schließlich alleine vor dem Spiegel auch keinen Spaß.

Innengerichtete Wut äußert sich, indem Kinder beispielsweise ihren Kopf auf den Tisch hauen. So lange sie damit aufhören, sobald sie Schmerz empfinden, sei auch diese Form gesund. Alles darüber hinaus nicht mehr.

Zudem unterscheidet der Referent zwischen denoffenen und verdeckten Wutzwergen. Erstere seien Kinder, die sich auf den Boden schmeißen, mit Gegenständen werfen oder sich so stark aufregen, dass sie sogar bewusstlos werden.

Die verdeckte Wut äußere sich darin, dass Kinder sich langsam bewegen, ruhig werden und teilweise noch ein Grinsen aufsetzen, wenn sie sich beispielsweise in aller Ruhe die Schuhe anziehen. „Die machen das immer, wenn sie keine Lust auf etwas haben“, sagt Rupf. „Das sind Profis.“ Auch Ironie und Ignoranz können Zeichen verdeckter Wut sein.

Alle diese Wut-Typen gebe es laut Rupf nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen. „Kinder müssen lernen, keine Grenzen zu überschreiten“. Ein Beispiel: Wirft sich ein Kind im Supermarkt auf den Boden, ist das ein angemessenes Verhalten. Räumt es jedoch die Regale leer, ist es nicht mehr angemessen.

Nach dem „Warum“ fragen

Wichtig sei laut Rupf, bei der Wut niemals nach dem „Warum“ zu fragen. Man sollte über die Wut sprechen, in dem man das Gefühl spiegelt. In etwa mit dem Satz „An deiner Stelle wäre ich jetzt auch wütend, weil ...“. So schuldet das Kind den Eltern keine ausführliche Antwort. „Es ist egal, warum ein Kind wütend ist. Wichtig ist, darauf richtig zu reagieren.“

Sobald sich die Wut entlädt, ist Bewegung das Wichtigste. Darüber baut das Kind seine Wut ab. Die Aufforderung der Eltern an das Kind, sich hinzusetzen und darüber nachzudenken, was es getan hat, sei in dieser Situation unpassend. Erwachsene suchen sich ebenfalls einen Ausgleich für den Wutabbau, sei es das aufgeregte Auf-und-ab-Gehen beim Telefonieren oder das Hacken eines Blumenbeets.

Wie lange eine Wutphase dauert, hängt vom Kind ab. Rupfs Empfehlung: Ohropax rein und aushalten. Aushalten müsste man dabei auch oft die Reaktionen der Gesellschaft. Viele denken, es sei asozial oder das Kind schlecht erzogen, wenn es rumstrampelt und -schreit. „Nehmen Sie ihr Kind schreiend und strampelnd mit. Sollte das Kind aber hauen, müssen sie die Hände festhalten. Das ist ein Grenzübergriff“, sagt Rupf. Zudem mahnt er zur Konsequenz. „Gib’ ihm bloß nicht den Schokoriegel, den es wollte.“

„Die Wut begleitet uns ein Leben lang. Sie altert nicht“, sagt Rupf. Er ist selbst Vater und hat vor allem beim Zähneputzen mit einem Wutzwerg zu kämpfen. Ein gutes Gefühl für die rund 50 Eltern, mit ihren Sorgen nicht alleine zu sein. „Heute werde ich ganz viel beruhigen“, hatte Rupf zu Beginn seines Vortrags gesagt. Und behielt damit recht. Bei jeder Frage rund um das Ins-Bett-Bringen, das Anziehen oder den Streit unter Geschwistern ernten die Eltern Zustimmung und wohlwissendes Nicken in den Stuhlreihen.

www.erziehung-rupf.de

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