Judit Hirscher arbeitet trotz Schwierigkeiten gern in der Flüchtlingssozialarbeit

Gekommen, um zu bleiben

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Judit Hirscher

Br.-Vilsen- „Das ist ein längerer Weg, als wir anfangs gedacht hatten“, sagt Judit Hirscher. Die 36-Jährige ist für den Verein „Lebenswege begleiten“ tätig und kümmert sich als Flüchtlingssozialarbeiterin um die Integration der Flüchtlinge in der Samtgemeinde.

Warum die Sykerin bei dem Bruchhausen-Vilser Verein Ende 2015 anheuerte? „Hier hat man das Gefühl, am Puls der Zeit zu sein“, erklärt die dreifache Mutter, die Germanistik und Theologie studiert hat. „Außerdem ist unser Team hier ein Traum – und bei den Geflüchteten habe ich das Gefühl, dass sie anerkennen, was wir für sie tun.“

Was sich Hirscher wünscht, sind noch mehr Erfolge in der Arbeitsmarkt-Integration. Denn die gestaltet sich bis dato zäh, was oft den noch fehlenden Sprachkenntnissen geschuldet ist. Mitte des kommenden Jahres erreichen viele Geflüchtete ein B1-Sprachniveau. B steht für „selbstständige Sprachanwendung“, es gibt B1 und B2. „Wenn die Flüchtlinge B1 erreicht haben, hoffen wir, dass wir viele Ausbildungsplätze für sie finden.“ Wie für den Pakistani Asif Ali, der nach einem Praktikum Anfang August eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker bei der Firma Schierenbeck in Schwarme begonnen hat.

„Es gibt viele Betriebe, die sich Mühe geben und sich engagieren“, freut sich Hirscher. Insbesondere in der Gastronomie und im Handwerk sieht sie Chancen, die Geflüchteten unterzubringen. „Wir haben aber auch Leute hier, die in Syrien in der Verwaltung gearbeitet haben.“ Diese in Lohn und Brot zu bringen, sei wesentlich schwieriger. Hirscher weiß überdies: „Die Leute sind alle nicht freiwillig hier. Viele warten nur darauf, nach Hause zu kommen, andere wollen hierbleiben.“

Zu den Tätigkeiten von Hirscher gehört auch das Organisieren von Deutschkursen und die Zusammenarbeit mit den Trägern, die die Kurse beispielsweise in Syke anbieten. „Es gibt Kurse für fast alle Leute, die müssen dann aber immer nach Syke fahren“, sagt Hirscher. Das Problem: „Die Papas lernen Deutsch, die Mamas bleiben zu Hause und betreuen die Kinder.“ Deswegen hat sie für „Lebenswege begleiten“ unterschiedliche Kurse in Bruchhausen-Vilsen, Asendorf und Schwarme auf die Beine gestellt, zum Beispiel „Deutsch für Fortgeschrittene“ mit Kinderbetreuung.

Im Angebot ist auch ein Alphabetisierungskurs für Menschen, die selbst in ihrer Heimatsprache weder lesen noch schreiben können. „So wollen wir ihnen helfen, sich zurechtzufinden, sich vorstellen, einkaufen oder die Bushaltestelle finden zu können“, erläutert Hirscher.

Die Bildungs-Bandbreite der Geflüchteten ist groß und stellt für die Sozialarbeiterin eine Herausforderung bei der Integration in den Arbeitsmarkt dar. Zugleich aber holt die Menschen während der Integration das zuvor Erlebte und Erlittene aktuell wieder ein. Gerade jetzt, nachdem die Geflüchteten sich hier in den Alltag eingefunden hätten, würden seelische Probleme zutage treten. „Viele haben Traumata, und viele Kinder zeigen Verhaltensauffälligkeiten“, weiß Hirscher. Dennoch ist sie optimistisch, ganz besonders, was die Kinder angeht: „Es ist schön zu sehen, wie die junge Generation hier reinwächst.“

Ein positives Beispiel ist „Bufdi“ Yara Alsaadi, eine 19-jährige Palästinenserin aus Syrien, die ihren Bundesfreiwilligendienst bei „Lebenswege begleiten“ macht und sich als Übersetzerin und in der Kinderbetreuung engagiert. „Sie hat einfach einen anderen Draht zu den Leuten“, sagt Hirscher. Der 36-Jährigen, die unter anderem als Quereinsteiger-Lehrerin am Gymnasium in Twistringen gearbeitet hat, gefällt die Arbeit mit den Geflüchteten. „Ich habe das Gefühl, hier könnte ich bleiben.“ Und damit hat sie vermutlich viel gemein mit einigen Menschen, die sie in ihrer Arbeit tagtäglich betreut. J ine

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